Kölner Tanztheaterpreis
10.000 DM | Stifter: Kölner Stadt-Anzeiger


Tamara Stuart Ewing
und Vera Sander


Von wegen, Köln hat kein künstlerisches Tanz-potential! Die Jury konnte sich diesmal nicht entscheiden und hat den Tanztheaterpreis geteilt. Sie zeichnet Tamara Stuart-Ewing für ihre tänzerische Leistung in ihrem Solo „scarred“ und Vera Sander für ihre choreographische Leistung in „State of Transition“ aus.
Stuart Ewing überzeugt in „scarred“ durch intensive Bühnenpräsenz und den stringenten Einsatz sich wiederholender choreographischer Muster, mit denen sie sich an den Rand der physischen Erschöpfung tanzt. Sanders Choreographie beeindruckt durch eine komplexe und fein komponierte Struktur und das durchdachte Zusammenspiel verschiedener Medien.

Beide Künstlerinnen sind Tänzerinnen und Choreographinnen. Beide haben auch schon den Deutschen Videotanzpreis gewonnen. Vera Sander ist zum zweiten Mal Preisträgerin des Kölner Tanztheaterpreises. Weiter so!!!
Informationen über beide Künstlerinnen finden Sie auf unserer homepage:
www.sk-kultur.de/videotanz



Laudatio Kölner Tanztheaterpreis 2001
Für Tamara Stuart Ewing und Vera Sander

Liebe Theaterfreunde,
liebe Freunde des Tanzes,

das tänzerische und choreografische Niveau der freien Tanzszene in Köln ist ebenso wie ihre Experimentierfreude so erfreulich angestiegen, dass die Tanzjury vor einer schwierigen Aufgabe stand. Nominiert waren Lincoln Giles und Britta Lieberknecht, die beide medial betonte Tanzinstallationen präsentierten, Dyane Neiman und Koni Hanft mit theatralen Tanztheaterstücken, und die beiden Preisträgerinnen Tamara Stuart Ewing mit einem Tanzsolo, das sie selbst choreografiert hat, sowie Vera Sander, die mit ihrer Choreografie für fünf Tänzer überzeugt hat.

Alles sehr unterschiedliche Ansätze auf einem hohen Niveau, die es da zu bewerten galt. Deshalb unsere Entscheidung, den Preis zu teilen – was eine Ausnahme bleiben soll -, um einmal die tänzerische Qualität bei Tamara Stuart Ewing und die choreografische Qualität bei Vera Sander auszuzeichnen.

Würde der Schmerz Gestalt annehmen, dann würde er tanzen wie Tamara Stuart Ewing in ihrem Solo "Scarred – Vernarbt." Eine einzige, gewaltsame Energie charakterisiert durchgängig ihr Tanzstück.
Wenn die Tänzerin zum Sound eines elektronisch-kalten Wasserrieselns langsam nach vorne kommt, ist diese Energie noch verhalten, wie eingekapselt in ihrem Körper. Doch jäh bricht die Energie nach außen durch. Es liegt etwas ungemein Bezwingendes, nicht bloß Virtuoses in dem Solo von Tamara Stuart Ewing, das nur einen Ausdruck kennt: Schmerz - selbst in den Phasen zermürbender Langsamkeit. Begleitet vom nervenzerrenden, dann wieder kontemplativen Sound von Andreas Wagner, eingehüllt vom effektiven Lichtdesign Frédéric Richards - noch in der Regungslosigkeit ein Bild voller Körperspannung und Intensität. Aber so wie sich die Tänzerin mit ihrer expressiven Bewegungssprache trotz all ihrer Kraft verletzlich zeigt, wandelt sie Schmerz in Schönheit um.

Einmütig war die Jury von Tamara Stuart Ewings ungewöhnlicher tänzerischer Ausdruckskraft so angetan, dass ihr der Tanztheaterpreis 2001 zuerkannt wurde.
Und nun zu Vera Sander:
"Panta rhei" – alles fließt. Ein Grundsatz, der Heraklit zugeschrieben wird, nach dem das Sein als ewiges Werden und Vergehen immer in Bewegung ist. Ein Gedanke, der auch hinter Vera Sanders Tanzstück "State of transition" steht, und den sie in eine überzeugende Choreografie umsetzt.

Die Bühne ist an drei Seiten hermetisch abgeschlossen.
Ein Mann zieht sich ganz langsam an, Schicht für Schicht. Eine Frau schlängelt sich wild durch den Raum. Ein Dritter hält einen Holzbalken, der in Zeitlupe zu fallen scheint. Bald winden sich fünf Tänzer auf dem Boden, mächtig rollt ein elektronischer Bass, das Licht wechselt von kühlem Blau zu warmen Rot: alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.
Wie die Kleidung den Körper umschließt, so scheint eine unsichtbare Kraft die Tänzer zu umschließen, ihnen "Druck" zu machen, sie voranzutreiben. Immer wieder fallen sie aus den schnellen, präzis getanzten Bewegungskaskaden heraus auf den Boden. Der Raum wird zum Energiefeld, in dem sich die Tänzer allein, im Duo oder als Gruppe bewegen, den Raum in allen Richtungen nutzen, parallel oder gegenläufig, synchron oder versetzt.

In Vera Sanders Choreografie spiegelt sich der Zustand permanenter Verwandlung in einem ständig neu ansetzenden Fluss der Bewegungen. Dass diese abstrakte Ebene ihres Konzeptes überhaupt funktionieren kann, liegt am Zusammenspiel aller: dem raffinierten Licht Horst Mühlbergers, der energetischen Musik von Dirk Specht, den grobkörnigen Videos von Oliver Schwabe mit Bildern von Häusern und Landschaften, und natürlich an den großartigen Tänzern Daniele Gullo d´Elia, Yaron Shamir, Teresa Ranieri, Geraldo Si Loureiro und vor allem Jun In Jung, die den Blick die ganze Zeit fesseln.
Alle Elemente fügen sich zu einem reinen Tanzstück zusammen. Dabei ist nicht wichtig, was zwischen den Tänzern passiert. Was allein zählt ist deren Energie, ihr Timing und ihre Anordnung im Raum.

Ein hochästhetisches Bild von Werden und Vergehen, das in seiner Intensität berührt und noch lange im Gedächtnis bleibt.
Tanz, so hat mir Vera Sander einmal im Gespräch gesagt, ist für sie eine der sinnlichsten Theaterformen. Bewegung reizt sie als unendliche Ausdrucksmöglichkeit des Körpers. Ihr Tanzstück "State of transition" gibt uns einen Eindruck davon.
Deshalb haben wir ihr den Tanztheaterpreis 2001 zuerkannt.
Die Stadt Köln kann sich glücklich schätzen, dass solche Tänzer und Choreografen wie die Preisträger, alle Nominierten und alle anderen darüberhinaus auch, hier leben und arbeiten.
Dank an alle, denn sie bereichern die Kultur dieser Stadt.

Die Tanztheaterjury: Henrike Kolmar, Klaus Keil, Basil Nikitakis
(Verfasser der Laudatio: Klaus Keil)




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