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Die Entdeckung der Langsamkeit Postmoderner Tanz aus Schweden Schweden hat zwei "Mütter des Modernen Tanzes" aufzuweisen, wie es ein Kritiker einmal so treffend formuliert hat, und beide haben den gleichen Vornamen, beide wurden 1908 geboren, und beide sind interessanterweise in ihrer Ausbildung stark vom modernen deutschen Tanz beeinflußt, den sie weiterentwickelten. Neben Birgit Cullberg, der Leiterin des international renommierten Cullberg-Ballett+ ist es Birgit Åkesson, die mit ihrem unvergleichlichen solistischen Individualstil den modernen Tanz deutscher Tradition, den Ausdruckstanz, fortgesetzt und revolutionär erneuert hat, dabei selbst wiederum zur Avantgarde ihrer Zeit werdend. Sie war eine außergewöhnliche Vertreterin jener auf Mary Wigman und deren Schüler folgenden Generationen, vergleichbar in ihrer tanzgeschichtlichen Bedeutung im Europa der dreißiger bis fünfziger Jahre nur mit Dore Hoyer, neben dieser genauso einzigartig, jedoch europäischer wirkend - und vor allem in den dreißiger und vierziger Jahren von überregionalerer Bekanntheit als diese. In Deutschland zufällig und im privaten Rahmen mit dem künstlerischen Tanz einer Laban-Schülerin in Berührung gekommen, war Birgit Åkessons Interesse für modernen Bühnentanz geweckt. Da es in Schweden zu dieser Zeit keine vergleichbare Ausbildung gab und Mary Wigmans Ruf längst über Deutschlands Grenzen hinausgedrungen war, ging Birgit Åkesson 1929 nach Dresden. "Ich halte sie für tänzerisch sehr stark begabt und verbinde mit der Ausstellung dieses Zeugnisses meine wärmsten Wünsche und Hoffnungen für ihre weitere Entwicklung" heißt es im erhalten gebliebenen Wigman-Diplom von 1932 - und solch hohes und offizielles Lob von Mary Wigman war äußerst selten. Erste Bühnenerfahrungen sammelte Birgit Åkesson in Berlin, namentlich bei Max Reinhardt. Doch in Berlin traf sie nicht auf die ihr passend erscheinende Stätte für ihre tänzerische Weiterbildung, und so zeichnete sich ein Aufenthalt in Paris als wünschenswert ab. Obwohl ihr dies finanziell kaum möglich war, fand sie einen Weg zu dieser Reise - um in Paris bald feststellen zu müssen, daß auch hier offensichtlich keine ihren Vorstellungen ent-sprechende tänzerische Fortbildung möglich war. Aber Birgit Åkessson blieb, trainierte sehr viel für sich allein, lernte Kunst und Künstler kennen und suchte in sich selbst, was sie im zeitgenössischen Tanz nicht antraf. Und es verwundert eigentlich nicht, daß sie bei solch hartnäckiger Suche nach der eigenen tänzerischen Identität schließlich ein Programm eigener Tänze zusammenstellte, Freunde und Förderer ihrer neuen Kunst fand und am 25. März 1934 im Théâtre du Vieux-Colombier ihre erste eigene Tanzvorstellung geben konnte. Will man aus der Fülle der neuen Elemente ihres Stils nur zwei herausgreifen, so bieten sich die Entdeckung der Langsamkeit und der Mut zur Bodennähe ihrer Tänze als Charakteristika an. Gerade diese beiden Charakteristika erlauben eine schnelle "Einordnung" der Individualistin Birgit Åkesson in die tänzerische Avantgarde. Wer außer ihr hat schon, zum Beispiel, einen Tanz (Movement) ausbalanciert auf einer Schulter begonnen, beide Beine hoch in die Luft gestreckt? Vergleicht man Fotos von ihr vom Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre mit heutigem Tanz, so wird deutlich, daß der moderne Tanz inzwischen längst diese einst neuen Wege gegangen ist. Die Suche nach Ursprünglichem, die zur Entdeckung der Langsamkeit führte und auch ihre Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponisten, Schriftstellern und bildenden Künstlern prägte, wurde auch ausschlaggebend für ihre spätere, als Tänzerin forschende Hinwendung zu afrikanischen und asiatischen Tanzkulturen. 1967, nachdem sie vier Jahre zuvor die Gründung des Choreographischen Instituts in Stockholm initiiert und dieser Einrichtung als künstlerische Direktorin vorgestanden hatte, begann Birgit Åkesson ihre Afrika-Forschungen. Fünfzehn Jahre des Reisens und der Vorträge folgten und mündeten in der Publikation Die Maske des Quellwassers, einer einzigartigen Dokumentation afrikanischer Tänze und Riten, die 1983 erschien. Welchem Lebensabschnitt und welchem Aspekt tanzkünstlerisch-wissenschaftlichen Arbeitens dieser einzigartigen Persönlichkeit des Tanzes man auch immer sich betrachtend zuwendet, so kann doch zusammenfassend nur festgestellt werden: Birgit Åkesson war und ist eine von den ganz großen europäischen Modernen. (F. - M. Peter; stark gekürzt und redigiert von Thomas Thorausch) © SK Stiftung Kultur - Deutsches Tanzarchiv Köln |