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Claire Eckstein
(1904 - 1994)

Nicht "Weltanschauung", sondern Heiterkeit schlechthin

Ausgerechnet Minetti hat es verpatzt. In seinen "Erinnerungen eines Schauspielers" schrieb er über Claire Eckstein, dass sie heute "als eine Vorläuferin der Generation der Pina Bausch und anderer gesehen werden kann."[1] Prompt fand dieser Gedanke Eingang in die amerikanische Tanzliteratur.[2] Wer aber möchte schon als "Vorläufer(in)" - von wem auch immer - in die Geschichte eingehen, mißzuverstehen womöglich als eine Art Prototyp, als unausgereiftes und nicht in Serie gegangenes Modell? Minetti wollte etwas Anerkennendes sagen und fand nur nicht die richtigen Worte: Claire Ecksteins Arbeit war sehr "innovativ", und viele der von ihr angewendeten theatralischen Mittel sind erst Jahrzehnte später (und ganz gewiss in Unkenntnis ihrer Werke) für den Tanz neu entdeckt worden. Vermutlich ist auch Ecksteins Inszenierung Die Gestrandeten, in welcher der Schauspieler (!) Minetti 1930 mittanzte, die am ehesten zu obiger Annäherung anregende Arbeit.[3] Doch Inhalte und Intentionen sind andere als bei der "Generation der Pina Bausch", das wird auch bei einem Vergleich mit weiteren Vertretern des modernen Tanzes der 1920er Jahre deutlich. "Sie tanzt nicht 'Weltanschauung' wie Mary Wigman, sondern Heiterkeit schlechthin. Wenn man von Mary Wigman sagen könnte, sie tanzt Stefan George, so könnte man von der Eckstein sagen, sie tanzt Tucholsky oder Ringelnatz [...]."[4] Claire Eckstein wollte nicht betroffen machen, sie wollte das Publikum unterhalten, und zwar auf einem ihr von allen Seiten bescheinigten hohen Niveau. Der Bühnenbildner Wilhelm Reinking beschreibt die glückliche Zusammenarbeit mit dem Regisseur Arthur Maria Rabenalt und Claire Eckstein wie folgt:

"Neben der Mitarbeit in unseren Opern- und Operetteninszenierungen, in denen sie in allem, was Tanz und Massenbewegungen anging, Rabenalts verantwortliche Mitarbeiterin war, machte sie mit mir zusammen für die Theaterabende, die das Ballett allein bestritt, eine Reihe von kleinen Theaterstücken, bei denen auch mit Vorliebe Schauspieler mitwirkten, die sich um diese Rollen geradezu rissen. [...] Die kleinen Theaterstücke, Ballette kann man sie nicht nennen, hatten keine eigentliche Handlung. Sie umrissen immer eine besondere Situation einer Gruppe von Menschen [...]. Ein Charakteristikum dieser einem musikalischen Ablauf unterworfenen Stücke war, dass die Tänzer und mitwirkenden Schauspieler auch sprachen. Die von uns zu diesem Zweck geschaffenen Texte bestanden meist aus einer scheinbar sinnlosen Aneinanderfügung von Worten und Lauten, die aber für den Zuschauer sehr wohl einen Sinn hatten. Wie die bewegten Bilder, die sie sahen, hörten sie auch eine Art von Lautmalerei, etwa wie man in einer größeren Gesellschaft aus einiger Entfernung die Gäste alle noch sprechen und die Damen vielleicht lachen hört, aber das einzelne nicht verstehen kann. Die Zuschauer sahen sich in einem leicht verzerrten Spiegel und erkannten sich, worüber sie dann ihrerseits, so respektlos sie auch dargestellt waren, lachen mussten; denn sie waren nicht ins Bösartige verzerrt, sondern auf Claire Ecksteins Art ins Lächerliche. Diese Art von Theater, wie wir es hier machten, diskutiert nicht in Dialogen oder spricht nicht in Arien über die Absurdität menschlicher Handlungen und Schicksale; es stellt sie einfach, ohne Kommentar, in bewegten szenischen Bildern auf die Bühne. Ballett, Tanz und Pantomime sind die geeigneten Medien zur Realisierung dieses Theaters, in dem Aussage und Form zu einer Einheit zusammenfließen und das man, wenn ich die Formulierungen der Brockhaus-Enzyklopädie von 1969 recht verstehe, unter 'Theater des Absurden' einreihen muss. Damals kümmerten uns solche Kategorien nicht. Wir machten in bester Laune das, was uns Freude machte, in dem Glauben, auch dem Publikum damit Freude zu machen."[5]

Claire Eckstein war nach einer Berufsausbildung in der Schule für Rhythmische Gymnastik von Lucy Heyer, München, und an der Dresdener Wigman-Schule 1925 auf Empfehlung Reinkings wie er selbst und Rabenalt an das Stadttheater Würzburg verpflichtet worden: als Bewegungsregisseurin und Leiterin der rhythmischen Kurse für das Gesamtpersonal. Hier fiel sie schnell durch die Einstudierung der Tänze und eigene Mitwirkung in Stücken wie Schwanenweiß (Strindberg), Die verkaufte Braut (Smetana) und Der Bürger als Edelmann (Moliere; "Komödie mit Tänzen") auf.

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[1] Stuttgart 1985, S. 49f. „Ich hatten einen Kapitän zu tanzen, dessen Schiff untergegangen war […] ‚Die Gestrandeten’ hieß das Ding, jeder hatte sein Solo; ich hatte nicht leicht und beschwingt wie die anderen, sondern schwer und ironisch bedeppert zu tanzen, in einem Ensemble wunderbarer Tänzer.“

[2] „Minetti […] compares Eckstein with Bausch” (William MacKay als Mitherausgeber von: Edwin Denby, Dance Writings. New York 1986, S. 19).

[3] Umso mehr, als Pina Bausch 1993, acht Jahre nach dem Erscheinen von Minettis Erinnerungen, ihr Tanzabend II betiteltes Stück am Strand vor einem gestrandeten Schiff spielen lässt.

[4] Hans Sahl: Memoiren eines Moralisten. Erinnerungen I. Zürich 1983, S. 194.

[5] W. Reinking: Spiel und Form. Werkstattbericht eines Bühnenbildners zum Gestaltwandel der Szene in den zwanziger und dreißiger Jahren. Hamburg 1979, S. 107f.

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