Dore Hoyer 
(1911-1967)


Dore Hoyer gilt als die mit Abstand wichtigste deutsche Solistin des modernen Tanzes von den 1930er bis zu den 1960er Jahren. Sie wurde am 12. Dezember 1911 in Dresden als viertes Kind des Maurers Gustav Hoyer und seiner Frau Amalia geboren. In der Schule begeisterte sie sich vor allem für den Gymnastikunterricht und erhielt daher auf Empfehlung ihrer Lehrerin ab ihrem 12. Lebensjahr kostenlosen Rhythmikunterricht.

Diese Ausbildung setzte sie ab 1928 an der neu eröffneten Gymnastikschule von Ilse Homilius, einer Absolventin von Hellerau-Laxenburg, fort. Sie trat bereits im gleichen Jahr mit ihrer Lehrerin öffentlich auf und bestand an dieser Schule 1930 die Prüfung zur Gymnastiklehrerin. Im Anschluss an dieses Examen besuchte Dore Hoyer ein weiteres Jahr die Palucca-Schule, um zusätzlich eine moderne Tanzausbildung zu absolvieren.

Direkt nach ihrem Tänzerinnenexamen erhielt Dore Hoyer für die Spielzeit 1931/1932 ihr erstes Engagement als Solotänzerin in Plauen.

1932 lernte sie den erst 18-jährigen Musiker Peter Cieslak kennen, mit dem sie eine tiefe Liebes-, Lebens- und Arbeitsbeziehung verband. Cieslak schrieb im Dezember 1932 für Dore Hoyer „Ernste Gesänge“, die die beiden gemeinsam an Dore Hoyers erstem Solotanzabend am 30. März 1933 im Künstlerhaus Dresden aufführten. Dieser Abend war ein großer Publikumserfolg und animierte die beiden Künstler, für das kommende Jahr den nächsten Solotanzabend mit Kompositionen von Cieslak und Choreographien von Hoyer ins Auge zu fassen. Um genügend Geld zu verdienen, damit Peter Cieslak die Zeit zum Komponieren finden konnte, verdingte sich Dore Hoyer für die Spielzeit 1933/1934 als Ballettmeisterin in Oldenburg, wo sie ausschließlich Tanzeinlagen für Opern und vor allem Operetten zu choreographieren hatte. Ab Juni 1934 lebte sie wieder gemeinsam mit Peter Cieslak in Dresden. Sie konnte noch im selben Jahr ihren zweiten Solotanzabend in der Komödie Dresden geben. Im Februar 1935 zeigte Dore Hoyer dann im Hygienemuseum ihren dritten Solotanzabend, bei dem sie auch „Fünf namenlose Tänze“ präsentierte, die Peter Cieslak für sie komponiert hatte.

Cieslak beendete am 5. April 1935 sein Leben, woran sich Dore Hoyer die Mitschuld gab. Bis zu ihrem Lebensende litt sie unter dem großen Verlust ihres Geliebten und idealen künstlerischen Partners. Unmittelbar nach diesem tragischen Ereignis unternahm auch Dore Hoyer ihren ersten Suizidversuch. Nach ihrer Genesung und ihrer Wiederhinwendung zum Leben schwor sie sich, unermüdlich weiter an ihren Tänzen zu arbeiten, weil sie keinen anderen Sinn für sich selbst und den Tod ihres Geliebten finden konnte.

Zunächst einmal bat sie Mary Wigman, sie in ihre neue Gruppe aufzunehmen. Ab September 1935 durfte sie an den Proben für „Tanzgesänge“ teilnehmen, die im November 1935 während der „Tanzfestspiele“ Premiere hatten. Die Aufführung wurde ein sehr großer Erfolg und sorgte auch in der anschließenden mehrmonatigen Tournee für ausverkaufte Häuser.

Ab Mai 1936 nahm Dore Hoyer ihre solistische Arbeit wieder auf. Sie lernte den Pianisten und Komponisten Dimitri Wiatowitsch kennen, mit dem sie für den Rest ihres Lebens zusammen arbeitete. Dore Hoyer hatte nur selten Gelegenheit, mit eigenen Solotanzabenden in die Öffentlichkeit zu treten und etwas Geld zu verdienen. Die dramatischen Inhalte ihrer Choreographien stießen bei den nationalsozialistischen Konzertagenturen auf Ablehnung, so dass Dore Hoyers einzige Auftrittschance in privat organisierten Tanzabenden lag. Sie arbeitete unermüdlich an neuen Tanzideen und zeigte sie in verschiedenen Städten auf eigenes Risiko. Wirtschaftlich war Dore Hoyer zeit ihres Lebens auf die Unterstützung ihrer Freunde angewiesen, die sie oft kostenfrei bei sich wohnen ließen.

1940 wurde Dore Hoyer Mitglied in der Tanzkompanie „Deutsche Tanzbühne“, die Hanns Niedecken-Gebhardt für das Propagandaministerium gegründet hatte. Diese Kompanie wurde jedoch 1941 schon wieder aufgelöst und in ein Ballettensemble zur Wehrmachtsbetreuung umgewandelt. Dore Hoyer jedoch bekam in Dresden im Theater des Volkes für die kommenden beiden Spielzeiten ein Engagement als Solotänzerin. Gemäß der verordneten anspruchslosen Unterhaltung, die insbesondere seit Kriegsbeginn auf deutschen Bühnen gezeigt werden musste, hatte Dore Hoyer vor allem in Operetten kleine Ballettszenen mitzutanzen. Um ihre eigenen Vorstellungen von Tanz nicht vollkommen aufzugeben, organisierte sie 1943 noch eine kleine Solotournee für sich, die ihr angesichts der schwierigen Auftrittsmöglichkeiten den Lebensunterhalt wieder nicht sichern konnte. Im Anschluss an diese kleine Tournee kam Dore Hoyer für die letzte Kriegsspielzeit am Theater in Graz unter. Der dortige Ballettmeister Karl Bergeest hatte sie als Solotänzerin engagiert.

Im September 1944 wurden alle deutschen Bühnen geschlossen und sämtliche Künstlerinnen und Künstler zum Rüstungseinsatz zwangsverpflichtet. Dore Hoyer leistete ihren Zwangsdienst in einer Zweigstelle der Zeiss-Ikon-Werke ab und überlebte das Inferno über Dresden am 13./14. Februar 1945 in einem Keller von Bekannten in Dresden-Blasewitz.

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