Kaum über die Stufe gestiegen, wandte sich Nurcan dem Schrank zu. Sie öffnete die Türen des Schranks sperrangelweit. Er war über und über mit Bettzeug gefüllt. Sie zog zwischen den bunten Satindecken, die auf den mit bedruckten Baumwollstoffen bespannten Matratzen gestapelt waren, die rote heraus und packte sie auf ihre Schultern. Auch wir nahmen je eine Decke auf unsere Schultern. Meine war rosa, die von Ayse war blau. Eigentlich hatte es Ayse auf die rosa Decke abgesehen, aber ich war schneller gewesen. Wir legten die Decken auf die Holzbank. Jede von uns holte sich eine Matratze, die wir nebeneinander in der Mitte des Zimmers ausbreiteten. «Die Laken sind in der Truhe», sagte Ayse und zeigtemit den Augen die Richtung an.
Der Anblick der grünen Truhe, die mit beschlagenem Metall, runden Spiegelchen und einem Spitzendeckchen wie eine Braut herausgeputzt war, warf mich fast um. Vorsichtig – die Truhe war das prunkvollsteMöbelstück des Zimmers – öffnete ich den Deckel. Ein lieblicher Duft, der meiner Seele schmeichelte, breitete sich aus. Ich sog die Luft tief ein, nahm drei von den handgewebten Laken, die alle gleich aussahen, heraus und schloss den Deckel wieder sorgfältig. Eines der Laken gab ich Nurcan, eines Ayse und eines behielt ich…
Um die Laken auszubreiten, stellten wir uns mit den Ecken in der Hand nebeneinander und schüttelten sie auf und nieder. Es entstand ein Luftstoß, der die Gardinen vor den Fenstern aufflattern ließ. Wir sahen uns an und lachten. Die Kissen legten wir so hin, dass unsere Gesichter dem Fenster zugewandt waren. Jetzt war das Ausbreiten der Decken an der Reihe. Doch es stand ja noch gar nicht fest, wer wo schlafen würde. Da ich aus Angst meine Bettnachbarinnen zu stören, es nicht wagen würde, mich auch nur zu rühren, hatte ich keine Lust in der Mitte zu schlafen. Aber da ich auch nicht egoistisch sein wollte, sagte ich nicht, «Dort schlaf ich nicht!», sondern wartete auf den Entschluss der anderen. Zum Glück sagte Nurcan: «Ich schlafe in der Mitte!»
Wir nahmen unsere Decken in beide Arme und warfen sie mit Schwung auf die Betten. Nachdemich meineDecke ausgebreitet hatte, setzte ichmich aufs Bett und schaute mich um.Nurcan nahm sich eine Nadel aus demNadelheftchen, das an der Wand hing und stellte sich unter die Glühbirne. Anscheinend wollte sie den Dorn, der beim Dreschen in ihren Finger eingedrungen war, herauspulen.
Ayse zog ihr verbeultes Kissen, das an eine dreidimensionale Landkarte erinnerte, an sich und begann die verfilzte Wollfüllung auseinanderzuziehen und mit kräftigen Schlägen zu bearbeiten. Sie hatte mal wieder ihren Ordnungsfimmel. Sie strich glättend – so als wollte sie das Kissen bügeln – über die zerknitterte Randspitze und die mit Erdbeermotiven verzierte Kreuzstichstickerei. Danach legte sie ihr Kissen sorgfältig auf das Kopfende ihres Bettes.
Zuletzt schlug sie noch die Decke sorgfältig an den Ecken ihrerMatratze ein, zupfte
hier und da ein wenig herum und glättete die Falten.
Schließlich sagte sie: «Seht, mein Bett ist fertiiiig!», dabei zog sie das letzte i säuselnd in die Länge.
Nurcan ballte ihre Hände zu Fäusten und streckte sie siegesbewusst in die Höhe. «Na endlich», sagte sie, «den Dorn bin ich los!» Sie stand in der Mitte des Zimmers. Dann zog
sie das Rockende ihres Kleides hoch – anscheinend war sie dabei sich auszuziehen. (…)