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Hertha Feist
(1896-1990)

„Vornehme Eleganz und melancholische Wölkchen“

„Wie ein Traumbild weht es mich noch heute an [...]. Es war einer jener schönen und von innerer Fülle und Verliebtheit jubelnden warmen Sommertage, als ich mit meiner jungen Freundin Hertha Feist eines sonnigen Vormittags einen Ausflug in den Grunewald machte. Wir hatten in der letzten Zeit oft darüber gesprochen, welchen Beruf sie ergreifen solle, um frei vom Elternhause bald auf eigenen Füßen stehen zu können. Sie war ein sehr schöner, sportlich und turnerisch wohl ausgebildeter Mensch, und so hatte es sich als Ziel allmählich herausgebildet, dass sie auf Grund von Gymnastikkursen, die sie nehmen wollte, sich zur Gymnastiklehrerin die Ausbildung erringen wollte. In Zukunftsgespräche vertieft waren wir an einen kleinen freien Platz gekommen, der von dichten Schonungen umgeben im warmen Sonnenlicht daliegend zum Rasten einlud. Plaudernd, von Zitronenfaltern, Pfauenaugen, Kohlweißlingen umflattert, von der Sonne köstlich durchwärmt, saßen wir im hohen Gras, als Hertha Feist plötzlich aufstand und sagte, ich solle einmal die Augen schließen, solange, bis sie riefe, dass ich sie wieder öffnen dürfe, es solle nur kurze Zeit dauern. Ich tat wie geheißen. Das rote Licht schimmerte durch meine geschlossenen Augenlider, das Summen und Brummen der Bienen und Fliegen umdämmerte meine Ruhe, die Glieder dehnten sich behaglich im warmen hohen Grase. Als ich mich auf den befehlenden Ruf aufrichtete und die Augen öffnete, lag inmitten der goldig-grünlich schimmernden Waldlichtung wie im Schlaf ausgestreckt ein nackter Mädchenleib. Langsam kam in das stille schöne Bild Bewegung, der Atem wurde sichtbar, die Gestalt hob sich unmerklich, der Oberkörper begann sich zu regen, die Arme wurden langsam mit der Körperbewegung mitgenommen, allmählich richtete sich der Oberkörper auf, die Arme fingen an eigenes Leben zu bekommen, sie dehnten sich, streckten sich, sie falteten sich hinter dem noch schlafmüden Kopf, die Augen öffneten sich langsam und blickten fragend und erstaunt umher, der sitzende Körper straffte sich, ein Bein stellte sich auf zur Kniewinkelung, der Körper neigte sich nach vorn, das zweite nun auch schon kniende Bein fasste mit dem Fuß den Erdboden, und langsam erhob sich die ganze Gestalt und straffte sich in die Höhe, der Kopf wendete sich umher, die Füße erhoben sich auf die Zehenspitzen und leises sich kräuselndes Zittern überhauchte die ganze Gestalt. Sie setzte einen Fuß unmerklich hüpfend nach vorn, den anderen zurück und gab dadurch der ganzen Gestalt den Ansatz zu einer drehenden Bewegung, die durch den ganzen Körper lief und in Kopf und Armen eine zitternde Fortsetzung erhielt. Die Gestalt drehte sich, erhob sich im Kreisen und zog sich zusammen im Kreisen bis sich die Gestalt im Drehen anhielt und in einer frontalen Stellung mit ausgebreiteten Armen einen Moment in der ganzen Schönheit des jungen gesunden Frauenleibes das Bild des siegenden Lebens verkörperte. Einen Moment blieb die Gestalt so stehen, dann sprang sie rasch ins Dickicht zurück, und nach ein paar Minuten stand Hertha Feist wieder vor mir.“[1]

Es war kein geringerer als Fritz Böhme, einer der profiliertesten Tanzautoren der 1920er Jahre und prominenter Wegbereiter des modernen Tanzes, der mit obigem Text 1947 seine Erinnerungen an Rudolf von Laban und an seinen eigenen Weg zum Tanz und zur Tanzkritik einleitete. Hertha Feist, die jüngere Schwester seiner ersten Frau Margarethe, wurde am 18.6.1896 in Berlin geboren. Über den „Wandervogel“ und die Jugendbewegung führte ihr Weg auf Anraten Böhmes nach dem oben geschilderten Erlebnis aus dem Jahre 1915 zunächst zur Ausbildung als Mensendieck-Pädagogin in München bei gleichzeitigem Unterricht in der Gymnastikschule Rudolf Bodes. Fritz Böhme hatte ihr versprochen, sich über die Ausbildung zur Tänzerin zu informieren; als Feuilletonleiter der Deutschen Warschauer Zeitung besprach er 1917/1918 auch Tanzabende und lernte u.a. bei einem Gastspiel die Berliner Tänzerin Olga Desmond kennen, die sich mit „Schönheitstänzen“ und als „lebender Marmor“ einen Namen machte.[2] Böhme, der mit ihr wenig später eine Tanznotenschrift „Olga Desmond Rhythmographik“ (Leipzig 1919) ausarbeitete und herausgab, empfahl ihr Hertha Feist als Schülerin. Diese erinnerte sich fast 70 Jahre später, dass der für sie doch recht unbefriedigende Unterricht sich sehr an der Natur zu orientieren versuchte: Sie sollte die vom Wind bewegten Ähren auf den Feldern oder Bäume tanzen, oder „Ich bin erwacht aus einem Traum“. Unter dem Pseudonym Hortense Fera hatte sie bei Olga Desmond ihr tänzerisches Debüt: schon „immer für den Körper das Sauberste und Reinste“ spürend, hat sie dabei „eine halbe Brust freigemacht fürs Publikum“.[3]

Die entscheidende neue Erfahrung brachte dann die Lektüre von Rudolf von Labans „Die Welt des Tänzers“ und der 1921 aufgenommene Unterricht bei ihm in Stuttgart und Bad Cannstatt. Hertha Feist wirkte in Labans Einstudierungen am Mannheimer Nationaltheater (1921), am Württembergischen Landestheater Stuttgart (1922) und bei diversen Gastspielen mit. Zum Sommer 1922 zog Laban mit einigen Schülern nach Gleschendorf (Holstein) um, wo Hertha Feist als seine Assistentin zu unterrichten begann. Unter ihren Schülern waren u.a. Greta Wrage von Pustau und – in Solostunden – Laura Oesterreich und Lucie Kieselhausen. Gleichzeitig probte sie als Mitglied der „Tanzbühne Laban“ mit Kurt Jooss, Jens Keith, Botjo Markoff, Edgar Frank, Ruth Loeser, Angiola Sartorio, Aino Siimola, Ingeborg Roon, Albrecht Knust, Julian Algo, Sylvia Bodmer, Hildegard Troplowitz und anderen. „In Gleschendorf verlebten wir alle mit hungerndem Magen und viel Arbeit eine glückliche Zeit, es war ja wie eine Sommerfrische in der freien Natur. Manche von uns holten sich die Kartoffeln vom Acker, und als ich später einmal wieder nach Gleschendorf kam, erinnerte sich unser früherer Hausvermieter, damals hätten die Hühner keine Eier gelegt. So halfen sich manche Schüler über die Zeit hinweg.“[4]

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[1] Fritz Böhme: „Laban“, Manuskript, 32 Ss., datiert 17.12.47, hier S. 1-7; im Deutschen Tanzarchiv Köln, Teilnachlass Fritz Böhme.

[2] „Es trafen sich zwei von leidenschaftlicher Liebe zum Tanz als freier Kunst beseelte Menschen, die viel gemeinsames hatten: Beide verehrten wir Fidus als den Künder reinen und freien Menschentums, beide hatten wir Berührungspunkte mit der Körperkulturbewegung (ich war schon 1906 Mitglied des „Vereins für Körperkultur“), beide waren wir überzeugt, daß nur ein Abbau der hemmenden und verkrampfenden Konventionen die Tore zu einer neuen, der Reinheit und Schönheit geweihten Kultur öffnen und den Menschen glücklich machen könne.“ (wie Anm. 1; S. 10f.).

[3] Tonbandinterview vom 29.11.1987, Deutsches Tanzarchiv Köln, Nachlass Hertha Feist.

[4] H. Feist-Lichterfeld: Ein Stück des Wegs mit Laban. In: Das Tanzarchiv, 24. Jg. H. 5 / Mai 1976, S. 164-170, hier S. 165. Für Fritz Böhme, der Hertha Feist in Gleschendorf besuchte und 1921 seine Schrift „Vom musiklosen Tanz“ veröffentlicht hatte, wurden die Gespräche mit Laban und seinem Kreis ein wichtiger Impuls für die weitere Arbeit.

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