IM ZIMMER Ich glaube, meine Mutter ist jetzt total sauer auf mich.Weil ich ihr gesagt habe, «Stell das Tablett vor die Tür, ich hol es mir rein, wenn ich Hunger kriege». Das ginge endschieden zu weit. Ich würde einen Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück machen. Mensch! Was soll denn das bedeuten? Wer bin ich
eigentlich? Mannomannn…
«Bis hier her und nicht weiter, mein Fräulein! Mein Geduldsfaden ist endgültig gerissen! Was bildest du dir ein!», brüllte meine Mutter so laut, dass die Wände zitterten. Zum Glück hatte ich die Tür abgeschlossen.Wenn sie mit dieser Wut ins Zimmer gerannt wäre, hätte es bestimmt nicht gut für mich ausgesehen.
Ah, mir stinken die Rituale meiner Alten einfach!
Gamze, iß dein Essen! Gamze, dein Onkel ist gekommen, sag guten Tag.
Gamze, sortiere deine Wäsche.
Gamze, was ist denn das für ein Auftritt, so laß ich dich nicht vor die Tür!
Und noch einen ganzen Haufen mehr Blödsinn! Ah, wie ermüdend das alles ist! Gestern Nacht habe ich mich mit Çeto verkracht! Deshalb war meine Laune sowieso schon am Boden. Meine Mutter fehlte noch! Seit ein paar Tagen hat sie es auf meine Piercings abgesehen. Berge von unnützen Wörtern hat sie vergeudet. Nein, die Augenbraue gehe nicht, nein, die Lippe erst recht nicht. Was geht dich das eigentlich an? Nichts geht es dich an, Mama! Misch ich mich etwa ein, wenn du zu Nylonstrümpfen hochhackige Sandaletten trägst? Ich finde, das sieht bescheuert aus, aber würdest du es verstehen? Nein! Also, dann laß uns doch jeder seinen eigenen Weg gehen! Papa mischt sich doch auch nicht ein, oder? Ihm bin ich sowieso egal.
Nur, als ich mit dem Vorbereitungskurs für die Uni begonnen hatte, kümmerte er sich ein wenig um mich. Am ersten Tag hat er mich dorthin begleitet. Der Anblick der Typen, die mit zum Kurs gingen, hat ihn ein wenig verwundert. «Du bist nicht wie die anderen», hat er tatsächlich zu mir gesagt. Ich hätte Ausdruckskraft. Hoppala! Die, die er «Die anderen» nannte, sahen aus wie brave Streber.Mit ihren Rucksäcken, Jacken und Halbschuhen glichen sie Standardschülern.Mit wem vergleicht er mich überhaupt! Mein Vater ist schon ein eigenartiger Mann. Ich hab noch nie erlebt, dass er sich zu mir setzt und mich nach meiner Meinung zu irgendeinemThema fragt. Er kennt mich nur durch meine Mutter. Soweit man es überhaupt «er kennt mich» nennen kann… Er nimmtmich noch nicht einmal richtig wahr.
Ja, und dann seine letzte Nummer… Das war der Hammer! Wie sagte er noch? Ach ja, ich würde ein schlechtes Vorbild für Buri darstellen! Der Junge sei jetzt schließlich in einem Alter, wo er alles verstehen würde. Aber um die Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, würde ich sogar meinen kleinen Bruder benutzen. Und der hätte, so hat er mich aufgeklärt, einen richtigen Namen. Er wäre eine Persönlichkeit, ginge zur Schule und lerne Klavier, also bitte! Über so viel Dummheit kann ich nur lachen. Sollen die doch glücklich werden mit ihrem Buri!
Was nicht heißt, dass ich Buri nicht mag! Er ist so ein süsser Spatz… Er schickt mir übers Handy Kurznachrichten wie: «Darf ich reinkommen?»… Lautet meine Antwort «Komm», steht er sekundenschnell vor meiner Tür. Genau wie eine Katze… Ich öffne die Tür einen Spalt und er schleicht hinein. Genau wie eine Katze… Noch nicht einmal eine Katze darf ich in diesem verdammtenHaus haben! Katzen haaren nämlich! Mannomann…