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Vor allem im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts waren sie weit verbreitet und allgemein bekannt: Reklamemarken. Heute muss man den Begriff erstmal erklären: Meist ein wenig größer als Briefmarken, weisen Reklamemarken in der Regel wie diese einen gezahnten Rand (Perforation) auf und sind rückseitig zum Aufkleben gummiert. Sie dienten wie die illustrierten Anzeigen in Zeitschriften vor allem der Produktwerbung, machten aber auch auf Veranstaltungen (z.B. Ausstellungen) aufmerksam. Reklamemarken konnte man wie Briefmarken sammeln und vertauschen. Durch eifriges Sammeln der Reklamemarken wurde nicht nur die Bekanntheit des Produktes gefördert, sondern auch direkt der Verkauf desselben (wenn z.B. Kinder auf den Einkauf von Waren mit Reklamemarken drängten). Darüber hinaus fanden die Marken zusätzliche werbende Verbreitung durch ihren praktischen Einsatz. So konnten sie z.B. als Brief-Verschlussmarken die Sendung optisch aufwerten und dem Empfänger gleichzeitig bestätigen, dass der vom Absender mit der Reklamemarke quasi versiegelte Brief noch ungeöffnet eintraf. Eine weitere praktische Anwendung fanden Reklamemarken in Theatern, Opern- und Konzerthäusern oder Varietébühnen, wo Programmhefte mit einer vielleicht im Hinblick auf die Pause für Sekt oder Schokolade werbenden Reklamemarke am Schnitt versiegelt werden konnten. Hierdurch war der Käufer des Programmheftes sicher, dass er nicht für ein liegengebliebenes, bereits gebrauchtes Programmheft bezahlt hatte. Und der Akt des Öffnens dieses Siegels verlieh dem ersten Blick auf die Besetzungsliste die besondere Note, gewissermassen ein bisher gehütetes Geheimnis zu lüften. Auch eine Produktverpackung, z.B. eine Seifen- oder Parfumschachtel, konnte mit solch einer werbenden Marke versiegelt werden. Hier ist eine direkte Nähe der Reklamemarke zur (meist runden) Siegelmarke zu konstatieren, wie sie amtlich bei Rechtsgeschäften Verwendung fand und findet, die jedoch oft nur Text und manchmal ein Stadtwappen aufweist. Im Vergleich sind auch die - zumal in späteren Jahrzehnten ebenfalls weit verbreiteten Reklame-Sammelbilder zu erwähnen. Sie wurden in der Regel auf stärkerem Karton gedruckt und hatten einen rückseitigen, das Bild erläuternden Text. Hier befand sich auch der Marken- oder Produktname meist auf der Rückseite. Die papierene Reklamemarke hat jedoch eine grössere Funktionalität als diese und weist oft auch ein deutlich höheres künstlerisches Niveau in der grafischen Gestaltung auf. Die Reklamemarke gilt als Miniaturausgabe des Plakats. Zahlreiche Beispiele belegen, dass ein Plakatmotiv gleichzeitig auch auf einer Reklamemarke verbreitet wurde, was den Wiedererkennungswert steigerte. Namhafteste Gebrauchsgrafiker wie Ernst Deutsch (Dryden), Lucian Bernhard oder Ludwig Hohlwein sind auch als Gestalter von Reklamemarken nachweisbar. Doch Plakate wurden zumeist ausgeklebt und bald darauf überklebt, die Auflagen verbrauchten sich, und so haben oft von einem Plakatmotiv nur wenige Exemplare (womöglich platzsparend gefaltet oder wegen der Größe und des dünnen Papiers mit deutlichen Gebrauchsspuren) überlebt. Reklamemarken dagegen, von denen es heisst, sie seien in ihrer „Blütezeit“ von etwa 1900 bis 1915 mehr gesammelt worden als Briefmarken, wurden meist gut geschützt in Alben aufbewahrt und sind daher auch heute noch in sehr großer Anzahl existent - und als (im Vergleich zu den Plakaten) verhältnismäßig preiswertes Sammelgebiet neu zu entdecken. Das Deutsche Tanzarchiv Köln besitzt eine Sammlung von Reklamemarken mit Tanzmotiven als Teil des Sammlungsbereiches „Tanz in der Werbung“. Soziologisch höchst interessant ist hierbei immer die Frage, warum dem Hersteller gerade dieses Produktes ausgerechnet der Tanz als besonders verkaufsfördernd erschien. Bis heute wird der Tanz in der Werbung vor allem als Ausdruck von Lebensfreude eingesetzt, die natürlich in direktem Zusammenhang mit dem beworbenen Produkt gesehen werden soll. „Kaufe und nutze das Produkt x, und Du wirst vor Freude zu tanzen beginnen“ ist der durchgängig zu lesende Subtext. Auf den Reklamemarken wurden sehr häufig tanzende Kinder abgebildet. Oft ist ein Kreistanz, ein Ringelreihen um das überdimensional in der Mitte dargestellte Produkt zu sehen. Kinder tanzen vor Begeisterung über Norica-Sicherheitsnadeln, um eine Kanne von Seelig’s kandiertem Korn-Kaffee, um einen Laib Schlüterbrot, um eine Packung Knorr’s Hafermehl (beste Kindernahrung) oder Waschperle Spar Seifenpulver, um einen Topf aus Schwerter-Emaille der Sächsischen Emaillier- und Stanzwerke oder um ein Paar Damenschuhe von Louis Spier. Kinder tanzen, weil sie Miloty-Schürzen (mit Original Caspari Bildern) tragen, in Bleyle’s Knaben-Anzüge geschlüpft sind oder die moderne, aparte und praktische Kinderkleidung von Paul Kübler gar nicht mehr ablegen möchten. Sie tanzen vor Freude über die Produkte der Zwieback-, Waffel- und Keksfabriken von Harry Trüller, über Eos (das feinste Glanzmittel für Chevreaux- und Lackleder), über R. Trages Feigenkaffee (bestes Kaffeegewürz), über die Monopol Schuh- und Leder-Creme, über den gesunden Caffee-Zusatz „Scheurer’s Doppel-Ritter“, verständlicherweise über Mollings Kunst-Bilderbücher in Leporelloform und über Sala-Spiele mit Rotsiegel (erfreuen jedes Kinderherz), oder gleich mit der neuen Puppe aus der Puppenfabrik „Mein Liebling“. Die Ware bereitet Vergnügen, das sich tanzend äussert. |
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