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Poeten, Spaßmacher und andere AußenseiterInnen
Vorwort von Franz Lettner
Deutschland und Österreich sind einander so nahe, wie es hinsichtlich zweier voneinander unabhängiger Staaten näher kaum denkbar ist. So hat der ehemalige deutsche Bundespräsident Johannes Rau das bekannte Karl Kraus zugeschriebene Bonmot: «Nichts trennt uns so sehr, wie die gemeinsame Sprache» auch dahingehend interpretiert, wie wenig uns also trennt. Dieser Zugang mag für viele Lebensbereiche möglich sein, zumal für jene, in denen die gemeinsame Sprache nur Kommunikationsmedium ist. Schwieriger wird es etwa schon beim Kulinarischen. Und erst recht in der Literatur, in der Sprache Gegenstand und Material ist, Grundstoff und Kunststoff.
Wie weit trennt uns unsere gemeinsame Sprache, gemessen etwa an einem Nöstlingerischem Gedicht: «I hadsch! / I hob ned olaweu / ghadschd / und i wea a ned olaweu / hadschad bleim, / sogd da dogda. / Oba Hadschadsei / is ned leichd.» (aus: «Iba de ganz oaman Kinda») Oder an ein paar Sätzen aus Adelheid Dahimènes Kinderkrimi «Spezialeinheit Kreiner»: «Jedes Ding hat zwei Seiten, Sonne und Schatten, aber krumme Dinger bestehen fast nur aus Ecken und Kanten, zitiert der Polizeichef aus seiner Berufsbibel. Warum decken Sie den Mann, Kreiner, gehört er zur Familie oder hat er Sie abgeschmiert? Er ist ein armer Tropf, so was lässt man laufen, der macht das Kraut nicht fett und bringt Ihnen keinen Stern mehr ein».
Eine Antwort kann lauten: Die gemeinsame Sprache trennt uns so weit, dass man die Literatur des einen Landes zum Schwerpunkt eines Literaturfestivales des anderen Landes machen kann, ohne dass das hier oder dort jemanden wundert. Und sie trennt uns so wenig, dass dabei keine ÜbersetzerInnen vonnöten sind. Das ist schon viel.
Hier ist nicht der richtige und auch zu wenig Platz, um die Geschichte der österreichischen Kinder- und Jugendliteratur nachzuzeichnen. Man tut ihr wohl auch nicht Unrecht, wenn man vereinfachend und vom gegenwärtigen Stand aus behauptet, dass sie die entscheidenden Entwicklungen parallel zur bundesdeutschen Kinderund Jugendliteratur gemacht hat. Es gilt hier also eher dasjenige zu betrachten, worin sich die österreichische Kinder- und Jugendliteratur besonders auszeichnet. Festzumachen ist das auch an jenen Autorinnen und Autoren, die während der Österreichischen Kinder- und Jugendbuchwochen zu Gast sind. An Renate Welsh etwa, der Grande Dame der österreichischen Kinderund Jugendliteratur. Sie hat seit den 1970-er Jahren die wesentlichen Strömungen nicht nur mitgeschrieben, sondern verantwortet und geprägt. Ihr schriftstellerischer Weg führt vom empirischen Realismus zu einem detailreichen psychologischen Realismus, ihre Zuneigung gilt oft den Außenseitern, seien es querköpfige Jugendliche, Menschen mit Behinderung oder andere Randständige. Immer schreibt sie, wie es heißt, um jenen eine Sprache zu geben, die nicht für sich selbst sprechen können. Ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit ist der österreichischen Geschichte gewidmet. «Johanna» (1979), der Roman über ein unehelich geborenes Mädchen vom Land, das im österreichischen Ständestaat der 1930-er Jahre zu Selbstbestimmung und Unabhängigkeit findet, gilt zurecht als Klassiker sozial engagierter und aufklärerischer Jugendliteratur. Auch ihre literarischen Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus sind über Österreichs Grenzen hinaus von Bedeutung. Zuletzt schrieb sie in «Dieda oder Das fremde Kind» (2002) konsequent aus dem Blick eines einsamen Kindes über eine verstörte und verkommene Gesellschaft eines Dorfes in den letzten Tagen des 2. Weltkrieges. Mit ihr schrieben und in ihrer Gefolgschaft schreiben KollegInnen in diesem Sinne weiter über das Leben von Kindern und Jugendlichen in der Gegenwart: Jutta Treiber, die etwa in «Der blaue See ist heute grün» oder «Solange die Zikaden schlafen» Jugendlichen in prekären Lebenssituationen eine literarische Bühne bietet. Es ist das Leben in den Kleinstädten, das Treiber, selbst aus der österreichischen Provinz stammend, oder auch Peter Horn (etwa in «Feuernebel», 2007) beobachten und beschreiben.
Dass in Österreich Lyrik in unterschiedlichsten Formen immer schon wichtig war und immer noch ist, werden Gerda Anger- Schmidt, Martin Auer, Georg Bydlinski und Heinz Janisch beweisen. Sie schreiben auch Lyrik in verschiedenen Spielarten und stellen sich damit in eine Tradition, die mit dem «Sprachbastelbuch» von 1975 einen ersten kinderliterarischen Höhepunkt hatte. Das Sprachspielerische und Sprachschöpferische, ein bewusster, kreativer und doch genauer Umgang mit Sprache ist eine Eigenart der österreichischen Kinderliteratur, der Lyrik wie der Prosa: Janisch und Bydlinski mit einem deutlich poetischen Zugang, Martin Auer mit einem eher gesellschaftskritischen, Anger-Schmidt mit einem humoristischen, Franz Sales Sklenitzka mit einem parodistischen, Christoph Mauz mit einem nahezu komödiantischen oder Adelheid Dahimène mit einem hochgradig sprachreflexiven, alle stehen sie in der Tradition der Wortakrobaten, die am «Sprachbastelbuch » mitgeschrieben haben. Man könnte das natürlich auch weiter zurückführen und auch allgemein-literarisch verorten, hier muss ein Hinweis auf die «Wiener Gruppe» um H. C. Artmann (und in deren Umfeld Ernst Jandl) reichen.
Renate Habinger vertritt in Köln österreichische Illustration. Das passt hervorragend, ist sie doch eine Buchkünstlerin im Vollsinn, die handwerklich-technisch höchst versiert ist, auf die Gesamtgestaltung eines Buches vom Papier bis zur Typografie Wert legt und natürlich wunderbar illustrieren kann. Dass ihren Arbeiten auch ein hohes Maß an Komik innewohnt, verbindet sie nicht zuletzt mit den vorher genannten Autor- Innen.
Neben der gemeinsamen Sprache (und einer deutlich anderen Küche!) ist es vielleicht gerade der Humor, der uns, also Österreich und Deutschland trennt. Ob das so ist, wird sich in den Begegnungen des jungen Kölner Publikums mit den österreichischen KünstlerInnen zeigen. Wir jedenfalls lachen schon jetzt, über das wunderbare Motto der Jugendbuchwochen: «Jö, schau!» heißt es und das kann viel heißen. Für den gelernten Wiener jedenfalls ist das der Titel eines großen Songs aus der Feder von Georg Danzer. Der Liedermacher besingt darin das Hawelka, die große Wiener Kaffeehausinstitution (der auch viele Literaten verbunden waren); im Refrain heißt es: «Jö schau, so a Sau, jössas na / was macht a Nackerter im Hawelka.»

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