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Grusswort
In diesem Jahr finden zum zwölften Mal die Internationalen Kinder- und Jugendbuchwochen in Köln statt. Wir begeben uns diesmal mitten ins Herz Europas und richten unseren Blick auf unser Nachbarland Belgien. Außer der großartigen Comic-Literatur, für die Belgien zu recht international anerkannt ist, gibt es dort eine herausragende Literatur für Kinder und Jugendliche, sowohl in flämischer als auch in französischer Sprache. Hinzu kommt eine vielfältige und ebenfalls international anerkannte Bilderbuchszene, wie sie in Europa in dieser Konzentration nur selten anzutreffen ist.
Wir freuen uns sehr, dass zwölf Kinder- und Jugendbuchautoren und Illustratoren aus Flandern und der Wallonie unserer Einladung nach Köln gefolgt sind. Neben so bekannten Autoren wie z.B. Carl Norac, Mario Ramos, Gerda van Erkel und Joke van Leeuwen werden junge, in Deutschland erstmals veröffentlichte Autoren wie Aline Sax, Jan de Leeuw oder Jeroen van Haele in Schulen und Bibliotheken, aber auch in anderen Kölner Kulturinstitutionen lesen und mit dem jungen Publikum ins Gespräch kommen.
Die zweisprachigen Lesungen (flämisch/deutsch, französisch/deutsch) werden durch ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm mit Filmen und Ausstellungen mehr als nur ergänzt. Ganz besonders freuen wir uns, dass es gelungen ist, die Ausstellung «Über den Rand gemalt» nach Köln zu holen, die in einzigartiger Weise die zeitgenössische flämische Illustrationskunst präsentiert ein Augenschmaus nicht nur für Kinder!
An dieser Stelle danken wir allen, die uns persönlich und finanziell in unserem Vorhaben unterstützt haben: Die Staatskanzlei des Landes NRW, die Region Flandern, der Vlaamse Fonds voor de Letteren, die Vertretung der Französischen Gemeinschaft Belgiens und der Wallonischen Region, sowie die Region Brüssel Hauptstadt. Und last not least danken wir unserem langjährigen Partner, dem Best Western Hotel Regent.
Wir wünschen den Kindern und Jugendlichen unserer Stadt, aber auch ihren Lehrern und Eltern und allen am Projekt Beteiligten schöne, spannende und unterhaltsame Wochen mit wunderbaren Büchern und Bildern aus Belgien.
Professor Georg Quander
Kulturdezernent der Stadt Köln
Dr. Hans-Georg Bögner
Geschäftsführer der SK Stiftung Kultur
Dr. Horst Neißer
Direktor der StadtBibliothek Köln
Joachim Zöller
Leiter der Abteilung Medien des Erzbistums Köln
Katholische Öffentliche Büchereien

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Belgische Kinder- und Jugendliteratur von ihren Anfängen bis heute
Belgien gehört zu unseren unmittelbaren Nachbarn und ist doch ein Land, das selten in den Blick genommen wird. Seine Eigentümlichkeit liegt darin, dass es von einer mehr als tausend Jahre alten Sprachgrenze durchzogen wird, welche den romanischen Sprach- und Kulturraum vom Norden und damit vom Niederdeutschen und Niederländischen
trennt.
Die heutigen Regionen Belgiens, Wallonien und Flandern beruhen im wesentlichen auf dieser alten, stabilen Sprachentrennung. Mit Ausnahme der Hauptstadt Brüssel sind die Regionen einsprachig, d.h., in der Wallonie gilt Französisch und in Flandern seit der Sprachunion mit den Niederlanden Niederländisch. In den sogenannten Ostkantonen, dem Gebiet um Eupen und Malmédy, wird als dritte Sprache seit dem Ersten Weltkrieg Deutsch gesprochen.
Wenn man sich mit der Frage beschäftigt, wie sich die Kinder- und Jugendbuchliteratur in Belgien darstellt, muss man sich also fragen, welche Autoren werden in welcher Region gelesen und in welcher Sprache schreiben sie? Bildet die Sprache etwa ein Hindernis dafür, dass ein flämischer Autor in der Wallonie gelesen wird oder umgekehrt?
Die Gleichrangigkeit der beiden großen Sprachen war historisch nicht von vorneherein gegeben. Im Gegensatz zu anderen europäischen Nationalstaaten hatten die Gebiete des heutigen Belgien und der heutigen Niederlande, die Kaiser Karl V. unter der Bezeichnung «Der Kreis der siebzehn Provinzen» in Verwaltung und Erbrecht geeint hatte, ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt, das auf der Anerkennung der Mehrsprachigkeit, auch der gesprochenen Dialekte, und der unterschiedlichen kulturellen Einflüsse beruhte. Doch in Folge der konfessionellen und politischen Auseinandersetzungen war dieses Gebiet auseinander gebrochen: Mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges wurden die sieben nördlichen protestantischen Provinzen selbständig als Niederlande anerkannt, während die zehn südlichen Provinzen (das heutige Belgien) bei der katholischen spanischen Krone verblieben. Nach einer wechselvollen Geschichte mit Zugehörigkeit zu Spanien, Österreich, Frankreich und zuletzt zum Königreich der Niederlande entstand das Königreich Belgien erst 1830. Seine Gründung wurde von den damaligen europäischen Großmächten auf der «Londoner Konferenz» beschlossen, nachdem der Zusammenschluss mit den Niederlanden gescheitert war.
Der junge Nationalstaat entstand als Zentralstaat nach französischem Vorbild auf der Grundlage der Verwaltungsstrukturen, die Napoleon geschaffen hatte. Nationalsprache war Französisch, und wer das Französische nicht als Muttersprache beherrschte, musste es sich aneignen, denn die flämischen Dialekte galten nicht als offizielles Idiom. Das zunächst bestehende kulturelle Gefälle innerhalb Belgiens erklärte sich also aus dem unterschiedlichen Status der Sprachen der einzelnen Gebiete, zu denen die Wallonie, Flandern, Teile des Großherzogtums Luxemburg und Limburgs gehörten. Auf der einen Seite stand das Französische als Kultursprache mit seinem Anspruch auf Universalität, auf der anderen galten die großen niederdeutschen Dialekte des Flämischen, Brabantischen, und Limburgischen, welche die Sprachunion mit dem Niederländischen als Schriftsprache in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch nicht vollzogen hatten. Schon in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts entstand daher die Flämische Bewegung, um dieses Ungleichgewicht zu beheben, die mit den Sprachgesetzen seit 1873 erste greifbare Erfolge erzielte. Sie galten zunächst für die Rechtsprechung und wurden 1878 auf die Verwaltung und 1883 auf den Unterricht erweitert. Ihr gegenüber formierte sich nach dem Ersten Weltkrieg die Wallonische Bewegung.
Die Gründung der belgischen Nationalliteratur wird dem der Verbindung eines Flamen mit einer Wallonin entstammenden Charles de Coster (1827-1879) zugeschrieben. Sein 1867 veröffentlichtes Hauptwerk La Légende et les Aventures héroïques, joyeuses et glorieuses dUlenspiegel et de Lamme Goedzak au pays de Flandre et ailleurs gilt als das belgische Nationalepos. Die Verwendung eines bewusst archaisierenden Französisch, in das die Bildlichkeit und Metaphorik der Dialekte Flanderns und Brabants eingebracht wurden, zielte, ebenso wie die Ansiedlung des Geschehens in einem mythischen, allumfassenden Flandern unter der Regierung Karls V., darauf, eine territoriale und mentale Zusammengehörigkeit vor der eigenen Staatsgründung heraufzubeschwören.
Ähnlich, wenn auch aus einer stärker auf Flandern ausgerichteten Perspektive verfuhr Hendrik Conscience (1812-1883) aus Antwerpen, von dem man zu sagen pflegte, dass er sein Volk lesen lehrte. Sein großer historischer Roman De leeuw van Vlaanderen (1838) wurde zum flämischen Nationalepos. Wie de Coster griff auch Conscience auf die vornationale gemeinsame Kulturgeschichte zurück, indem er die berühmte Guldensporenslag von 1302 schilderte. Es versteht sich fast von selbst, dass de Coster wie Conscience grundlegende literarische und historische Texte waren, die von Kindern gleichsam mit der Muttermilch eingesogen und von Jugendlichen verschlungen wurden. Deutlich machte dieser zweisprachige Beginn der Nationalliteratur aber auch, dass es in Belgien ein historisch gewachsenes, mehr oder weniger stark ausgeprägtes, in Zeiten der Auseinandersetzungen zwischen Flamen und Wallonen vielleicht bisweilen überdecktes, doch ein grundsätzliches kulturräumliches, vorstaatliches Zusammengehörigkeitsgefühl jenseits aller Sprachgrenzen, gibt, das uns erlaubt, gemeinsame Merkmale dieser Literatur in zwei Sprachen herauszustellen. Diese zeigen sich zunächst in einer eigentümlichen Annäherung an die Wirklichkeit, die an der kompakten Banalität des Alltags festhält, als ob damit dem Leben Dauer verliehen werden könne. Immer wieder wird man darum in der Literatur Belgiens das Lob des gelebten Alltags finden. Mit Kommissar Jules Maigret, der zumeist bei einfachen Leuten recherchiert, hat der 1922 nach Paris übergesiedelte Georges Simenon (1903- 1989) und bis heute erfolgreichste Schriftsteller Belgiens, einen weltbekannten Protagonisten des Alltags und der kleinen Leute geschaffen, dem es nicht um spektakuläre Aufklärung eines Falles oder aufsehenerregende Überführung eines Verbrechers geht, sondern der sich ein Milieu empathisch aneignet, um den Weg eines Normalbürgers in die Kriminalität nachzuvollziehen. «Verstehen, nicht verurteilen», so lautet seine, ihm vom Autor unter Berücksichtigung modernster kriminalpsychologisch gewonnener Erkenntnisse in den Mund gelegte Devise. Eine wichtige Entwicklung der Jugendliteratur zeigt sich also in diesen Krimis, die man lange Zeit als &Mac226;Bahnhofsoder Schundliteratur abgetan hat.
Sodann ist Belgien seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, seit Baudelaires Übersetzung der Erzählungen von Edgar Allan Poe, welche durch die weit verbreitete Lektüre von E.T.A. Hoffmann, insbesondere seiner Prinzessin Brambilla verstärkt wurde, das Land der fantastischen Literatur. Der Brüsseler Franz Hellens (1881-1972) gilt als der Erfinder des «fantastischen Realismus» («réalisme fantastique»), jener hinter der äußeren Wirklichkeit liegenden Dimensionen, deren Realität sich zur Inspiration oder zur Vergegenwärtigung in der bildenden Kunst dargestellt findet. Jean Ray (1887-1964) aus Gent ist mit seinen Erzählungen und dem großen Roman Malpertuis (1943) der niederländisch und französisch schreibende Altmeister der fantastischen Literatur, der für Kinder und Jugendliche geschrieben hat.
Es muß erwähnt werden, dass seit dem Beginn der Bildgeschichten, für die sich in Europa rasch die amerikanische Bezeichnung comics einbürgerte, Belgien auch zum Land der sog. «9. Kunst» geworden. Ihr prominentester Vertreter ist Hergé (eigentlich: Georges Rémi, 1907-1983) mit Tim und Struppi (Tintin et Milou), noch heute die weltweit am meisten gelesenen Comic-Alben, die auch fantastische Elemente enthalten. Drei große Comic-Schulen in Antwerpen, Brüssel und Charleroi entstanden und entwarfen Bildgeschichten für junge und alte Leser. Belgien überrascht dabei mit immer neuen Entwicklungen hin zu interaktiven Bild- und Textgeschichten, für die Benoît Peeters und François Schuiten genannt werden können.
Mit der Verbindung von Wirklichkeit und Fremdheit, Alltag und Fantastischem, Bild und Text einerseits und mit ihrer Unvoreingenommenheit gegenüber paraliterarischen Formen wie Krimi, Science Fiction und Comic-Alben hat sich die belgische Literatur einen spezifischen Platz erobert. Einblick in ihre gegenwärtige Lebendigkeit und Vielfalt geben diese belgischen Kinder- und Jugendbuchwochen, bei denen Autoren wie Patrick Delperdange oder Carl Norac aus ihren Werken lesen werden. Von flämischer Seite sind Gerda van Erkel, Els Beerten, Aline Sax u.a. zu Gast in Köln.
VON ANNE BEGENAT-NEUSCHÄFER

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