|


|
|
Familienleben. Photographien von Thomas Struth
10. Januar – 20. April 2008
(Köln, Mediapark)
Im Mediapark 7, 50670 Köln
Familienleben.
Photographien von Thomas Struth
Mit dem Ausstellungs- und Buchprojekt Familienleben von Thomas Struth präsentiert die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur einen wichtigen thematischen Bereich im Werk des Künstlers, den er seit 1985 bis heute fortlaufend erarbeitet. Für Struth (*1954), von 1973 bis 1980 Student an der Kunstakademie Düsseldorf – zunächst bei Gerhard Richter, dann in der Klasse von Bernd und Hilla Becher – stellt die Auseinandersetzung mit dem Familienbild, neben dem Einzel- und Doppelportrait, einen integralen Bestandteil seines vielfältigen Motivspektrums dar. Dies erarbeitet er nicht linear, Serie nach Serie, sondern abwechselnd und zyklisch. Dabei setzt er die einzelnen Bilder und Bildreihen seines über dreißig Jahre gewachsenen Archivs – das Stadt-, Straßen- und Architekturansichten, Landschaften, Naturstudien, Innenansichten von Museen, Kirchen und, damit einhergehend, Betrachterstudien enthält – wiederholt neuen Fragestellungen und kritischen Sortierungen aus. Schon dieses Vorgehen ist ein Beleg für sein grundsätzliches Interesse an Entwicklungs- und Wahrnehmungsprozessen, an der je unterschiedlichen Wirksamkeit von Wechselbeziehungen; das Thema Familienportrait eröffnet in diesem Zusammenhang eine zusätzliche Dimension.
Die Familienbildnisse von Thomas Struth entstehen in unterschiedlichen Ländern, während seiner Aufenthalte zum Beispiel in Schottland, England, Japan, Italien, Deutschland, China, Amerika oder Peru. Die Familien, die er photographiert, entstammen vorwiegend aus Personenkreisen, die ihm privat und – mit Vertretern aus dem Kunst- und Kulturbereich – beruflich nahe stehen. Insofern erzählen die Photographien auch etwas über den Künstler und das von ihm gewählte Lebensumfeld, verorten ihn gleichsam innerhalb seines internationalen Bekannten- und Wirkungskreises und portraitieren ihn mittelbar wiederum selbst.
Der Anfertigung eines Familienbildes liegt ein allseits durchdachter, zugleich aber auch lockerer Ablauf zugrunde, der sich auf mehrere zeitlich weit auseinander liegende Treffen verteilen kann. Bis zu 60 Negative werden bei solch einem Treffen belichtet, wobei später gemeinsam eine Auswahl getroffen wird, nur ein oder zwei Aufnahmen gelangen zur Vergrößerung.
In jedem seiner Familienbilder sucht Struth, der Gruppe eine einzigartige Gestalt zu geben, geschaffen durch den gegenwärtigen Augenblick, in dem sich die Geschichten und Einzelschicksale der Dargestellten verbinden und kristallisieren. Sie machen Lebensformen sichtbar, die sich aus hierarchischen oder egalisierenden Kräften und Temperamenten, aus freudigen, traurigen, ernsten oder verdeckten Stimmungen zusammensetzen. Der Betrachter vermag in den Portraits dem jeweiligen Lebensfilm entnommene Standbilder oder Typogramme zu erkennen, die – sind ihre Zeichen auch mit Kenntnis der kulturellen oder privaten Hintergründe nur bedingt dechiffrierbar – ausgesprochen stimulierend wirken, eine Anleitung zu Reflexion und Befragung darstellen. Wenn Struth also den Vitalität implizierenden Terminus „Familienleben“ dem Begriff „Familienportraits“ vorzieht, der lediglich den Gegenstand definiert, so erscheint das durchaus plausibel. Nicht zuletzt knüpft er mit diesem Titel auch an eine frühere Studie über private Familienbilder an, die er mit Ingo Hartmann, einem befreundeten Psychoanalytiker, auf ihren Aussagegehalt hin auswertete, eine Untersuchung, die nun bezogen auf seine eigenen Photographien in Erinnerung gerufen wird.
Mit seinem Anspruch an ein möglichst vorbehaltloses und präzise gezeichnetes Bild, das nicht allein Auskunft über die jeweils individuelle Situation der Abgebildeten gibt, sondern zeitgeschichtlich relevante, undogmatisch künstlerische Botschaften über das Entstehen und die Veränderung von Lebensumständen, Beziehungen und Umgangsformen vermittelt, steht Thomas Struth in einer bedeutenden kunstgeschichtlichen Tradition. Bereits in der Malerei des 17. Jahrhunderts hatte das Familienportrait, in dem sich individuelle wie allgemein kulturelle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Gegebenheiten spiegeln, einen Höhepunkt. Seit ihren Anfängen spielt auch in der Photographie die Darstellung des Menschen, und damit das Gruppenportrait, eine zentrale Rolle.
Vor diesem Hintergrund sieht man sich bei den Familienportraits einer enormen Bandbreite von Betrachtungsmöglichkeiten gegenübergestellt, angeregt etwa durch ästhetische, kunstgeschichtliche, historische, psychologische, pädagogische, soziale oder auch private Interessenslagen.
Thomas Struth stellt seinen Blick auf das „Familienleben“ auf zweierlei Ebenen vor. Zum einen in dem vorliegenden Buch, dessen Bildfolge er mit seinen frühen 1985 in Schottland und 1986 in Japan entstandenen Familienphotographien eröffnet. Sie stehen dort, nicht um eine chronologische Entwicklung des Themas zu entfalten, sondern weil sie auf kulturelle Erscheinungsbilder verweisen, die bei aller Gegensätzlichkeit ähnliche Aspekte zutage fördern und insofern eine gute Ausgangsposition für eine Bildreihe sind, die en détail, im Vor- und Zurückblättern, auf ihre Bezüge hin befragt werden will. Zum anderen hat Thomas Struth für die Ausstellung eine Präsentationsform gewählt, die im Wechsel von sehr großen mit kleineren Formaten dem Betrachter einen distanzierten bis partnerschaftlichen Blickkontakt mit den Abgebildeten erlaubt und dem kommunikativen Moment wie der Möglichkeit der Identifikation ein besonderes Augenmerk einräumt. Indem Thomas Struth für jedes seiner Bilder einen spezifischen Ort aussucht, aber auch – sozusagen als visuelle Pausenzeichen – Leerstellen bedenkt, setzt er sie in ein bühnengerechtes Verhältnis zueinander. Damit erschließt sich ein eigener künstlerischer Lebensraum oder auch Kosmos, der zum Verweilen, Rätseln und Nachdenken einlädt.
Der Katalog mit Texten von Gabriele Conrath-Scholl, dem amerikanischen Schriftsteller und Journalisten Eric Konigsberg und Thomas Struth erscheint im Schirmer/Mosel Verlag und kostet € 49,80.
Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Im Mediapark 7, 50670 Köln, Tel.: 0221/226-5900, Fax: 0221/226-5901, photographie@sk-kultur.de, www.photographie-sk-kultur.de

|