poetic mail
SK Stiftung Kultur -
Wurfgedicht 58
In diesen Tagen
1.
Wir sind geboren für eine Zeit,
die unsern Vätern lichte Zukunft schien,
doch uns ruhmlos gegenwärtig ist
und die uns, falls wir sie überleben,
finster vergangen sein wird.
2.
In diesen Tagen lebe ich
in Kerkern der Flüchtigkeit, nicht besser
und sicherer als in Kartenhäusern,
eingerichtet, daß kein Verlust mich schmerze
und mein Lachen nicht zur Grimasse werde.
Das Zwielicht meiner Tage weist
Untiefen der Wahrheit auf, in die ich nichts
an Traum und Zuversicht versenken kann,
in diesen Tagen lebe ich
von der Hoffnung auf Hoffnung, eingerichtet,
daß keine Furcht und kein Verzweifeln mich schmerze.
3.
Ich werde den Tod der Amsel
vor meinem Fenster nicht beklagen
doch beklagen den Tod eines jeden,
der starb vor der Zeit, im septemberentbundenen
maßlos entfesselten Herbst, der menschen-
und völkerfressend im Sommer über uns kam,
als nichts zerbrochen oder verwelkt werden wollte.
4.
Doch mir ist Grund gegeben, zu hoffen,
daß der oder jener in den Blütezeiten
des Wetterwendischen sich verbergen kann,
Chamäleon, in des Dunkels und Halbdunkels Farbe
dem großen Raubtier nicht sichtbar
in Ruß und Rauch der zerbrochenen
Himmel auf Erden.
Und mir ist Grund gegeben, gut zu denken
von der kommenden Sintflut,
wird sie das Ungeschiedene doch,
das uns zittern und zweifeln macht, scheiden
in des einen Tod und des andern Überleben,
das sicher sein wird,
solange die Wasser dann sinken...
von Christoph Meckel
erschienen in:
Christoph Meckel, Werkauswahl. Lyrik Prosa Hörspiele
Nymphenburger Verlag, München, ISBN 3-485-00289-5, DM 26,80
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