Weißt Du, wer Du bist?

Girlism: Feminismus und Massenkultur

"And what costumes shall the poor girl wear to all tomorrow's parties." (Nico)

"... das Ich ist vor allem ein körperliches, es ist nicht nur ein Oberflächenwesen, sondern selbst die Projektion einer Oberfläche." (Sigmund Freud)

Girly all over

Sie sind überall zu finden: auf Titelseiten von Modezeitschriften und Frauenjournalen, in Teenager-Vorabendserien ebenso wie in Kinofilmen, als MTV- oder Viva-Moderatorin oder einfach auf der Straße .. Girly (,,Mädchen-chen") heißt das Selbstdarstellungsideal vieler 15 bis 35 Jährigen, das bereits seit mehreren Jahren das Erscheinungsbild der populären Kultur prägt Zeit für eine Bilanz: Die Girly-Szene wird nicht nur als harmloses Mode- bzw. Zeitgeist-phänomen, sondern vielmehr als Teil feministischer Praxis beobachtet.

Mit Girlism betitelte die Musikzeitschrift Spex in ihrem Juliheft 1990 einen Trend in der Musikszene, dessen Ursprung bis in die 60er Jahre zurückreicht: ,,von den Ronettes bis zu den Breeders" spannte das Spex-Team den Bogen. Im Unterschied zu ,,Women", ,,Frauen" ,,Ladies" oder ,,Göttinnen seien girls Wesen, ,,die die vorgesehenen Rollen, Definitionen und Typologien von Frauen weder akzeptiert haben, noch sich irgendein Gegenteil davon, anhand einer Praxis, Philosophie oder irgendeines andersweitig atrikulierten Wollens vorstellen können" (S 27) Die Begriffsbestimmung besteht aus der Auflistung dessen, was girls auf keinen Fall sind. Abgrenzung und Unterscheidbarkeit sind gefragt, obwohl eine identifizierbare Position von den girls abgelehnt wird. Der mutwillige Wille zum Nicht-Wollen partizipiert auf jeden Fall am populären Generation-X-Image. Gleichzeitig bedient sich diese Form der Selbstbestimmung einer terroristischen Semantik der Verweigerung, die für Proklamationen der Subkultur allgemein zutreffend ist: Das Abweichen vom common sense dominanter bürgerlicher Kultur ist für die Polit-Ästhetik der Subkultur programmatisch.

Abweichen von der Norm

Girlism schlägt neue Töne nicht nur im Musikgeschäft an: Die Ablehnung von gängigen Frauenklischees beruht generell auf einer gewandelten Vorstellung von Geschlechtsnormen. Aus dieser Haltung resultiert die Aggressivität mit der sich girlies bewußt in Szene setzen. Die Konsequenz der Verweigerung markiert ihre Abgrenzung. Madonnas ,,Express Yourself" spricht das neue Selbstverständnis dieser Frauen aus. Die Unbestimmtheit und Offenheit von girlism ermöglicht sowohl eigensinniges Rollenspiel als auch Subversivität in der männerdominierten Musikszene. Wie aber genau funktioniert diese Eigenmächtigkeit der girlies?

Der bewußte Verzicht auf etablierte Weiblichkeitsmuster macht das generelle Problem der Kategorie Geschlecht klar, sich substantiell zu definieren. Die Schwierigkeit, eindeutige Geschlechtskategorien festzulegen, behandelt Judith Butler in ihren Arbeiten zu Themen feministischer Theorie. Butler versteht Geschlecht - gleichermaßen biologisches und soziale Geschlechtsidentität - und seinen Träger, den Körper, als performativ hervorgebrachte Kategorien. [ Vgl. Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1991 (engl.: Gender Trouble, New York: Routledge 1990) und dieselbe, Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Berlin: Berlin Verlag 1995 (engl.: Bodies that Matter, Now York: Routledge 1993 ] . Performativität bezeichnet den sich permanent wiederholender Akt der Bedeutungssetzung, in dessen Verlauf sich das soziale und - weiterreichender - das biologische Geschlecht in der Anpassung an regierende Normen ausbilden. Diese zwanghafte Signifikation begründet und bestätigt durch Wiederholung die kulturell kodierten sexuellen Muster. Der Wiederholungszwang, unter dem die normierte Sexualität steht, erfordert das Zitieren von sanktionierten Mustern. Diese bestehen in unserer Kultur in der ,,Idealnorm" Mann bzw. Frau. Sie garantieren den Erfolg der Sexuierung und Individuierung, d.h eines Prozesses, in dessen Verlauf die Annahme eines Geschlechts gemäß der regierenden Norm vollzogen wird.

Zwang zur Normierung

Eher unfreiwillig unterstreichen das die Produktmanager für die erste Calvin-Klein-Duftkreation für Frauen und Männer: CK One. Mit den Slogans ,,Wenn du weißt, wer Du bist" bzw. ,,Wenn Du nicht vorgibst, jemand zu sein, der Du nicht bist" benennen sie exakt die Entscheidung, die der Annahme des Geschlechts zugrundeliegt: ,,Wenn Du ein Mann oder eine Frau bist" eben. Begründet wird diese nur scheinbare Wahlfreiheit - denn in dieser Entscheidungslogik ist man immer, was man ist - durch vermeintliche Modernität und Nonkonformität: ,,Die Betonung des Geschlechts oder die Zuordnung zu einer Gruppe stehen nicht mehr im Vordergrund. Heute loten wir unsere Individualität aus. Wir brauchen keine Produkte mehr, die Menschen in bestimmte Kategorien einteilen. Was wir brauchen, ist Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit." Mittels letzterer Kategorien wird eine Wahl abgesichert und auf Eindeutigkeit festgelegt, die nie eine war, sondern sich vielmehr als Entscheidungszwang entlarvt: Nur wenn du weißt, was du bist (Mann oder Frau!) - ganz authentisch, ganz Körper - brauchst du das nicht anderen ruchbar zu machen. Weil der potentielle Käufer die regulierende Geschlechtsnorm bereits internalisiert hat, bedarf es der Markierung durch eine geschlechtsspezifische Geruchsnote nicht, kann sogar zugunsten einer werbewirksam konstruierten Geschlechterharmonie darauf verzichtet werden. Die Werbepolitik für CK One imitiert die Befreiung von Geschlechtskateqorien, reproduziert aber nur ihre Diskurs-Effekte: Pseudo-lndividualität deckt eine massenkonforme Werbestrategie.

Subversives Zitieren

Der geschlechtliche Körper wird durch die zwanghafte Reproduktion morphologischer Schemata performativ hervorgebracht - das so konstruierte Ich ist eine "Oberflächenprojektion". Die körperliche Materialisierung wird im Zitieren der Idealnorm Mann bzw. Frau erreicht. Girlism - Label einer selbstbewußten, exzentrischen 'Mädchenkultur' - fällt dagegen durch die offensichtliche Aneignung des Zitierens als subversives Verfahren auf. Girlism betont so auffällig Körperbild und Rollenklischee des girl, so daß die Imitation als Zitat offensichtlich wird. Damit wiederholt Girlism das Köperschema des Mädchens, der ,,unreifen" scheinbar ,,asexuellen'" Frau - also der Nicht(penetrierten) Frau - und zwar als kulturelle Konstruktion. Die Übertreibung des imitierten Vorbilds dementiert es zweifach - als pseudo-biologisches, normatives Entwicklungsmodell weiblicher Sexualität und als auto-suggestive Projektion.

Die Paradoxie dieser nur allzu gelungenen Aneignung besteht darin, daß die Überzeichnung des Mädchen-Schemas das genealogische Schema (rück-wirkend) außer Kraft setzt. Simone de Beauvoirs Diktum - ,,Man kommt nicht als Frau zur Welt, sondern wird est.'' [ Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Hamburg 1990, S.265 ] - muß im Sinne von Girlism umgeschrieben werden: ,Man wird nicht als Frau geboren und ,,wird es" - nämlich ,,Frau" - auch nicht werden'. Diese Strategie der Selbstbehauptung wehrt jeglicher Vereinnahmung. D.h., sie verweigert die Akte phallischer Bedeutungssetzung und zwar mit den Mitteln jener signifikativen Praxis selbst: Indem gerade das Stadium innerhalb des normierten Entwickungsmodells von Weiblichkeit hervorgehoben wird, das besonders dem Zwang zur Sexuierung ausgesetzt ist, wird die Macht zur Normierung entlarvt und verhöhnt. Girlies repräsentieren sich als Mädchen, stellen sich dem begehrlichen Brick des besitzenwollenen Vater/Manns - dem Besitzer der phallokratischen Macht und Verwalter des väterlichen Gesetzes - zur Schau, um deren scheinbar vernünftige 'Naturordnung' geschlechtlicher Kategorien auf die Bühne zu bringen und sie dort der Lächerlichkeit preiszugeben - ganz im Sinne des Lolita-Syndroms. Girlies überziehen das Rollenkorsett 'Mädchen' bewußt, um diese und jede andere Rollenzuweisung abzuweisen: Mädchen bleiben als Mädchen geschlechtlich unbestimmt, uneindeutig und karikieren so das Geschlecht selbst als kulturell kodierte Konstruktion. die in der heterosexuellen Geschlechterdifferenz die patriachalische Hegemonie sanktioniert. ,,Ich bin ein Mädchen, und das ist gut so" [ ln einem Spiegel-Interview: Heft 42/1994,S.224-230, hier S.225 ], pointierte das Madonna eigensinig.

Körper von Gewicht

Judith Butler faßt Performativität deshalb auch als ,,spezifische Modalität der Macht als Diskurs" auf. Der Diskurs materialistiert seine Wirkungen als sich ständig wiederholende Zeichenketten, "ohne die im Diskurs keine Orientierungen gewonnen werden können, entsprechend der Machtbeziehungen, die durch die materialisierten Wirkungen zugleich verdeckt werden. Die geschichtlich begrenzten Normen der Signifikation beschränken die diskursiv wirksamen Materialisierungen und bestimmen die Macht des Diskurses, ,,das zu inszenieren, was er benennt. Das ,,Geschlecht" (sex) als einen Imperativ in diesem Sinne zu denken bedeutet, daß ein Subjekt von einer solchen Norm angesprochen und hervorgebracht wird und daß diese Norm die Körper als eine Wirkung jener Einschärfung materialisiert" [ J. Butter, Körper von Gewicht, S.249 ] Dennoch sind diese nicht völlig stabil. Denn die Sexuierung verlangt die Identifizierung mit dem männlichen bzw. weiblichen Körperschema, die nicht vollkommen vollzogen werden kann. Die Geschlechtsidentiät (gender) erweist sich als unerreichbares Ideal, das der Diskurs installiert, um die sexuierten Subjekte seiner Macht zu unterwerfen. Die in den Begriff Performativität eingebrachte Wiederholbarkeit von Geschlechtspositionen und der Zwang, eine solche Position immer wieder zu behaupten, unterstreichen die Möglichkeit, ja Notwendigkeit von Abweichung. Die Idealisierung der Geschlechter bringt nichtidentische Reproduktionen hervor, die nichtsdestotrotz auf das Ideal verpflichtet werden.

Das restriktive Wirken der heterosexuellen Matrix sanktioniert auch die Bezeichnung 'Mädchen':,,In dem Maße, wie das Benennen des ,,Mädchens" transitiv ist, das heißt den Prozeß initiiert, mit dem ein bestimmtes ,,Zum-Mädchen-Werden" erzwungen wird, regiert der Begriff oder vielmehr dessen symbolische Macht die Formierung einer körperlich gesetzten Weiblichkeit die die Norm niemals ganz erreicht". [ J. Butler, Körper von Gewicht, 5.306.] Körperschema und Geschlechtsidentität 'Mädchen' definieren sich über das zwanghafte Zitieren einer Norm, die dieses Subjekt qualifiziert und seinem Körper Gewicht verleiht. Diese gängige Bezeichnungspraxis wird allerdings gestört, indem die starren Geschlechtsnormen zum Gegenstand der ,,theatralischen Zitierung" (Judith Butler) werden. Die übertreibende Geste ahmt die Konvention nach, verzerrt und kehrt sie um. Die notwendige Abweichung von der Norm betont Girlism durch seine negative Bezeichnungspraxis: Nichts von dem sein, was man uns vorgibt! Gleichzeitig zitieren Girlies die abgelehnten Weiblichkeitsmuster in karikativer Weise, wie Hole-Sängerin Courtney Love's Auftritte in Baby-Doll-Kleidern überdeutlich zeigen.

Die Heranwachsende wird im psychoanalytischen Diskurs als ,,offene Struktur" geführt, die sich ständig durch permanente Öffnung zur Umwelt erneuert. Der Austausch verschiedener Repräsentationsforrnen von Geschlecht und vielfältige kreative Identifikationen sind möglich. [ Vgl. Julia Kristeva, Die neuen Leiden der Seele, Frankfurt/M. Suhrkamp 1996.3. 224f]. Der Verbund vor Geschlecht und Performativität wird nicht zur ständigen Wiederholung einer bestimmten Geschlechtsidentität und seines Körperschemas verwendet, sondern wird zum Experimentierteld offener, zeitlich begrenzter Spielformen von Sexualität geformt: genderconfusion.

Das Rollenspiel mit den fabrizierten Schemata sexueller Identitaten setzt die konventionelle Ordnung der Geschlechterdifferenz aufs Spiel, indem es den Überwachungsapparat der hegemonialen Heterosexualität entlang identifizierbarer und damit kontrollierbarer Geschlechter einfach unterläuft. Migrierende Sexualität gefährdet eine auf eindeutiger Zuordnung reproduzierbarer sexueller Schemata basierende Kultur, Travestie und Maskerade kommentieren ironisch die Grenzen des zwangsheterosexuellen Reproduktionsschemas und kritisieren die gewaltsamen Ausschlüsse, die seine Vormachtstellung sanktionieren.

Girlism und Riot-Grrrl-Bewegung

In der Subkultur hat die prinzipiell offene Struktur von Geschlecht und seiner Performanz traditionell eine hohe Akzeptanz; besonders deutlich im Punk und Independent Rock. Dort machten sogenannte Mädchenbands zuerst auf sich aufmerksam, die die Musikszene zum Forum für die Genderdiskussion machten [Vgl Joanne Gottliehl, Gayle Wald, Riot Grrrls. Smells Like Teen Spirit, in: Die Beute. Politik und Verbrechen, Winter 1994/95,524-34.] Das Label Riot Grrrls markiert das rebellische und rebellierende outcoming von Bands, die aggressiven, lautstarken Punk oder Grunge-Rock mit feministischen Themen verbinden. Schon in den 70er Jahren nutzten Frauenbands wie The Slits das subversive Potential von Subkultur, um die konventionellen Vorstellungen der Geschlechterdifferenz zu durchbrechen. Dabei verwerteten sie das sexistische Vokabular vieler Punkbands (nomen est omen: The sexpistols), indem sie die frauenverachtenden Bezeichnungen vorzugsweise der Genitalien einfach umkehrten und diesen aggressivien sprachlicher Code nun ihrerseits zur Selbstdarstellung verwendeten. Selbstbewußt bezeichnen sich Musikerinnen wie Hole, Babes in Toylands, L7 als sluts - Schlampen. Die Riot Grrrl-Bands Bikini Kill oder Bratmobile zeigen gegenwärtig, wie sich Frauenbands selbst die gewalttätigen, ausgesprochen misogynen Ausdrucksformen des amerikanischen Hardcore aneignen und mitsamt ihrer martialischen Gestik in die eigene Präsentation integrieren. Ihr bewußt dilettantistisches Spiel und die theatralische Wut ihres Auftretens wenden sich gegen männliche Hegemonie und Gewalt. Provokativ stellen sie ihren Körper als Ort von Beschämung und Verhetzung zur Schau. In ihrem 1990 herausgegebenen feministischen Manifest ,,Revoluton Girl Style Now" rufen beide Bands Mädchen auf, sich von Unterdrückung und ,,Seelentod'' zu befreien, durch Schreien und Heulen öffentlich auf sich aufmerksam zu machen. Diese Taktik der Schockierung zielt auf eine Öffnung der restriktiven sexuellen Normen und prangert den Zwang zu Anpassung und Unterordnung an. Sie erklärt explizit dem Sexismus den Krieg.

Riot Grrrls bedienen sich der phallischen Semantik, um deren universalen Machtanspruch anzugreifen. Diese Form der Aneignung bzw. Umkehrung der aggressiven Phallokratie schürt den Konflik um das Vorrecht. Sexualität angemessen zu repräsentieren und zwar ,,durch eine kastrierende Inbesitznahme der zentralen männlichen Trope, angetrieben von einer Art Aufsässigkeit, die gerade die Erniedrigung des Weiblichen beseitigen will" [Butler. Körper von Gewicht, S.121] Die Bands politisieren ihre subversive Haltung, indem sie die unverhüllt gewalttätige Sprache, die die Kongruenz von Sexualität und Macht ausdrückt, entblößt und zu eigenen Strategie macht. Parodistische Selbstbenennung wie The Slits, Hole oder Dickless rekurrieren auf den diskrimrinierenden Chargon männlicher Punkbands - und nicht nur der - und bringt die Slang-Ausdrücke karikierend erneut in Umlauf - als zurückgegebener Fluch. Die Bezeichnung Riot Grrrls steht genau für diese Verbindung von Musik bzw. Subkultur und feministischer Politik.

Tonangebend ist die Trotzigkeit der Grrrls. Sie postulieren ein Image. das zugleich mutig und linkisch, schlau und altklug die dominante Kultur angreift. Es ist das Verdienst der Riot Grrrl -Bewegung, die Bezeichnung "Girl" der patriarchalischen Ordnung entzogen und mit neuer Bedeutung gefüllt zu haben [ Der Geschlechter-Imperativ ,Mädchen' ,,liest sich nicht so sehr wie eine Zuschreibune denn als ein Befehl, und als solcher erzeugt er seine eigene Widersetzlichkeiten. Die übertriebene Angepaßtheit an den Befehl kann den übertriebenen Status der Norm selbst offenbaren, sie kann sogar zu dem kulturellen Zeichen werden, mit dem jener kulturelle lmperativ leserlich werden könnte" (J. Butler! op cit., S. 312f). Für Judith Butler offenbart die notwendige Resignifaktion von Geschlechtsnormen ihre ,,Unwirksamkeit" und macht die Subversion zu einer Frage des ,,Zunutzemachens der Schwäche in der Norm" (S.313), zu der Art und Weise, wie Reartikulation vollzogen wird.]

Der Titel ,,Revolution der rotzigen Gören" (Zeit-Magazin 20/1993) rekurriert auf die initiatorische Gruppen-Identität der Girl Groups: Die Ausbildung einer auffälligen trash-Ästhetik, die mit der Vorstellung vom ,schönen Geschlecht' bricht zugunsten eines inszenierten Muts zur Häßlichkeit, der diese Wunstchprojektion als haltlose Anmaßung entlarrvt, gehört genauso zu diesem Erscheinungsbild wie die provozierende Direktheit und Vulgarität thres Auftretens. Entscheidend ist jedoch. daß die exzentrische Selbstdarstellung als zur Schau gestellte Perfornanz verstanden wird. Übertreibung und Verzerrung in der Wiederholung des Körperschernas ,Mädchen' signalisieren, daß es sich um einen performativen Akt handelt, der eben durch die Einsicht in seine Konstruiertheit auch das Bewußtsein seiner konzipierten Wirkung voraussetzt.

Um die venwirrende Beziehung zwischen Geschlecht und Performativität zu explizieren, operieren die Girlies mit einem Paradox: Riot Grrrls sind auf der Bühne Mädchen und Schlampe zugleich; sie schleudern im ,rosa Kleid der Unschuld' ihre trotzige Abwehr von Gewalt gegen Frauen heraus. Thematisiert werden irnmer wieder die Formen kulturell institutioneller Gewalt wie Vergewaltigung, Inzest, gewaltsame Unterdrückung, sowie deren internalisierte Wirkungen wie Magersucht, Bulimie und andere psycho-somatische Erscheinungsformen von Sucht, Abhängigkeit oder Verweigerung. Auf der symbolischen Ehene nimmt die Inzest-Problematik eine Schlüsselrolle ein. Das gewaltsame Übertreten des kulturell sanktionierten lnzesttabus offenbart sowohl die Restriktionen, die zu seiner Durchsetzung als Kontrollmechanismus des Patriachats führen, als auch die Versuchung, Mädchen zu sexuellen Objekten des väterlichen Begehrens zu machen.

Girlism reflektiert die Manipulation von Images und setzt sie zur Selbstinszenierung ein. Girlies operieren mit der permanenten Verwandlung, der Transgressivität von Geschlechtsnormen und deren Materialisierungen in sexuierten Körpern, um sich zu legitimieren. Die Bühne ist der performative Ort, auf dem sie ihren Widerstand gegen den Imperativ der Geschlechtsidentität ,Mädchen' formulieren. Durch das theatralische Rollenspiel on stage wie durch die Songtexte thematisieren sie die Funktionalisierung des weiblichen Körpers im hegemonialen Diskurs der Sexualität. Revolte wird durch die negierende Wiederholung von sexuierten Mustern normierter Sexualität zur subverstiven Praxis. Riot Grrrls benutzen sichtbar den eigenen Körper zur Darstellung auf der Bühne und unterwerfen den voyeuristischen Blick ihrer Kontrolle. ,Unsichtbare' Wahrnehrnungsweisen des Weiblichen werden visualisiert, ,gewichtig' und somit kritikfähig gemacht. Wenn die Drummerin von Hole vor Konzertbeginn eine Polaroidkamera ins Publikum hält und auf den Auslöser drückt, dann führt sie die besitzergreifende Aggressivität des Ausgestelltseins vor und kehrt es gleichzeitig um: Das angeschaute Objekt erwidert den anmaßenden Blick und lenkt ihn zur Provokation um. Die Bühnendarstellung fungiert als aktive politische Praxis subversiver - d.h bewußt verfehlender - Identifikationen mit weiblichen Körperschemata.

Kopie und Abweichung

Der durch seine Unbestimmtheit offene Begriff Girlism bezeichnet ein musikkulturelles Phänomen, das mittlerwele durch die populäre Kultur vollständig assimiliert und zum Sammelbecken modernistischer Strömungen wurde Dabei droht die politische Brisanz der Darstellung von weiblichen Rollenklischees und deren karikative Verhöhnung verlorenzugehen. Die Egalisierung durch die Massenkultur - Markenzeichen der girlie-Mode: enges T-Shirt, Mini, klobige Stiefel, Zöpfe oder Spange Im Haar - verbraucht das subversive Potential, durch das Girlism Geschlechtsnormen in Frage stellt. Die Imitation von Idolen der Pop-Kultur entpolitisiert nicht nur deren nonkonformistsches Verständnis von Geschlechtsnormen, sondern restituiert die Norm als Zwang neu: Wenn jede anders sein und sich unterscheiden will, dabei aber das girlie-Schema als Oberflächendesign nur kopiert, entsteht nichts als eine Serie von sich gleichenden Mutanten. Die Abweichung von der Norm wird erst dann signifizierend, wenn sie im Zitieren normierter Ideale vollzogen und kommuniziert wird.

Die Distanz zum ,idealen' Geschlecht und seinen Körper-Schemata sowie der Ausschluß unmöglicher' Materialisierungen von Geschlecht sind nach Judith Butler Mechanismen, durch die sich der hegemoniale Diskurs der Sexualität behauptet. Die erzwungene und nie erreichbare Identität mit einem Geschlechtsideal erweist sich als Phantasma, als notwendige Verfehlung, die es ermöglicht, das Ausgeschlossene erneut in den Diskurs einzuführen, diesen für neue Signifikationen zu öffnen. Die Abweichung kann nur dann diskursive Geltung erlargen, vvenn sie als Abweichung, als nichtidentischor Pol im Zitat kennlich gemacht wird und sich so für andere Bedeutungssetzungen öffnet In der Resignifikation sieht Butler eine Möglichkeit für die notwendige Demokratisierung des politischen Diskurses: ,,Diese offenhaltende und performative Funktion des Signifikanten scheint mir ganz wesentlich zu sein für einen radikal demokratischen Begriff von Zukünftigkeit" [ Butler, Körper von Gewicht, S.254.]

Girlism operiert im Diskurs der Sexualität performativ und setzt seine begriffliche Wendigkeit taktisch gegen die vorherrschenden Geschlechtsrollen ein. Nur solange die Abweichung als offene Bedeutungsstruktur aufrechterhalten wird, kann Girlism subkulturelle Subversivität durchsetzen und sich gegen die Vereinnahmung durch konformistische Massenkultur wehren.

Petra Trösch


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