poetic mail
SK Stiftung Kultur - Wurfgedicht 48



Die Comtesse Charlotte als fliegende Riesen-Roose*

"Weil wir träumen, wenn wir leben,
Weilwir leben, wenn wir träumen"
(August von Platen)

Die Comtesse ist immer allein
Eine Frau, zur Faust geschlossen.
Außen Dichtung, innen Schleim.

Die Comtesse hat Zeit, genug Zeit, um ihre Finger zu zählne,
genug Hunger, um sie sich einzeln von der Hand zu fressen.
Ob aus jedem Stumpen eine Rose wächst?
Charlotte, Charlotte,
Es macht mir großen Spaß, dein Entsetzen zu photographieren.
Jetzt. Und jetzt. Und jetzt. Und jetzt. Bis kein Funken Leben
zwischen einer endlosen Kette von Bildern mehr zurückbleibt.

Jetzt. Steht sie auf.
Das Laken, eine Zunge voller Träume, leckt ihr hinterher.
So rot und heiß.
Kaum wach, wächst schon die Lust, zurückzusinken.
Jetzt. Fährt sie mit der Dusche ihren Körper ab.
Alles da, nur jeden Morgen ein Jahr älter.
Jetzt. Zupft sie die Barthaare.
Jetzt. Cremt sie sich ein.
Jetzt. Tanzt sie vorm Spiegel, den Walkman im Slip.
Und jetzt. Nimmt sie die schweren Brüste in die Hände,
drückt sie hoch. Ganz fest, bis die Nippel wie Daumen
nach oben zeigen.
So steil müßte man sein, und dann zum Film!
Aber wenn Charlotte die Hände wieder weg nimmt, sackt
leider
alles in sich zusammen, und ihr Leib sieht aus wie irgendein
Leib.
Nackt, gezeichnet. Eine Wunde, die nicht heilt.

Jetzt. Klingelt einer an der Tür.
Erst wird gekichert, dann gestöhnt.
Fünf Minuten absolute Stille.
Heißa, das ist Leidenschaft.
Will er bleiben, bitte, bitte,
nein, er möchte hauen ab.

Ach.
Ließe sich die Welt doch nur im Bett umkreisen!
Beine breit, die Zunge rausgestreckt.
So krönte die Comtesse den ganzen Dreck
mit ihrer königlichen Speichelspur.

Jetzt. Öffnet die Comtesse den Kleiderschrank.
Lauter fremde Leute, die auf Bügeln hängen.
Wenn sie nur wüßte,
ob sie Röcke oder Hosen,
Socken oder Strapse tragen soll.

Soll sie sich Locken drehen,
Schnurrbart stehen,
bräunen, färben, naßrasieren,
operieren, parfümieren,
wachsen, ölen, tätowieren?
Soll sie Kind sein oder dominieren?
Schlips, Corsage, Hosenträger,
Spitze, Seide, Nadelstreifen,
Muskeln, Make-up, falsche Beine?

Die Comtesse weiß nur, daß sie ihre dünne Haut verstecken
muß.
Keiner darf merken, daß sie durchsichtig ist und täglich
ihrem eignen Herzen bei der Arbeit zusehn muß.
Sie ist nackt.
Nackt.
Nackt.
Nackt wie eine Zunge, die blitzschnell hervorschießt,
wenn man die Lippen nicht fest genugzusammenpreßt.

Jetzt. Geht sie einkaufen.
Jetzt. Kehrt sie zurück.
Nichts los, nur paar Gummibärchen im Gehen verdrückt.

Seit einiger Zeit durchsuche ich den Abfall der Comtesse.
Jetzt. Weiß ich, daß sie Toast und Müsli, Pizza und Spaghetti ißt,
genau wie ich. Dann der Sekt in Strömen, meine Marke.
Ich glaube, sie trinkt.

Abends verfolge ich so lange Charlottes Fernseh-Geräusche,
bis ich die Sendung finde, die sie eingeschaltet hat.
Wenn ihre und meine künstlichen Stimmen zu einem Chor
verschwimmen, stöhne ich auf.
Jetzt. Sind wir uns nah, wie nie zuvor.
Sie und ich, ein Auge und ein Ohr.

Charlotte, Charlotte.
Es macht mir großen Spaß, dein Entsetzen zu photographieren.
Jetzt. Und jetzt. Und jetzt. Und jetzt. Bis kein Funken Leben
zwischen einer endlosen Kette von Bildern mehr zurückbleibt.

Jetzt. Gehst du schlafen.
Jetzt. Ziehst du dich aus.
Im Traum wachsen Rosen aus deiner Faust.



von Barbara Maria Kloos
* nach einer Zeichnung des schizophrenen Schweizer Künstlers Adolf Wölfli


erschienen in:
Krautgarten, Forum für junge Literatur, Nr. 28, Juni 1996
ISSN 0771-6079, DM 10,00

empfohlen von:
Bruno Kartheuser, Autor und Herausgeber

poetic mail - ein Präsent
der SK Stiftung Kultur, Kulturstiftung der Stadtsparkasse Köln
http://www.sk-kultur.de

poetic mail wird versandt und technisch betreut von
ITZ Informationstechnik Zentrum Köln