Kurt Peters (10.8.1915 - 2.2.1996)


© Foto: Annelise Löffler
 

Dem die Seele des Tanzes noch die dichterische war

Im Gedenken an Kurt Peters

Wenn er nur nicht so lern- und wißbegierig gewesen wäre! Der ihn da hinter der 'Bühne' eines Hamburger Nachtclubs aufgesucht und angesprochen hatte, war einer der Theater-Prominenten aus dem Berlin der Zwanziger Jahre: Ernst Matray. Der junge Kurt Peters verdiente sich gerade sein weiteres Tanzstudium an der Hamburger Laban-Schule (Leitung: Albrecht Knust) und an der Schule für klassischen Tanz von Mariska Rudolph durch abendliche - oder besser: nächtliche - Stepauftritte in Etablissements, die in keinem Bühnenjahrbuch aufgeführt wurden. Donald Winclair hieß der Amerikaner, der Kurt Peters in Step und Akrobatik ausgebildet hatte, und Ernst Matray war sichtlich beeindruckt. Er wollte ihn mitnehmen auf seine neue Tournee in die USA, und heute wissen wir, daß Matray nicht aus Hollywood zurückkehrte, wo er dann für den Film arbeitete; für Kurt Peters wäre dies eine einmalige Chance gewesen, dem heraufziehenden Ungewitter zu entgehen, eine Chance, um die ihn mancher sehr beneidet hätte. Kurt Peters jedoch war noch zu jung, um die politischen Konsequenzen zu sehen, hatte gerade den Vorhang eines tänzerischen Universums gelüftet und war begierig, in diese faszinierende Welt weiter vorzudringen: weiter zu lernen, Abschlüsse zu machen, ans Theater zu kommen. Matray war sprachlos, als Kurt Peters das Angebot mit der Begründung ausschlug, noch nicht genug gelernt zu haben. Dies war der größte Fehler seines Lebens, befand Kurt Peters im Rückblick ein halbes Jahrhundert später, denn da waren ihm Wehr- und Kriegsdienst von 1939-1945 als Untergefreiter und alle damit verbundenen Greuel nebst Bauchschuss und Gefangenschaft nicht erspart geblieben.

Die Wißbegierde hat ihn nie verlassen, und das war zugleich auch seine große Stärke. Mit Tinte, Bleistift und Schreibmaschine hat er seit seiner Jugend Wissenswertes zu allen Aspekten des Tanzes aus Büchern, die er nicht kaufen konnte, abgeschrieben und zusammengetragen. Als Soldat schmuggelte er sich beim Militäreinsatz in Frankreich unter lebensgefährlichen Umständen - auf den Puffern eines Zuges sitzend - von Paris nach Dijon zurück, wo er am Sonntag zuvor im Schaufenster einer Buchhandlung ein seltenes Tanzbuch entdeckt hatte. Und als der Krieg auch ihm einen großen Sammlungsverlust brachte, verzeifelte er nicht wie der 34 Jahre ältere Fritz Böhme, der zweimal das von ihm aufgebaute Deutsche Tanzarchiv in Berlin verloren hatte. Kurt Peters ging unter allen ihm bekannten Tänzern, Pädagogen und Ballettmeistern sammeln, und ob sie Olga Brandt-Knack, Albrecht Knust oder anders hießen: alle überließen ihm Bücher und Dokumente für das neue Tanzarchiv. Und trotz seiner tänzerischen und ballettmeisterlichen Tätigkeiten, neben seinen pädagogischen Qualitäten, ja selbst der Fülle seiner schriftstellerischen Leistungen zum Trotz: das von ihm spätestens seit 1948 mit dem Ziel, die Berliner Sammlung zu ersetzen, in manischer Einzelarbeit und ohne finanzielle Hilfen aufgebaute Tanzarchiv ist sein eigentliches Lebenswerk, das ihn unsterblich macht in der Tanzgeschichte Deutschlands. Daß es 1985, nach jahrzehntelangen Bemühungen in vielen bundesdeutschen Großstädten, ("eine echte Dennoch-Leistung" würde er es betiteln) endlich in öffentliche Trägerschaft überging, muß ihn letztlich mit einer gewissen Genugtuung erfüllt haben. Ein lebenslanger Kampf um einen Grundpfeiler der von ihm - in der Nachfolge aller großen Persönlichkeiten des Tanzes seit Laban, Jooss oder Milloss - angestrebten deutschen Hochschule des Tanzes war in der wichtigsten Etappe endgültig gewonnen.

Ein zweites "Kind" seines unermüdlichen Engagements für den Tanz war die 1953 von ihm in Hamburg gegründete gleichnamige Zeitschrift "Das Tanzarchiv". Viele der später prominenten Tanzkritiker hatten hier ihr erstes Forum, um laufend und unzensiert, aber immer ohne Honorar über Tanz und Ballett zu berichten. "Wie wär's fürs erste mit einem Artikel: Verdrängt das Ballett die Oper?" fragte Horst Koegler aus Berlin im Juni 1953: "Ich bin bereit, den Nachweis zu führen, daß das - im internationalen Rahmen - der Fall ist, und daß die Oper allein noch Chancen für die Zukunft hat, wenn sie eine ganz enge Bindung zum Ballett eingeht. [...] Ich glaube durchaus, mich in Ihrem 'Kreis von Verrückten', wie Sie Ihre Mitarbeiter so schön nennen, nicht gar zu sehr als Fremdling auszunehmen."

Kurt Peters selbst war wegen seiner profunden Kenntnisse (die im Gegensatz zu anderen Kritikern auf eigener praktischer Erfahrung basierten und gerade im Bereich der Tanztechnik so umfassend waren, daß er u.a. das heute noch als Standardwerk gültige "Lexikon der klassischen Tanztechnik" verfassen konnte) einer der - wenn auch ganz zu Unrecht - am meisten gefürchteten Kritiker. Es wird berichtet, daß noch Mitte der sechziger Jahre vor der Premiere durch den Vorhang lugende Tänzerinnen, die in der ersten Reihe an den Peters'schen buschigen, vermeintlich strengen Augenbrauen Ihren Prüfer bei der GDBA als Kritiker wiedererkannten, weiche Kniee bekamen. Dabei gehörte er keineswegs zu denen, die mit ihrem Urteil vernichteten, sondern zeigte lieber den Weg dorthin, wohin der andere allein nicht gefunden hatte: heute als "Hilfe zur Selbsthilfe" ein pädagogischer Grundstein. 1974 schrieb er im Nachruf über einen älteren Kollegen: "Zivier gehörte zu jener alten, vornehmen Kritikergeneration, der die Seele des Tanzes noch die dichterische ist, der das tänzerische Ungenügen noch menschlich verzeihlich ist und der die Hilfestellung und Anteilnahme für das Werdende und Wollende so wichtig ist wie das künstlerische Urteil." Er hätte das "Vornehme" für sich nicht gelten lassen, hat sich hier ansonsten aber treffend selber beschrieben. Nach Abgabe der Zeitschrift 1980 in jüngere Hände hat ihn der Charakter so mancher einst von ihm Rezensierten schwer enttäuscht: "Dieselben Ballettmeister", sagte er einmal nachdenklich zu mir, "die einen früher hofiert und nach der Premiere zum Essen eingeladen haben, grüßen mich heute nicht einmal mehr!"

Nachrufe und Geburtstagsartikel blieben auch weiterhin der Wunsch der älteren Generation an ihn, d.h. es gab tatsächlich Prominente wie beispielsweise Marcel Luipart, die ihn zu Lebzeiten beknieten, doch von ihm später einen seiner schönen Nachrufe zu erhalten. Die regelmäßig alle fünf Jahre von mancher Seite herangetragene Bitte um einen Bericht zum "runden" Geburtstag jedoch war schwer zu erfüllen, wenn einst ein Artikel publiziert worden war und über die vergangenen fünf Jahre im Leben und Schaffen des Geburtstagskindes nichts Neues mehr berichtet werden konnte. Kurt Peters selbst war eine der ganz wenigen Persönlichkeiten des Tanzes in Deutschland in den achtziger und neunziger Jahren, die bis ins höchste Alter ungemindert aktiv und produktiv zu nennen sind. Doch aus Ehrungen hat er sich nicht viel gemacht, Leistungen für die gemeinsame Sache des Tanzes waren ihm lieber. Wer ihn ehren wollte und will, muß sein Werk in seinem Sinn bereichern und fortsetzen. Kaum einer wußte, daß Kurt Peters - als Bundesbürger - 1957 den "Preis für künstlerisches Volksschaffen 1. Klasse des Ministeriums für Kultur der DDR" erhalten hatte; den Deutschen Tanzpreis hatte er weiß Gott nicht mitinitiiert, um ihn 1984 - verdientermaßen - selbst zu erhalten. Und daß an der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an ihn nur ein einziger (familiärer) Gast  teilnahm, war der zuständigen Behörde noch nie passiert: Kurt Peters hatte aus Bescheidenheit niemanden informiert.

Er liebte die Literatur, insbesondere, wenn jemand schon "anno achtzehnhundertundkru(x)" etwas Wegweisendes zu Tanz und Pädagogik geschrieben hatte, und er ging sozusagen mit "seinem" Oscar Bie oder Curt Sachs zu Bett (Gisela Peters möge die Formulierung verzeihen), um mit Laban aufzustehen. Nicht ohne vorher eine lange Nacht vor dem (Tanz-) Fernseher verbracht und gleichzeitig (Tanz-) Zeitungsausschnitte aufgeklebt zu haben, bergeweise, noch aus dem Urlaub in Spanien in gesundheitsgefährdender Menge mitschleppend. Wer nie in den Zeitschriften, die in Eisenbahnen, Flugzeugen oder Arztpraxen ausliegen, seltene Tanzberichte entdeckt und "archiviert" hat, kann da ohnehin nicht mitreden! Ob Kandy Perahera in Sri Lanka, spanische Joglars, Judo oder costumari català el curs de l'any - nichts war Kurt Peters zu ausgefallen, um die Bildung der Tänzer zu bereichern. Solch oft "schicke" Bücherfunde bereiteten ihm mehr Spaß als amerikanische Dissertationen über Bühnentanz. "Was ist Tanzwissenschaft?", fragte er einmal, "- nur, daß man alles in Tüttelchen setzt und die 'Quelle' belegt...?" Das war nicht der eigentliche geistige Hintergrund, den er der Eigendynamik der aktuellen Tanzentwicklung entgegenhalten wollte, die Verinnerlichung als Kraft gegen das Unbehagen der Zeit; kein Schutz vor der allgegenwärtigen "Lärmtapete" und psychedelischem Schnickschnack oder sportlichem Leistungsehrgeiz einer nur noch auf Wochenend-"Akademien" ausgebildeten Tanzpädagogenflut.

Das jüngste seiner "Kinder" war folgerichtig die 1987 neugegründete Deutsche Akademie des Tanzes, geplant als beständiges Kolloquium führender Persönlichkeiten, um die Grundlagen einer Hochschule für Tanzpädagogik zu schaffen. Mit bewundernswerter Kraft und ungebrochenem Idealismus engagierte sich Kurt Peters hier im Alter noch einmal für das erklärte Ziel: den Kindern nur die besten Pädagogen! Und dies bitte auch in den allgemeinbildenden Schulen. "Erst wenn einmal eine Generation herangewachsen sein wird, die tänzerisch erzogen wurde, besteht Aussicht auf eine unverkrampfte europäische Politik..." (Dies schrieb Rudolf Lämmel 1928). Kurt Peters träumte aus human(istisch)em Herzen von einer positiven Welt in Frieden und Freiheit, von einer tanzenden Menschheit. Er selbst war noch als Opfer des Kalten Krieges bei der Rückkehr von seinen Rußland-Reisen aus dem Zug geholt worden, den Unsinn gegenseitiger Bespitzelungen und mangelnder Völkerverständigung am eigenen Leibe erfahrend, während seine sowjetischen Ballettprogrammhefte sicherheitshalber microverfilmt und übersetzt wurden (wenn man diese Arbeit doch nutzen könnte!) und man gleichzeitig in Hamburg seine Wohnung öffnete und durchsuchte. Er verzieh jedoch immer allen rasch und herzlich und bereinigte Mißverständnisse gern, war weder nachtragend noch eitel, intrigant oder "kleinkariert", sondern geradezu selbstlos: Gaben, die (nicht allein in Tänzerkreisen) nur wenige auszeichnen. Kurt Peters fühlte sich als "Freund aller Freunde und Feinde". Auch die Deutsche Akademie des Tanzes, die dann - ganz gegen seinen Willen - das Fundament eines eingetragenen Vereins erhielt, baute Kurt Peters mit bescheidensten Mitteln und einer großen Portion Beharrlichkeit auf. Noch einmal schuf er sich hierzu auch ein Publikationsorgan, den "assemblé", dessen Herstellung mühselig, aber kostensparend vor sich ging.

Wer den in der Öffentlichkeit eher schweigsam-beobachtenden Kurt Peters zum Reden brachte, der profitierte davon. Während über allgemein als Meisterwerke anerkannte Arbeiten wie die Ballette von Mats Ek oder Jiri Kylián natürlich leicht Einvernehmen zu erzielen war, konnte er aus der Fülle seiner persönlichen Erlebnisse jederzeit mit für den anderen neuen Perspektiven aufwarten, indem er beispielsweise unerwartet über Het Folkloristisch Danstheater ins Schwärmen kam. Die Menge des Gesehenen konnte für ihn aber auch zur Belastung werden, der hundertste "Schwanensee" mußte einfach langweilen, "Cats" war nur eine Hauskatzen-Operette gegenüber der poetisch verzauberten Wildkatzen-Welt jener "Demoiselles de la nuit" in den 40er und 50er Jahren, und Gerhard Bohners bauhaus-bunte Handspiele erinnerten ihn an Arbeiten von Roger George. Die Hoffnung auf das spannend neue Tanz-Experiment hat Kurt Peters trotz aller Enttäuschung über die nachfolgenden Generationen und insbesondere angesichts der "geistigen Verarmung" im Tanz der Gegenwart nie aufgegeben, immer bereit, selbst Licht ins Dunkle zu tragen. Kurt Peters hatte keine eigenen Kinder und schenkte seine väterliche Liebe deshalb Vielen. Auch die Zeitschrift, das Archiv und letztlich die Akademie zählten zu seinen "Kindern", und es war gewiß nicht leicht für ihn zu akzeptieren, daß sie zu gegebener Zeit ihr "Elternhaus" verlassen und eigene Wege gehen, neue Familien gründen mußten. Wenn die vielen Tanz-Generationen, denen Kurt Peters so unermüdlich seine väterliche Zuneigung, pädagogische Hilfe und herzliche Freundschaft entgegenbrachte, sich auf die von ihm vermittelten Ideale besinnen würden, dann bräuchte man um die deutsche Tanzpädagogik und um die "Seele des Tanzes, die eigentlich die dichterische ist", weiß Gott nicht bange zu sein.

(Frank-Manuel Peter) 


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