WAR DIE SONNE SCHON IMMER DA? Die größte Leidenschaft meiner Großmutter ist das Geschichtenerzählen. Sie hat eine Art, selbst die unglaublichsten Geschichten so zu erzählen, dass man sie ihr einfach glauben muss. Allen Geschichten gemeinsam ist, dass es «Geschichten mit Moral» sind.
Ich weiß nicht, wieviele Geschichten ich an dem Tag schon gehört hatte. Ich war so genervt, dass ich kurz davor war, zu explodieren. Als meine Großmutter die Zahnpasta zwischen meinen Pullovern fand, fing sie sofort an, eine ihrer Geschichten zu erzählen.
«Es war einmal ein Kind, das die Zahnpasta zwischen seinen Pullovern versteckte, nur um sich nicht die Zähne putzen zu müssen. Als es nachts aufstand, da…»
Eine Geschichte über die Gefühle der Zahnpasta, die einen zu Tränen rührte!
Als am Ende das unartige Kind vor der Tube auf die Knie fiel, um sich bei ihr zu entschuldigen, konnte ich mich nicht mehr halten vor Lachen. Meine Oma sah das und war eingeschnappt.
«Anstatt zu lachen, solltest du lieber versuchen zu verstehen, was man dir mit dieser Geschichte erklären will,» sagte sie und verließ mein Zimmer.
Die beste Zeit, diese Angelegenheit zu regeln, war beim Frühstück. Während ich das Butterbrot verspeiste, das sie mir geschmiert hatte, ohne mich dabei anzusehen, redete ich los.«Oma, ich bin schon groß. Erzähl deine Märchen meiner Schwester! An die Geschichte mit der Zahnpasta von gestern Abend glauben doch nur Babys.» Meine Großmutter blickte vor sich, biss sich auf die Lippen und schüttelte den Kopf. In beleidigtem Ton meinte sie: «Wenn du meine Geschichten nicht magst, erzähle ich nie wieder eine!»
«Oma, erzähl sie mir und nicht ihr,» fuchtelte meine Schwester um sich. An dem Tag erzählte meine Oma weder mir noch meiner Schwester eine Geschichte. Ungehindert konnten wir allen möglichen Unfug machen. Schließlich gab es ja keine Geschichte mit Moral mehr! Am nächsten Morgen begann meine Schwester beim Früstück wie gewohnt, ihre blöden Fragen zu stellen: «Oma, warum ist Milch weiß? Warum ist der Himmel blau? Warum ist Marmelade süss?»
Meine Großmutter biss sich auf die Lippen. Sie holte tief Luft und streichelte meiner Schwester über den Kopf. «Ich würde dir das alles gerne beantworten, aber ich bin fest entschlossen, Euch keine Geschichten mehr zu erzählen.»
Mit flehender Stimme mischte ich mich ein: «Kannst du uns keine Antworten geben, ohne sie in Geschichten zu verpacken?»
Sie schmollte immer noch mit mir. «In Geschichten findet man Wahrheiten. In ihnen stecken Hinweise, mit denen man die Geheimnisse des Lebens entdecken kann. Wenn ich Anworten auf die Fragen deiner Schwester in Geschichten packe, wird sie sie nie mehr vergessen.»
«Nach jedem Unsinn, den wir machen, erfindest du eine Geschichte oder ein Märchen, beantwortest alle unsere Fragen auf diese Weise. Ich habe genug davon,» sagte ich.
«Ich krieg nie genug davon, Oma, erzähl,» drängelte die Rotznase.
«Geschichten gehen jedem Menschen durch den Kopf. Wenn Grossmütter sie erzählt haben, erfüllen sie die Herzen ihrer Enkel,» meinte meine Oma.
«In dem Punkt hast du Recht! Immer wenn ich die Zahnpastatube sehe, fällt mir deine Geschichte ein. Wie das Kind vor der Tube auf die Knie gefallen ist, werde ich sogar noch meinen Enkeln erzählen,» erwiderte ich schmunzelnd (…)