 |

KAREN ENGLISH wurde in Vallejo, Californien geboren und wuchs in Los Angeles auf. Sie studierte an der California State University Psychologie und Pädagogik. Die Begeisterung für Bücher zeigte sich bei Karen English schon sehr früh und sie versetzte sich mit Vorliebe in die unterschiedlichen Protagonistinnen, obwohl die damalige Jugendliteratur noch keine jungen, afroamerikanischen Heldinnen kannte, mit denen sie sich identifizieren konnte. Ernsthaft zu schreiben begann die vierfache Mutter allerdings erst, nachdem ihre Kinder größer waren. Viele ihrer bisher erschienenen Romane wurden mehrfach ausgezeichnet. Karen English ist Mitglied der Gesellschaft der Kinderbuchautoren und Illustratoren sowie der Internationalen Vereinigung schwarzer Schriftsteller und Künstler. Sie arbeitet weiterhin als Lehrerin in einer Grundschule in Oakland, wo sie mit ihrem Mann lebt.
|
 |

Francie
Dressler Verlag, Hamburg, 2001
Die zwölfjährige Francie lebt in einer kleinen Stadt in Alabama. Am liebsten setzt sie sich mit einem Buch auf den Hügel, blickt den Zügen nach und träumt von ihrem Vater, der weit weg in Chicago arbeitet. In seinen Briefen verspricht er immer wieder, die Familie bald nachzuholen doch solange er noch nicht genug Geld verdient hat, müssen Francie und ihre Mutter bei weißen Frauen putzen, waschen und kochen. Eines Tages taucht ein Junge in Francies Schule auf: Jesse, der trotz seiner sechzehn Jahre weder lesen noch schreiben kann. Francie beginnt ihn zu unterrichten. Als Jesse aber plötzlich vor dem Scheriff fliehen muss, steht sie vor einer schwierigen Entscheidung. Sie soll ihm helfen und damit ihre ganze Familie in Gefahr bringen?
(
) »Was´n das?«, fragte Jesse mich am folgenden Montag. »Was meinst du?« »Das da«, sagte er und legte seine Finger auf das Bild eines Orangenhains.
Ganz langsam und sorgfältig arbeitete er sich durch The Little Red Hen.
Ich musste mir auf die Zunge beißen, um nicht zu gähnen. Es brauchte eine Menge Geduld, ihn nicht gleich zu verbessern. Er sollte selber hören, wie die Worte klangen. Manchmal musste ich es ihm allerdings vorsagen. Dann wiederholte er das Wort vier- oder fünfmal und machte sogar die Augen dabei zu, um
es sich vorzustellen. Aber dieses Wort brauchte ich ihm dann nie mehr zu sagen.
»Das nennt man einen Orangenhain. Hier gibt´s so was nicht.« Ich sah zum Fenster hinaus, auf die Bäume, die hier wuchsen: Kiefern und Pecanobäume, Pfirsiche und Storaxbalsam. Keine Orangenbäume.
»Wo gibt´s denn die?«
»Die wachsen in Florida und Kalifornien.« »Wo ist das, Kalifornien?« »Auf der anderen Seite von Amerika. Da, wo der Pazifische Ozean ist.« »Und wo ist das?«
Ich sah in sein ernstes Gesicht. Er kannte den pazifischen Ozean nicht. Ich stand auf und sah den Gang hinunter zu dem kleinen Zimmer, das Miss Lattimore als Büro benutzte. Dann nahm ich den Atlas vom ersten Pult und schlug ihn bei der Karte der Vereinigten Staaten auf.
Jesse beugte sich über mich. »Wir sind hier«, sagte ich und zeigte ihm, wo Alabama war. »Und der Pazifische Ozean ist hier.« Ich fuhr mit dem Finger langsam über die ganze Karte, um ihm zu zeigen, in was für einem großen Land wir lebten. »Das ist zweitausend Meilen weit weg.«
»Zweitausend Meilen«, wiederholte er und zog an seinem Ärmel. »Da geh ich mal hin, eines Tages, dahin, wo sie Orangen auf Bäumen wachsen lassen.« Er dachte einen Augenblick darüber nach. Dann nickte er kurz, als wäre das jetzt beschlossene Sache.
Er stand auf und ging zur Tür, so wie jeden Tag, und sagte, mehr Zeit hätte er nicht. (
)
|