Kurt Peters, Lexikon der klassischen Tanztechnik

Vorwort zur zweiten Auflage

Weder eine erweiterte noch reduzierte Neuauflage kann dem Sinn des Werkes dienlich sein. So ist es lediglich einer Überarbeitung unterzogen worden, eingedenk der Erkenntnis Agrippina Waganowas, daß sich jede lebende Sprache wie der Stil der Bewegung mit den Generationen verändert. Dieser Umriß einer Terminologie soll mit Beispielen technischer Spielarten zugleich eine Klärung der Begriffe des klassischen Tanzes herbeiführen. Er will nicht so grundlegende Werke wie etwa die von Agrippina Waganowa und anderen ersetzen. Die Anwendung der heutigen Technik und ihrer Wortbegrifflichkeit verlangt, nach all den irreführenden Abweichungen zwischen älteren und neueren Werken über die Technik, eine neue terminologische Logik. Diese ist der Versuch, die Begriffe in ein neues, sachliches Verhältnis zueinander zu bringen, ohne ihre Bewegungssubstanz zu verändern. Begriffe wie relevé, sissonne, pas de poisson, soubresaut etc. erfahren die verschiedensten "Auslegungen", weil viele Werke nur einen Teil dieser Schrittformen berücksichtigen und so immer neue Verwirrungen schaffen. Dabei können zusätzliche Feststellungen, wie etwa arabesque Cecchetti, position Lifar, port de bras Legat und andere international geläufige und bekannte Varianten, durchaus mit der zusätzlichen Nennung ihrer Urheber beibehalten werden, wenn sie sich einem vorhandenen Grundsystem unmißverständlich zuordnen, es erweitern und vervollkommnen. Die bestehende Uneinheitlichkeit der theoretisch-technischen Grundbegriffe berechtigt uns, eine deutsche akademische Grundlage herauszukristallisieren. Beim Training im Ballettsaal herrscht die verkürzte Ansprache. Ein Schlagwort wird hingeworfen, man versteht, was gemeint ist, und macht. Schülern dagegen sollte man eine Fachsprache umfassend vermitteln, um den Unterricht zu kultivieren, aber auch Synonyme und Abweichungen aufzuzeigen, die ihnen bei literarischen und unterschiedlichen methodischen Anforderungen späterhin Vergleichsmöglichkeiten bieten. Es ist nicht beabsichtigt, ein Lehrbuch für den technischen Selbstunterricht darzustellen. Den klassischen Tanz ohne persönliche Übermittlung erfahrener Pädagogen erlernen zu wollen, ist ein Unding, es sei denn, man verwechselt die Absicht technischer Werke oder das Erringen technischer Fähigkeiten mit bloßem Schrittemachen. Beabsichtigt ist, den fachtechnischen Wortausdruck auf eine bestimmte Bewegungsart zu fixieren und damit dem Lehrer und Schüler eine theoretische Stütze zu geben, dem Tänzer die Variabilität der Bewegungsmöglichkeiten des klassischen Stils greifbar zu machen. Daher beschränkt sich die Schrittbeschreibung auf bloße Bewegungsangaben, aus denen das bereits Erlernte lediglich wiedererkannt werden soll. Auch wäre es ermüdend, alle Variationsmöglichkeiten auf jede Schrittart immer wieder neu auszubauen. So stütze ich mich auf die grundlegenden Wortbedeutungen, die alle Abwandlungen umfassen. Damit die Wortspielarten unmißverständlich einem gesetzmäßigen Bewegungsaufbau entsprechen, habe ich alle erreichbaren technischen, historischen und empirischen Standardwerke zu Rate gezogen, also alle international geläufigen Bezeichnungen berücksichtigt, ausgewogen, sinnbedeutet, weggelassen, hinzukomponiert, Übergänge geklärt und, wo diese fehlten, gefunden, aber keinswegs erfunden. Jede Sichtung und Klärung muß die Anlehnung an legalisierte Schulformen, auch des Auslands, behalten. Die vorliegende Elementartechnik umfaßt alle einfachen mouvements, temps und pas mit dem Vokabular aller technischen termes de danse. Korrektur-Hinweise, anatomische und pädagogische Anmerkungen bleiben dem Ballett-Pädagogen überlassen. Angesprochen ist der mit Vorwissen gerüstete Leser zum Zwecke der aktiven Mit- und Selbstarbeit. Es kommt nicht darauf an, immer neue Werke über die Technik zu schreiben, sondern sie zusammenzufassen, alte und neue Erkenntnisse für den heutigen Stand und Gebrauch der Technik dienstbar zu machen. Ehe man zu einem sprunghaften Gebrauch oder Vergleich der hier entwickelten termini technici übergeht, ist es durchaus notwendig, sich zuerst einen Überblick über das gesamte Vokabular zu verschaffen. Hat der Leser sich einigermaßen mit seiner Anwendung vertraut gemacht, wird er alle Bewegungsspielarten untersuchen können. Ein "Glasperlenspiel" nicht primitiveren Sinnes, denn wo wollte sich die Mathematik lebensvoller offenbaren, als in der gestaltend rhythmischen Einheit von Körper, Seele und Geist im bewegten Ausdruck der klassischen Tanzkunst.

Kurt Peters


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