| Vorwort des Herausgebers
Mit der
CD-ROM-Veröffentlichung einer 300seitigen
Biographie, zweier Werkverzeichnisse mit über
630 Textseiten detaillierter Beschreibungen sowie
rund 1200 Abbildungen beschreitet das Deutsche
Tanzarchiv Köln neue Wege im Bereich der
Kulturdokumentation. Nicht nur, daß hier
Einblick in jahrelange akribische
Forschungsarbeiten (im Umfang von 30 übervollen
Aktenordnern sowie zahlreicher Karteien) gewährt
wird: Die digitale Datenverarbeitung erlaubt auch
ungleich komfortablere Recherchen. Auch der
Umstand, daß eine Dissertation auf CD-ROM
erscheint, ist neu.
Außerdem wäre
eine derartig umfangreiche Arbeit im
herkömmlichen Buchdruck nur mit immensen
Druckkostenzuschüssen publizierbar gewesen und
dann trotzdem einem größeren Publikum wegen des
hohen Anschaffungspreises vorenthalten geblieben.
Gerade dies widerspräche jedoch den Intentionen
des Autors, einer stark durch zeitgeschichtliche
Eingriffe negativ beeinflußten, ja geradezu
verhinderten Rezeptionsgeschichte
entgegenzuwirken und Leben und Werk Ernst Opplers
wieder der berechtigten Aufmerksamkeit einer
interessierten Öffentlichkeit zuzuführen.
Jochen Bruns hat
bei seinen Nachforschungen über den Künstler
und sein Werk auch das tragische Schicksal der
jüdischen Familie Oppler aufgezeigt. Während
Ernst Oppler selbst noch vor Beginn des Dritten
Reiches verstarb, setzte sein Bruder Berthold,
der als Arzt in München tätig war, von der
Deportation durch die Nationalsozialisten bedroht
seinem Leben am 6. Januar 1943 durch Freitod ein
Ende. (Seine Gattin konnte durch glückliche
Umstände den Hauptnachlaß über die
Kriegswirren hinweg retten und verkaufte ihn etwa
um 1960 an den Ballettmeister Peter Roleff. Heute
befindet sich dieser Nachlaß im Deutschen
Tanzarchiv Köln.) Die meisten Mitglieder der
Familie Oppler hatten Deutschland seit Mitte der
30er Jahre verlassen und kleine Teile des
künstlerischen Nachlasses mitgenommen. Diese
Splitternachlässe befinden sich heute an
verschiedenen Orten in den USA und in Israel.
Doch nicht alle anderen Familienmitglieder
überlebten: Opplers Bruder Siegmund, der 1939
nach Holland geflüchtet war, wurde 1942 von den
Nationalsozialisten von dort deportiert. Auch
Werke Opplers in öffentlichen und privaten
Sammlungen fielen dem Dritten Reich zum Opfer:
beispielsweise im Jüdischen Museum in Berlin,
das am 10. November 1938 von den
Nationalsozialisten geplündert und geschlossen
wurde.
Ernst Oppler, 1867
in Hannover geboren und einer kultivierten,
bürgerlichen Familie enstammend, verbrachte
seine Studienjahre in München, London und
Holland, bevor er sich 1905 in Berlin
niederließ. Hier entwickelte er sich als
Mitglied der Berliner Secession zu einem
gefragten Porträtisten und ab 1912 durch seine
Zeichnungen und Druckgraphiken zu einem der
(vielleicht sogar zu dem) bedeutendsten deutschen
künstlerischen Chronisten der Ballettgeschichte.
Insbesondere die Ballets Russes und ihre Solisten
verdanken seiner Begeisterung eine bisher nur
unter Ballettenthusiasten bekannte Würdigung.
Oppler gilt als Erfinder eines beleuchteten
Zeichenstiftes, welcher ihm ermöglichte,
während der Proben und Aufführungen vom
Zuschauerraum aus zu skizzieren. Hunderte seiner
Skizzen haben sich erhalten, und es ist
naheliegend, daß Opplers Hauptnachlaß gerade im
Deutschen Tanzarchiv Köln seinen endgültigen
Platz gefunden hat. Um die Wiederentdeckung des
seinerzeit prominenten Spätimpressionisten,
zumindest in Bezug auf seine Ballettwerke, hatte
sich bereits seit 1959 Peter Roleff verdient
gemacht; auch das damals noch in Hamburg
ansässige Tanzarchiv präsentierte Oppler in
einer Ausstellung der Sammlung Roleff. Der
ausdrückliche Wunsch von Jochen Bruns war es
jedoch, durch seine Forschungen auch die bisher
noch nicht wiederentdeckten Schaffensbereiche
Opplers zugänglich zu machen und damit das
gesamte Spektrum seines Werkes aufzuzeigen.
In der Arbeit von
Jochen Bruns werden Leben und Werk Opplers zum
ersten Mal ausführlich gewürdigt. Die
Ergebnisse seiner jahrelangen intensiven
Forschungen hat der Autor in drei Teile
gegliedert: Biographie und künstlerische
Entwicklung, Werkkatalog der Ölgemälde,
Werkkatalog der Druckgraphiken. Im ersten Teil
erfahren wir alles, was aus heutiger Sicht über
Oppler und sein Schaffen in Erfahrung zu bringen
war. Auf der CD-ROM kann sich der Leser über das
Inhaltsverzeichnis durch Mausklick direkt in die
einzelnen Kapitel und Unterkapitel begeben oder
aber den Text von Anfang an durchlesen und vor-
bzw. zurückblättern. Ein umfangreicher Anhang
mit Texten und Autographen, Verzeichnis der
Skizzenbücher, Literaturverzeichnis etc. steht
ebenfalls zur Verfügung. In den einzelnen
Kapiteln der Biographie werden die Abbildungen
neben den sich auf sie beziehenden Textpassagen
am linken Rand verkleinert (als
"thumbnails") angezeigt. Erweckt eine
Abbildung weitergehendes Interesse, kann der
Leser im Text auf den Abbildungsverweis oder
direkt auf die Abbildung klicken, um diese mit
den zugehörigen Informationen angezeigt zu
bekommen. Ebenso müssen die umfangreichen
Anmerkungen nicht mehr separat am Ende der
Kapitel oder des ganzen Buches nachgeschlagen
werden: Bei Interesse klickt man auf die
Anmerkungsziffer und aktiviert dadurch die
Anzeige der ersten Zeilen als Fußnote am unteren
Rand, die wiederum, sofern sie sich für den
Leser als relevant erweist, durch ein weiteres
Klicken zur vollen Länge aufgezogen werden kann.
Ein großer Vorteil der digitalen
Datenverarbeitung gegenüber dem herkömmlichen
Buchdruck besteht in den Möglichkeiten,
Textpassagen auszudrucken oder beispielsweise
ausgewählte Literatur auf Diskette oder in
eigene Texte umkopieren zu können, ohne sie
abschreiben zu müssen. Der private Nutzer oder
der Besucher einer modernen Bibliothek, die
außer den herkömmlichen Medien auch CD-ROMs zur
Einsicht anbietet, erhält dadurch die Chance,
sehr viel schneller Informationen für seine
eigene Arbeit verwenden zu können und damit mehr
Zeit für eigenständige Forschung und Analyse
zur Verfügung zu haben.
Der zweite Teil
umfaßt einen Werkkatalog der Gemälde Opplers,
der dritte Teil ein Werkverzeichnis der
Druckgraphiken. In zusätzlichen Abbildungen
wurden zum Vergleich Vorstudien und Skizzen
herangezogen, aber auch Fotos der Dargestellten
und in geringem Umfang auch vergleichbare Werke
von Kollegen und Zeitgenossen, sofern der Autor
diese stilkritisch in seine Arbeit einbezogen
hat. Jochen Bruns hat in beiden Katalogen sehr
detailliert inhaltlich wie äußerlich
beschrieben, weist den Besitz in öffentlichen
Sammlungen aus, gibt spezielle Literaturhinweise
usw. Insbesondere die Beschreibung und Auswertung
der einzelnen Druckzustände ist zum Verständnis
der Werkgenese von größtem Interesse und
ermöglicht überraschende Einblicke. Jochen
Bruns hat den Werkkatalogen inhaltlich
gegliederte Verzeichnisse vorangestellt, durch
welche der Nutzer zu den einzelnen Werken bzw. zu
ihren Beschreibungen und Abbildungen gelangen
kann. Windows-Anwender können außerdem die eigentliche Datenbank
nutzen, die umfangreiche weitere Recherchemöglichkeiten bietet
(wie Zusammen- stellungen von Abbildungen nach Themen, Personen,
künstlerischen Techniken etc.) sowie die Abbildungen nach
Anklicken in Bildschirmgröße zeigt. Zugunsten der Programmierung
in HTML, die eine international standardisierte und auch für das Internet
geeignete Lesbarkeit garantiert, mußte in der (sowohl Windows-
als auch Macintosh-Anwendern zugänglichen) HTML-Version auf
manche dieser zusätzlichen Möglichkeiten verzichtet werden.
Leider verstarb
Jochen Bruns viel zu früh und ohne die
Genugtuung, eine geeignete Publikationsform für
seinen bemerkenswerten Forschungsbeitrag gefunden
zu haben. Auch dies war eine zusätzliche
Verpflichtung, seine Arbeit zu veröffentlichen.
Seine Familie übereignete darüberhinaus
dankenswerterweise all seine Forschungsunterlagen
dem Deutschen Tanzarchiv Köln, wo diese
zukünftigen Forschungen, die sich insbesondere
auf das umfangreiche zeichnerische Werk beziehen
könnten, zur Verfügung stehen werden. Für die
posthume Herausgabe wurde die gesamte Arbeit
durchgesehen, bearbeitet und ergänzt. Dennoch
wurde versucht, keine grundlegenden Eingriffe in
die Intentionen des Autors vorzunehmen und sein
Werk in der neuen Form annähernd so zu
präsentieren, wie er es sich im Buchdruck
vorgestellt hatte (was viel Aufwand verursachte).
Verständlicherweise war es Jochen Bruns auf
seinen Reisen aus Kostengründen und wegen der
Vielzahl der Vorlagen nur im Ausnahmefall
möglich, Reproduktionen in hochwertiger
Qualität anzufertigen; auch der Herausgeber
konnte nur eine geringe Anzahl der Abbildungen
durch professionelle Aufnahmen ersetzen. Die
Bildqualität entspricht daher gerade bei den
ohnehin sehr zarten Radierungen oft nicht dem,
was im Einzelfall technisch möglich wäre.
Dennoch reicht sie zur eindeutigen
Identifizierung - sicherlich dem Hauptanliegen
seitens der Museen, Galeristen und Sammler -
immer aus.
Einer der wenigen
tiefergehenden Eingriffe in die vorgefundene
Arbeit bezog sich auf den Umstand, daß der Autor
unter Museumsbesitz nur die endgültigen Auflagen
der Druckgraphik oder deren direkte Probedrucke
ausgewiesen hatte. Hier wurden jetzt auch die
Zustandsdrucke im öffentlichen Besitz
nachgetragen. Eine weitere umfangreiche Änderung
ergab sich durch die 1996 erfolgte Übernahme der
Sammlung von Peter Roleff mit Opplers
Hauptnachlaß durch das Deutsche Tanzarchiv
Köln. Der gesamte druckgraphische Bestand wurde
überprüft und eingearbeitet, wodurch auf der
CD-ROM gleichzeitig ein Bestandsverzeichnis für
das Deutsche Tanzarchiv Köln mit mehr als 300
verschiedenen Originalgraphiken entstanden ist,
die zudem oft in unterschiedlichsten
Druckzuständen in Köln vorliegen.
Ohne die äußerst
dankenswerte Projektförderung des Ministeriums
für Stadtentwicklung, Kultur und Sport des
Landes Nordrhein-Westfalen wäre die
Veröffentlichung als CD-ROM nicht realisierbar
gewesen. Herzlicher Dank gebührt auch der
Familie von Jochen Bruns, die das Projekt durch
Überlassung all seiner Dokumente uneigennützig
förderte. Ein persönlicher inniger Dank soll an
dieser Stelle auch gegenüber Herrn Karl-Heinz
King ausgesprochen werden. Herrn Michael
Bialowons und dem Team der Fa. SystemArt
schließlich ist für die besonders gute und
einfühlsame Zusammenarbeit bei der Realisierung
der CD-ROM zu danken.
Frank-Manuel Peter
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