poetic mail
SK Stiftung Kultur - Wurfgedicht
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Metamorphosen
Als wir beieinander standen, ganz dicht,
schweigend in der Frühe unseres Morgens
und ich Deine Wärme spürte, Deinen Atem,
da waren wir EINS. -
Du und ich. -
Doch als wir zu sprechen begannen,
sprach jeder nur von sich.
Ich von mir -und Du von Dir. -
So fühlten wir
unser ganz persönliches So-Sein,
wurden uns unserer Getrenntheit gewahr. -
Und als wir dann zu handeln begannen,
handelte jeder auf seine Weise,
ich so - und Du anders. -
Damit entfernten wir uns voneinander
mehr und mehr. -
Und als dem Handeln das Urteilen folgte,
als wir anfingen Erfahrungen zu werten,
verloren wir uns aus den Augen,
verloren uns in der Welt,
im Schwarz und Weiß
der Teilung aller Dinge. -
So ging denn jeder seinen Weg,
ich meinen - und Du den Deinen. -
Wir sahen und lernten.
Wir hörten und lernten.
Wir sahen - und begriffen.
Wir hörten - und fühlten.
Wir begriffen, fühlten
und begannen zu ahnen.
So stiegen wir auf,
vom Erkennen zur Erkenntnis,
empor durch Raum und Zeit. -
Und als das Ahnen zum Verstehen,
als aus der Sicht die Ein-Sicht wurde
und Festes nicht mehr fest,
Geformtes letztlich formlos war,
als wir dem Schein die Maske nahmen
und sahen, daß alles nur in uns
und aus uns selbst entstand,
daß es stets nur die eigenen Worte waren,
die teilend und trennend sich zwischen
uns geschoben hatten
und daß nichts,
gar nichts jemals für sich bestand
und bestanden hatte,
daß es weder Losgelöstsein
noch Verschiedenheit gab, -
da standen wir wieder beieinander,
ganz dicht,
schweigend
in der Frühe eines neuen Morgens, -
da waren wir wieder EINS. -
Wir Menschen
begegnen uns
im Nebel der Zeit,
in dem die Wege
verborgen,
die sich einst
kreuzen werden,
die sich einst
berühren werden,
die einst
verschmelzen werden
und sich wieder trennen
. Auf Bahnen des Lebens
werden wir geführt,
bestimmt füreinander
als Aufgabe,
als Frage,
als Antwort
auf eine Zeit,
in einer Zeit.
Statisten
und Hauptdarsteller,
Handelnde
und Gehandelte
im unbekannten Spiel
der ewig gestaltenden Kraft. -
von Henry Meseck
erschienen in:
Henry Meseck, Spieglungen, Gedichte
SVG Stuttgart, ISBN 3-9255756-12-6, DM 19,80
empfohlen von:
Renate Canisius, Bürgermeisterin der Stadt Köln
poetic mail - ein Präsent
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