poetic mail
SK Stiftung Kultur - Wurfgedicht 97



Wir sind nicht gegen uns selbst immun

Meine Zunge hat Gruenspan und traeumt in der Fruehe davon
sich mit Gras, dem abgeworfenen Nachthemd der Sonne, ganz zu bedecken
oder beim Morgenspaziergang am Fluss mit an der Grenze versprengtem
zaertlich staeubendem Heroin, das nie eine Ader von innen sehen wird,
ueberpudert zu werden.
So zerstreut ist das Morgenlicht, wie Summen im Ohr nach dem Bad
Waerme steigt aus dem Rhein in sich straeubenden Wasserpflanzen
und doch hat mein Himbeerherz Angst vorm Sterben.
Waer das wohl die Rettung, zu Mikroben zu zerfallen und wirklich
viele zu werden, nicht mehr in versprengter Lebenskraft zu trotzen, in
ausgetrockneten Hagebuttenbuescheln im Februar?

Du, Liebster, fragst, wo unser Stuetzpunkt bleibt -
schmelzendes Haarknaeuel im Foengeblaese
Ratte zwischen Erde und Barackenboden
entzieht sich mir, in dieser Inter-Welt
wo das Zentrum nirgends ist, doch auch nirgends die Peripherie:
Die Grenzen halten sich mit den Zaehnen an Hochspannungsleitungen fest.
Die Zuege halten in meiner Stadt bloss deshalb, um
jenseits der Grenze weiterzufahren. Sie kommen nicht an.

Es ist, als werde der Teer unter unseren Fuessen fluessig, obwohl
das Thermometer anzeigt: Minus zehn Grad. Und die Weisung -
produziert daraus Farben, um nicht selbst in den Stoff zu zergehen.
Die wie Kot verschrumpelten Laboratoriumsmaeuse steigen in Rauchzeichen auf
aus dem chemischen Fabriken an der Flackernden Grenze zu Frankreich
doch in der Stadt ist die Zeit so schwer, dass sich sich
als Metallstaub in deinen Schuhen sedimentiert. Ankermedusen
beschweren das Rheinufer in der regenlosen Zeit.

Nichts wirft diese Stadt um mit ihrer ausgewogenen Asymetrie
knochengelber Kraene, die hintereinander stehn
Skelette von Archäopteryx, Homo Sapiens, Werwolf und einem patentfaehigen
Schwein
und vergittern die Stadt im Hologramm wie ein Roentgenarchiv.

Baustelle und Archiv. In der Luecke zwischen
blitzblankem Geruest und zu renovierendem Buergerhaus
laesst die Abwehrfaehigkeit nach wie in von
HIV-Viren verschlungenen Bestaenden weisser Blutkoerperchen.
Bloss zwischen Rheinwasser und Flussbett
schwimmen schwarze Teufelchen aus dem zwoelften Jahrhundert umher und
zwinkern.

Keiner ist mehr gegen sich selbst immun.
Meine Nierenkuegelchen spicken im ueberheizten Supermarkt umher
Quecksilber aus dem am Heizkörper zerbrochenen Thermometer:
erst willst du dich krank geben, dann wirst du krank.
Nun kann ich unterirdisch zu allem werden oder zu nichts -
zu einem Sporenpilz, einem Wort, einem Stachelschwein...
Spuerst du mich unter den Sohlen, Liebster, als
leichten und scharfen Bimsstein oder uneben gefrorenen Schneematsch?

Es ist ganz einfach: Ich bin nicht gegen mich selbst immun
und verliere mein ganzes Protein. Es wirbeln ausgetrocknete
Informationen
im angeschwollenen Koerper durcheinander, ich
trinke und esse, und doch wird hier nichts saemig:
Meine Woerter schwimmen auf der Syntax wie Oel auf Wasser
darin die Voegel eingehn. Blaeschen steigen im Wortoel und auch
auf den Lippen, die allergisch reagieren auf den ranzigen Lippenstift.



von Martina Hügli


erschienen in:
45 Gedichte
Emons Verlag, Köln, ISBN 3-924491-83-6, 24,80 DM

empfohlen von:
Ursula Schröter, Referentin Kultur und Medien der SK Stiftung Kultur, Kön

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