Günter Hess
(1903 - 1979)

Die Sprache des Tanz-Theaters

Im Vorwort eines "Tanztheater in Deutschland" betitelten Buches vermutet der Autor, der Begriff "Tanztheater" sei zum ersten Mal durch Kurt Jooss verwendet worden, und zwar in einem 1935 im Exil geschriebenen Aufsatz. Er meint dazu: "ob diesen Text in Deutschland mehr als eine Handvoll Leute gekannt hat, bevor ihn der Kritiker Hartmut Regitz 1986 in dem von ihm herausgegebenen 'Ballettjahrbuch' veröffentlichte, ist mehr als zweifelhaft. Der Begriff 'Tanztheater' jedenfalls bleibt auf Jahrzehnte hinaus ungebräuchlich, und als er im Westen Deutschlands zum erstenmal benutzt wird, bezeichnet er keinen Stil und keine Ästhetik, sondern das Ensemble, das einer ganz bestimmten neuen Ästhetik verpflichtet ist. […] Als Gerhard Bohner 1972 Ballettdirektor in Darmstadt wurde, nannte er seine Gruppe das 'Tanztheater Darmstadt', möglicherweise in direkter Anlehnung an das Nederlands Dans Theater in Den Haag, das zu Beginn der siebziger Jahre allen progressiven Tanzkompanien Europas als Vorbild diente."

Leider irrt sich der Autor des Buches hier. Der Begriff "Tanztheater" ist spätestens seit 1923 verwendet worden, wie Rudolf von Labans in diesem Jahr veröffentlichter Aufsatz "Choreographie und Tanztheater" beweist. Und als der Begriff "im Westen Deutschlands zum erstenmal benutzt wird" und damit ein Ensemble bezeichnete, so war dies nicht 1972, sondern 1928! Nachprüfbar in Bühnenjahrbüchern, Kritiken, auf Programmzetteln und Briefpapier ist der Begriff schon spätestens ab 1928 auf ein Tanzensemble angewendet worden: auf das des Stadttheaters Hagen. In der Spielzeit 1928/29 hatte Inger von Tramp die Leitung des Kammertanztheaters Hagen inne. Ihr Erster Solist wurde der Leiter und Choreograph der folgenden Spielzeiten: Günter Hess.

Hess war ein Multitalent und ist vor allem aus den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg in Erinnerung, in denen er ganze Schauspielergenerationen in Bewegungslehre und Regie unterrichtete: von 1951 bis 1968 an der Max Reinhardt Schule des Landes Berlin, an der Berliner Hochschule für Musik, an der Deutschen Oper Berlin und auf zahlreichen Gastkursen, z.B. in Oslo, Stockholm, Salzburg, Brüssel oder Essen-Werden. Und außer mit unzähligen Schulaufführungen ist Hess immer wieder auch auf namhaften Bühnen in einer Mischung von Regisseur und Choreograph in Erscheinung getreten, z.B. 1949 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg mit dem vielbeachteten Am-stram-gram, sowie bei Film und Fernsehen.

Günter Hess arbeitete vornehmlich 'grenzüberschreitend'. In einem nachgelassenen Manuskript "Gedanken zur Totalität des künstlerischen Menschen" von 1938 findet sich beispielsweise die Äußerung: "Der deutsche Ausdruckstänzer, der im Gegensatz zum klassischen Ballett jede Spezialisierung und jedes Virtuosentum ablehnt und nur künstlerische Form natürlicher Bewegungsphasen sein will, ist zutiefst mit seinem innersten Wesen dem Schauspiel verbunden." Selbst in englischer Kriegsgefangenschaft in Kiel gründete Hess 1944 ein "Marine-Tanz-Theater" und schrieb im August des Jahres: "Die letzte Vollendung in der Form, sowie im Ausdruckswillen, scheitert an der Unzulänglichkeit des Materials, da wir keine Sprecher und Sänger haben, denen gleichzeitig die Bewegung geläufig ist, und umgekehrt keine Tänzer, die Ton und Wort technisch beherrschen. Sollte dennoch eine elementare Wirkung erzielt werden, so zeugt dies nur für die ungeheueren Wirkungsmöglichkeiten, die bei technischer und ausdrucksmäßiger Durchdringung dieser Kunstform von einem Menschen in dieser Art einer neuen Kunstgattung liegen." Dieses Tanz-Theater führte Hess nach der Entlassung aus der Gefangenschaft noch bis 1947 unter dem Namen "Die Galgenvögel" fort und leitete im Sommer 1946 ein "Tanz-Theater-Studio" in Westerland auf Sylt. Der Lehrplan verpflichtete zu Klassischem Tanz, Ausdruckstanz, Bewegungslehre (Improvisation, Kombination, Gestaltung), Musik und Sprache.

Betrachtet man die zwanziger und dreißiger Jahre, findet man Günter Hess solistisch und in Duetten u.a. mit Lore Jentsch, mit seiner Schülerin Lisa Kretschmar sowie mit Ursula Deinert, ferner als Pädagogen, als Bewegungschorleiter u.a. bei der A.E.G., als Tanzleiter und Ballettmeister an den Bühnen in Osnabrück, Dessau, Hagen, Chemnitz und Wuppertal, als Gastchoreographen an der Duisburger Oper, Tanzleiter der Deutschen Tanzbühne in Berlin und bei diversen Festspielen, als Tänzer unter Lizzie Maudrik an der Berliner Staatsoper und gastweise an verschiedenen Theatern, als Autor einiger 'Tanzwerke' und in den dreißiger Jahren gelegentlich staatstreuer Artikel in der Zeitschrift "Der Tanz".

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