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Hanna Berger 
(1910 - 1962)

 Leben

Als Vertreterin des modernen freien Tanzes zählt die Wiener Tänzerin, Choreografin und Pädagogin Hanna Berger aus heutiger Sicht zu den österreichischen Größen Grete Wiesenthal und Rosalia Chladek. Sie war nicht zuletzt auf Grund ihres frühen Todes in Vergessenheit geraten. Als jüngste der drei Frauen reicht sie mit ihrem Werk bereits in eine neue Phase des Ausdruckstanzes hinein: als die großen Dogmen, nicht zuletzt durch den Zweiten Weltkrieg, aufgegeben worden waren und der Künstlerin neue Freiheit zur Verfügung stand.

Hanna Berger studierte in Berlin (u. a. bei Vera Skoronel), tanzte kurz in den Ensembles von Mary Wigman und Trudi Schoop und begann 1937 in Berlin ihre solistische Karriere. Ihr ausgeprägtes kommunistisches Engagement sowie ihr Einsatz für soziales Recht brachte sie – in Zusammenhang mit einer Widerstandsgruppe in Berlin („Rote Kapelle“) – ins Gefängnis. Ihr politisch linkes Engagement war nicht nur durch ihren jahrelangen Gefährten, den prominenten Bildhauer Fritz Cremer, unterstützt worden. Sie blieb auch nach dem Durchstehen der neunmonatigen Gefängniszeit in Berlin während des NS-Regimes bei ihrer kommunistisch orientierten Überzeugung und spielte u. a. mit dem Gedanken, ein Kammertanzensemble aus linken Künstlern aufzubauen.

Hanna Berger kehrte nach Wien zurück und führte in den Nachkriegsjahren ein ungemein intensives Leben, das aus Solo-Auftritten (u. a. Berlin, Wien, Paris, Rom aber auch CSSR, Polen und Ungarn), aus choreographischer Tätigkeit für Ensemble und pädagogischem Wirken an der Wiener Akademie, aus filmischer und schriftstellerischer Arbeit bestand. Unter anderem gründete sie ein Kindertheater, in welchem Kinder für Kinder Märchen improvisierten. Unter anderem studierte sie in Paris bei Marcel Marceau und erhielt von ihm das erste pädagogische Diplom, das er ausstellte. In den 1950er Jahren verlagerte sich Bergers Wirkungsfeld wieder nach Berlin und zwar nach Ostberlin, wo sie u. a. mit Walter Felsenstein an der Komischen Oper arbeitete. Zuletzt sollte in Berlin ein „Dornröschen“-Film entstehen, in dem jene mittlerweile groß gewordenen Kinder (darunter die bekannte Schauspielerin Christine Ostermayer) mitwirken sollten, die im Nachkriegs-Wien Mitglieder des Kindertheaters gewesen waren. 

Ihr Leben war neben verschiedenen Schicksalsschlägen bestimmt von anhaltender Geldnot und durchzogen von Krankheit. Sie starb 51jährig an einem Gehirntumor. Hanna Berger ist in Wien begraben.

Kein Nachlaß – aber Fragmente 

Die Buch-Recherche, die auf Grund der Rekonstruktion bzw. Übertragung des Berger-Solos „Die Unbekannte aus der Seine“ (Debussy, 1941, UA 1942) von der Berger-Tänzerin Ottilie Mitterhuber auf Esther Koller 1995 ihren Anfang nahm, ist großteils abgeschlossen. Sie hat erstaunlich viel Material zu Tage befördert, obwohl Bergers Mutter den eigentlichen Nachlaß in den 1960er Jahren vernichtet hatte. Material konnte mühselig durch zahlreiche Recherchen, Interviews und das Auffinden von ehemaligen Schülerinnen und Schülern sowie Zeitzeugen und Zeitzeuginnen gesammelt werden. Zahlreiche Hinweise und eine Reihe von Unterlagen stellten Bergers in Wien lebender Neffe, aber auch eine Wiener Bildhauerin zur Verfügung.

Erst kürzlich ist durch Unterstützung von Geertje Andresen, der Autorin der Biographie von Oda Schottmüller (mit Wanderausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand Berlin und des Deutschen Tanzarchivs Köln), ein – wenn auch lückenhaftes Manuskript (ca. 200 Seiten) aufgefunden worden, angelegt als Werkverzeichnis, in dem Hanna Berger jene solistischen Tänze, die sie bis 1944 entworfen hatte, präzise selbst beschreibt. Als verfasserische Assistenz dürfte ihr Dr. Kurt Pichler zur Seite gestanden haben, der für das Volksbildungshaus Wiener Urania tätig war und Berger wohl auch im Rahmen ihrer Tätigkeit des Wiener Kindertheaters unterstützte. Dieses Manuskript wurde inzwischen aus Privatbesitz an das Deutsche Tanzarchiv Köln übergeben. Es ist wichtiger Bestandteil der Forschung. Daraus geht unter anderem hervor, dass Berger davon überzeugt war, dass ihre Tänze von ihrer Person ablösbar waren und durch genaue Beschreibung und Ausarbeitung einer Tanzschrift, über deren Existenz bisher nichts zu finden war, auch nach ihrem Ableben wieder aufgeführt werden sollten.

Durch die Hilfe der Witwe des österreichischen Komponisten Paul Kont, mit dem Berger einige Zeit liiert war, gelangte ich an weitere Werkverzeichnisse und Unterlagen, die teils aus handschriftlichen Originaltexten von Berger, teils aus Stück-Entwürfen, aber auch Entwürfen für Reden anlässlich ihrer Auftritte sowie Texten und Kritiken bestehen, die sie anlässlich von Tanzabenden unterschiedlichster Künstler (darunter auch Ninette de Valois, George Balanchine) verfasst und veröffentlicht hat. Darunter befinden sich auch Texte wie „Tanz als politischer Wille“, der in Otto Basils maßgeblicher Zeitschrift „Der Plan“, die eigentlich Sprachrohr der Literaten im Nachkriegs-Wien war, veröffentlicht wurde.

Innerhalb des interdisziplinär angelegten Hanna Projektes (Aufführung mehrerer rekonstruierter Tänze, Rekreationen bzw. Übermalungen mit dem Titel „Hanna Berger: Retouchings“) ist 2010 das Buch „Hanna Berger. Spuren einer Tänzerin im Widerstand“ erschienen.

Andrea Amort, Wien


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