 |

SELMA UND ICH SCHREIBEN EIN BUCH (
) Meine Großmutter heißt Selma. Sie schreibt an einem Kinderbuch. Besser gesagt, das Buch schreiben wir gemeinsam. Und die Hauptperson des Buches bin ich, Zeynep. Ich bin ein Mädchen, zehn Jahre alt, und gehe in die vierte Klasse. Ich spiele gern mit Papierpuppen. Ich schreibe auch gern Bücher. In die Schule gehe ich überhaupt nicht gern. Ich habe einen Bruder, Emre, der ist ein Jahr älter als ich und geht in die fünfte Klasse.Was er alles mag, weiß ich nicht so genau. Nur dass er mich manchmal gern ärgert. Unsere Eltern sind für ein paar Wochen verreist. So lange wohnen wir bei der Großmutter.
Alles, was in unserem Buch vorkommt, handelt von mir. Es erzählt ein paar Tage aus meinem Leben. Selma beobachtet mich ständig und macht sich Notizen. Manchmal nimmt sie unsere Gespräche auf Tonband auf.Oder sie stellt Fragen, das heißt, sie macht ein richtiges Interview mit mir, wie mit echten Schauspielerinnen. Manchmal sitzen wir zusammen am Schreibtisch und arbeiten.Wenn wir arbeiten, raucht Selma und trinkt eine Menge Kaffee. Dabei weiß doch jeder, dass das gesundheitsschädigend ist, aber sie raucht trotzdem und trinkt Kaffee. «Eine schlechte Angewohnheit, aber ich kann es nicht lassen!», sagt sie.
Auch ich habe schlechte Gewohnheiten. Zum Beispiel kaue ich Kaugummi. Mit Kaugummi im Mund kann ich besser denken. Wenn Selma schlechte Laune hat, meckert sie darüber. «Noch nie im Leben habe ich eine Schriftstellerin gesehen, die Kaugummi kaut. Mag sein, dass amerikanische Autorinnen so geschmacklos sind, aber gesehen habe ich es noch nie!»
«Man kriegt hier kaum Luft zum Atmen!», schlage ich zurück. «Nur wegen deinen blöden, stinkenden Zigaretten!»
Ich kaue übrigens nicht immer, sondern nur, wenn ich arbeite. Ich lasse auch keine Kaugummiblasen platzen wie die Mädchen in unserer Straße. Ich kaue nur um besser nachzudenken. Alle Autoren haben schlechte Gewohnheiten, dies ist eben meine. Wenn ich mit Selma zusammen arbeite, schreibt sie und ich schreibe. Dann lesen wir einander das Geschriebene vor und unterhalten uns darüber. Manchmal streiten wir uns auch, aber nur, wenn Selma stur wird oder wenn ich aus irgendeinem Grund sauer bin (
)
Meine Großmutter ist eine richtige Schriftstellerin. Ihr Name ist Selma Deniz. Sie will, dass wir einfach Selma zu ihr sagen, nicht Großmutter, das mag sie nicht. Meine Mutter findet das ziemlich daneben. «Eine Mutter ist eine Mutter», sagt sie, «und eine Großmutter eine Großmutter. Ich bin stolz darauf, Mutter zu sein, und zwar eure Mutter! Also sagt ihr gefälligst Mutter zu mir!»
Meine Großmutter denkt da anders. Sie ist überhaupt nicht stolz, Großmuter zu sein. Auch nicht darauf, unsere Großmutter zu sein. Dafür kann sie aber nichts. Sie ist eben nicht wie andere Grossmütter. Sie ist eine Schriftstellerin.
«Ach was, sie will nur ewig jung bleiben!», sagt meine Mutter.
Ja, jung wirkt Selma allerdings. Vielleicht, weil sie so lebhaft ist und gern lacht. Wie sie sonst aussieht? Schwer zu sagen. Denn sie ändert sich ständig. Mal gleicht sie einem Vogel, mal einem fremden Wesen von einem anderen Stern. Manchmal, wenn ihre Augen so schön leuchten, kann ich mich nicht satt an ihr sehen. Aber wie gesagt, ihr Gesicht verändert sich ständig. (
)

|