Es war bitterkalt. Ohne ihren Mantel wäre die Vogelscheuche erfroren. Seit dem Morgen hatte es ununterbrochen geschneit. Und auf dem weiten, schneebedeckten Feld war außer ihr nichts und niemand zu sehen. Ihre Gefährten des Sommers – Feldmäuse, Grillen, Schmetterlinge und Vögel – hatten sich zum Winterschlaf verkrochen oder waren in den Süden geflogen.
Doch was war das? «Träume ich? Ist das nicht ein Star?» wunderte sich die Vogelscheuche. Tatsächlich – das schwarze Knäuel, das sie von Weitem entdeckt hatte, entpuppte sich als junger Star, der im Schneetreiben Flugversuche unternahm. «Gib’s auf ! Bei diesem Sturm schaffst du es nie», rief die Vogelscheuche. Der kleine Star hörte sie nicht.
Er flatterte noch ein wenig herum und landete – hopplahopp – auf ihrer Schulter.

Zaghaft erkundete er das seltsame Gesicht; er hatte schon viel Schauerliches über
Vogelscheuchen gehört.
«Hallo, kleiner Star.Was machst du denn hier – bei diesem Wetter?»
Die freundliche Stimme beruhigte den Vogel. «Ich wollte unbedingt den Schnee kennen lernen und wie ein Spatz den Winter hier im Norden verbringen. Auweia, wie dumm von mir! Und jetzt kann mir niemand mehr den Weg zeigen. Meine Freunde sind alle schon längst unterwegs.» «Allein in den Süden zu fliegen ist gefährlicher als zu bleiben.»
Die Vogelscheuche bot dem Star die Innentasche ihres Mantels als Nest an. Dort waren wundersamerweise viele, viele Getreidekörner versteckt. So beschlossen die beiden kurzerhand, die kalte Jahreszeit gemeinsam zu verbringen.
Der junge Vogel war so müde, dass er sofort einschlief, nachdem er sich in die Tasche eingekuschelt hatte. Da fühlte die Vogelscheuche zum ersten Mal etwas Warmes, das sanft an ihrer Brust schlug. Das Herzklopfen des Vogels erschien der Holzpuppe wie ihr eigenes. Als der Star wieder erwachte und aus seinem Nest blinzelte, war es bereits dunkel. Es hatte zu schneien aufgehört, und der Mond glänzte am Himmel. Plötzlich ertönte durchdringendes Geheul.
«Das sind Wölfe, … hungrige Wölfe. Paß auf!» flüsterte die Vogelscheuche aufgeregt.
Der Anführer der Wölfe erkannte, dass er nur einer leblosenGestalt nachgejagt war und wurde wütend. Er zerrte an ihrem Mantel, bis er schließlich einsah, dass diese magere Beute seinen Hunger nicht stillen konnte. Knurrend trottete er mit seinem Rudel davon, nicht ohne sich misstrauisch umzublicken, als witterte er den armen kleinen Star. Die Vogelscheuche und ihr Schützling aber seufzten erleichtert auf.
Die folgenden Wochen verbrachte der Star zufrieden in seiner Manteltasche, bis er eines Morgens durch das rauhe Krächzen einer Krähe aufgeschreckt wurde. Gerade reckte er sein Köpfchen heraus, um nachzusehen, was los sei, als die Vogelscheuche ihn warnte. Die Krähe, die noch nie zuvor eine sprechende Vogelscheuche gesehen hatte, schien verwirrt.
Sie konnte es einfach nicht glauben, zwickte den struppigen Gesellen deshalb, packte seinen Hut und flog damit davon.
«Heiliger Strohsack! Hast du das gesehen?» empörte sich die Vogelscheuche. «Zum Glück hat dieser Räuber wenigstens die Getreidekörner nicht gefunden.» Der Star konnte nicht lange mitansehen, dass die Vogelscheuche so erbärmlich am Kopf fror. Und so wagte er sich hinaus in die eisige Winterlandschaft.… (…)