poetic mail
SK Stiftung Kultur - Wurfgedicht 93



Aneignung

Ich nehme mir ein Blatt, vermesse das mir zugefallene Terrain,
bis zu den Gleisen, an den Siedlungen vorbei, an den Fabriken,
hinter den Gärten..

Ich notiere die Namen, Alter Beruf Haarfarbe, wie einer
den Kopf hält beim Betrachten der Passanten,
wie eine, beim Überqueren der Straße, zwischen
die Autos hindurch, nicht vergißt, den Schal
neu zu binden..

Ich schreibe auf, was ihnen einfällt zu den Wiederholungen
des Tages, den Angeboten der Welt, wie sie sich einrichten
für sich zusammen und nebeneinander mit dem Bild
aus den Galerien dem geerbten Schreibtisch, bis sie
umziehen wollen, unbedingt, in die andere Wohnung.

Ich vermerke die Titel der Bücher, gestapelt nebem dem Bett
sortiert in den Regalen, erwähne die Farbe den Schnitt
der Kleider, die sie trugen, auch an kühlen Tagen, und will
nicht unterschlagen die Musik, die von ihren CD-Playern
kam, abends nach zehn..

ich nehme ein Blatt, lege es über die Muster der Räume, kopiere
die Lebensläufe, von anderen vor mir entworfen, fertige
eine Biographie aus verfügbarem Material, setze Daten ein,
nachzuprüfen in den Akten, jedes flüchtige
Detail, lege die Beweise offen auf den Tisch, vorbehaltlos
einsehbar jedem, der sich versuchen will
in so einem Leben der Fälschung
ohne Netz und festen Boden..



von Christel Mertens


erschienen in:
Akzente, Zeitschrift für Literatur, Juni 1993 ISSN 0002-3957

empfohlen von:
Sabine Sonnenschein, Filmreferentin, Jugendfilmclub Köln e.V.

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