Raimondo Puccinelli

Mit Puccinelli in seinem Atelier
von Carlo Betocchi am 31. März 1979

Den Bildhauer Raimondo Puccinelli kenne ich seit den vergangenen 20 Jahren, also seit ich nach Florenz zurückkehrte, wo auch er sich um etwa die gleiche Zeit niedergelassen und an der Piazza Donatello sein Atelier und seine Wohnung eingerichtet hatte; dorthin ging ich heute Morgen, um ihn zu besuchen, langsam, Schritt für Schritt, ging ich zu ihm von meinem Haus in Borgo Pinti. Dort, an der Wand meines Arbeitszimmers, habe ich eine seiner Zeichnungen, die er mir als Geschenk gab und während ich jetzt schreibe hängt sie hier an der Wand, hinter meiner Schulter, auf gleicher Höhe wie meine  Schulter: eine sitzende Frauengestalt, eingehüllt in Tücher, in ihrer bewegungslos erstarrten Kopfhaltung, mit ihren tiefsitzenden Augen, gleichsam lebendig und seit langem hier bei mir anwesend. Nichts erinnert mehr an Puccinelli, als diese bewegungslos stille Figur in ihrer geheimnisvollen Haltung. 

Als sich an diesem Morgen auf den Druck auf seine Klingel Puccinellis Türe öffnete und seine große umhüllte Gestalt ganz still vor mir erschien, sein Kopf mit seinen klaren Augen hervor kam und er mir seine Hand bot und mich einlud, einzutreten, da war mir plötzlich als erschiene sie vor mir, als umschwebte sie mich, als begleitete sie mich, als ich eintrat – sie, die bewegungslose Frauengestalt, die jetzt bei mir ist, während  ich hier an diesem Abend an meinem Schreibtisch sitze und schreibe.

In dem Raum, den ich betrat, standen überall Bronzeskulpturen, die er ausgewählt hatte und über die ich jetzt auf seine Einladung hin für diese Ausstellung [im Kreuzgang von San Marco] ein paar Seiten schreibe. Ihre stille Zwiesprache hielt mich noch gefesselt, als Puccinelli von einer schweren Kommode einzelne Zeichnungen herunternahm um sie kritisch für diese Ausstellung seiner Bronzeskulpturen zu sichten und auszuwählen. Gespannt beobachtete ich, wie der Künstler diese Zeichnungen jetzt auf dem Tisch ausbreitete. Ich betrachtete sie wie im Traum, so als schaute ich in den Spiegel eines Sees auf dessen flimmernden Wellen sich die hingeworfenen bronzenen  Bilder widerspiegelten. Für diese Art meiner Beschreibung muss ich um Nachsicht bitten, denn ich bin kein Akademiker, kein Intellektueller, und schon gar kein  Kunstkritiker, und so kann ich von nichts anderem sprechen als vom Leben, so wie es sich manifestiert und vor uns entfaltet. Meine Worte haben daher lediglich die Bedeutung, die sie durch mein tiefes Empfinden erhalten, das ich für die Existenz der im Hause meines Freundes gezeigten Werke habe und zu denen ich mich heute Morgen auf den Weg gemacht habe, um sie zu betrachten. 

Wir unterhielten uns und wie wir miteinander sprachen, fragte ich ihn so ausführlich nach Einzelheiten aus seinem Leben, wie ich dies nie für möglich gehalten hätte. Im Verlaufe unserer Freundschaft hatte ich nie etwas von ihm eingefordert, da er mir vorkam wie jemand, der von ganz ganz weit angereist kam mit seiner Kunst. Er sprach wie ich, aber langsamer und vor allem wie von sehr weit weg her. Er erwähnte, dass sein Name ursprünglich von einer alten Florentiner Adelsfamilie  stammte und irgendwie in die Schiffswerften von Livorno gelangt war, zu Zeiten des Großherzogtums und auch in die Gegend von Lucia.

Und jetzt erzählte mir Puccinelli seine Geschichte und kam auf San Franzisko in Kalifornien zu sprechen, wo er 1904 auf die Welt kam und wo ihm, als er gerade zwei Jahre alt war, sein Vater 1906 bei dem furchtbaren Erdbeben wagemutig sein Leben rettete, als sein Elternhaus in zwei Teile zerbrach. Er sprach über seine frühe Leidenschaft, wie er als Kind zeichnete und einer seiner Lehrer ihn förderte. Er erzählt, wie sein erster Versuch, etwas zu modellieren Papiermaché Masken waren für das Theater. 

Ich glaube, dass Luigi Cavallo in dem großen Band über Puccinellis Werk, der 1971 bei der Edizione Galleria di Castello in Mailand erschien – zusammen mit einem Essay von Massimo Carrà -, ganz zu recht hervorhob, dass die entscheidend prägenden frühen Erfahrungen seines Lebens darin bestanden, dass er diese frühen Jahre an einem Schnittpunkt zwischen zwei großen Zivilisationen verbrachte: seiner eigenen westlichen Kultur und der fernöstlichen, die die Phantasie dieses wissbegierigen und rastlosen Jugendlichen, der in der unmittelbaren Nachbarschaft von San Franziskos Chinatown aufwuchs, enorm beflügelte.

Die untergründigen Beziehungen zwischen Form und Symbolgehalt, die die orientalische Kunst so oft zum Ausdruck bringt durch ihre engverwobenen Bezüge und Entsprechungen sowie durch ihre subtil dekorativen musikalischen Rhythmen, sie alle haben mit Sicherheit einen profunden Eindruck ausgeübt auf die Kunstphilosophie unseres Bildhauers, der dabei war, einen der zentralen Aspekte seiner Vision der plastischen Kunst zum Ausdruck zu bringen – und zwar die Melodien der Form, die visualisierten Verwandlungen, die meditativen Kadenzen, die einen dazu befähigen, die irdische Wirklichkeit zu vergeistigen, und das sind eben die bedeutungsvollen Eigenschaften, welche auch heute die besten geschaffenen Werke auszeichnen.

Es fällt nicht schwer, diese Beobachtungen als wahr zu bestätigen – besonders deshalb, weil die herausragende Qualität der Figuren seiner Bronzen dem Gesagten absolut genau entspricht und auch weil sie in der Seele des Betrachters erklingen wie eine rastlose Meditation zwischen widerstrebenden Spannungen, die sich in jeder Figur niederschlagen. Diese gegensätzlichen Spannungen laden sich auf zwischen einer ungestümen harmonischen Bewegung und der tatsächlichen Gesamtsumme eines Aktes der Kontemplation. Und gleichzeitig können wir den Blick nicht loslösen von der eigenartigen und ungeheuren Energie, die auf die Oberflächen der Bronzefiguren einwirkt und sie liebkost und wir können uns auch nicht loslösen von der unablässig pulsierenden Bewegung seiner Zeichnungen.

Als mir diese Gedanken in der Nähe meines hochgewachsenen athletischen Freundes durch den Kopf gingen, wanderte mein Blick von einer Bronze zur andern, von einer Zeichnung zur nächsten und ich dachte an die Zeitlosigkeit seiner Arbeit an den Gipsmodellen, die durch den Einsatz seines Haubeils, der Meißel und Feilen zu Bronzen werden. Es scheint mir ganz besonders wichtig zu sein, sich der Bedeutung der Arbeit seiner Hände bewusst zu sein, dieser Hände, die seinem Willen gehorchen, damit man überhaupt verstehen kann, wie und wodurch seine Arbeiten letztendlich wirken. Man muss sich auch die unendliche Geduld vergegenwärtigen, die in einer solchen Kunst eingefordert wird von der ersten Idee bis hin zur Vollendung einer ganz bestimmten Figur. 

Ich glaube, dass  dies ein ganz wichtiger Aspekt ist, der dem Leben, so wie es ist, etwas hinzufügt und zwar jenseits des Erfassens der Ursprungsidee durch den Prozess der Entstehung eines Werkes hindurch mit all seinen vielen Gefährdungen. Dies ist etwas, was sowohl physiologisch als auch mental und spirituell mit der Persönlichkeit des Künstlers verbunden ist.

Und dann gingen wir in den kleinen Garten hinter Puccinellis Haus, umfangen vom Atelier in der Glasveranda mit dem Glasdach. Hier stehen die riesigen Gipsmodelle, die viel größer sind, als die für die Ausstellung ausgewählten Bronzen und an denen er noch arbeitet. Hier stieß ich auch auf einige sehr gewaltige Granitskulpturen, die hier und da auf der Erde und auf dem Gras stehen und die im Medium des Granit eine andere Dimension vom Genie und der Ästhetik  des Künstlers offenbaren. In einer weiter weg liegenden Ecke des Ateliers steht hier die Skulptur eines sitzenden Sklaven, der sich weit nach unten vorbeugt mit seinem Kopf zwischen den Knien – eine gewaltige Figur von unvorstellbarer Kraft, die aus der Masse des Gesteins strömt. Wie stark hat hier wohl der Widerstand des Steins die Phantasie des Künstlers beim Prozess des Herausmeißelns bestimmt – (Schöpfung des Universums)? Und Puccinelli, immer mit der ihm eigenen Ausgeglichenheit, machte mich auf andere Werke aufmerksam, die – obwohl sie eher unbeachtet schienen – für mich zu den interessantesten Werken zählen, die seine Hände geschaffen haben. Mir wurde immer deutlicher klar, dass ein Kunstwerk nicht nur aus dem reinen Geist heraus gemacht wird, sondern eigentlich aus dem Zusammenspiel von natürlichen und geistigen Faktoren, dass es aus der Zurücknahme des bewusst handelnden Künstlers heraus entsteht, der – obwohl allein und in seiner Einsamkeit vergessen – durch den Schöpfungsvorgang gleichsam entführt, geradezu schuldlos entführt wird. Es ist diese Gabe, diese Tugend, mit der unser Puccinelli, wie mir scheint, so besondert reich beschenkt ist.

Übersetzung, August 2007, Hans-Jörg Modlmayr


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