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Fotografische Kultur in der dritten Generation Hand auf's Herz: Kennen Sie den Baron von Eelking? Den Chefredakteur des Herrenjournals und Herausgeber des Lexikons der Herrenmode, den Verfasser vom Bildnis des eleganten Mannes - Ein Zylinderbrevier von Werther bis Kennedy? "Es ist mir ein Rätsel, Baron, wie Sie vier Fortsetzungen 'Für oder wider den weißen Pikeestreifen am Frackhemd' schreiben können", wurde er einmal gefragt. "Mein lieber L., das kann man auch erst verstehen, wenn man bereits in der dritten Generation Kultur hat!", war die Antwort. Und jetzt steht er also vor mir, der Freiherr, und ich muß trotz zweier eigener kultureller Vorgenerationen beschämt eingestehen, daß ich mit ihm nichts Rechtes anzufangen weiß. Natürlich steht mir der längst Verstorbene nicht als Gespenst gegenüber, sondern nur im Format von 50 x 60 cm, freundlich dreinschauend, aufgezogen auf eine Presspappe: ein Ausstellungsfoto, an meine Schreibtischlampe gelehnt; das Bildnis des eleganten Mannes eben, wenn auch ohne Zylinder. Davor liegt ein staubiger Briefumschlag aus dünnem, alten Papier, gefüllt mit 31 Fotonegativen und 32 kleinen Probeabzügen, in Fotografenkreisen "Rohdrucke" genannt. Was aber fang ich mit dem Baron an? Seine Aufnahmen stellen nur einen Bruchteil dessen dar, was übrigbleibt, wenn ein Fotografenatelier aufgelöst werden muß. Ein Studio aus der Zeit der 1950er bis 1970er Jahre in diesem Fall, womit ein relativ neues Problem auf uns zukommt, denn frühere deutsche Ateliers haben ihre Schätze meist schon im Krieg oder spätestens beim Wasserrohrbruch im Keller des Erben eingebüßt. Sechs Umzugskartons solchen Inhalts füllen nun unbehaglich meine Wohnung. Und das ist der Rest nur, den keiner haben wollte, die Privatpersonen, der öffentlichen Archive und Gelder unwürdig: Wunderschöne Aufnahmen von nicht immer wunderschönen Menschen, mit Künstlerblick und von Künstlerhänden für die damalige Gegenwart und für die Nachwelt ausdrucksstark festgehalten und gewiß von gleicher sozialgeschichtlicher Bedeutung wie die Gemälde und Porträtstiche früherer Epochen. Und doch nicht aufhebenswert? Den Museen und Archiven fehlt das Budget, sie zu kaufen, zu konservieren, zu katalogisieren und auszustellen; sie haben bereits viel investiert, um die prominenten Schriftsteller, Schauspieler, Sänger, Tänzer, Architekten und Maler aus dem gleichen Fotografennachlaß zu erwerben. Das Atelier befand sich am einstigen Prachtboulevard der Weltstadt, es hatte Schaukästen zur Straße hin, in welchen immer eine Auswahl eindrucksvoller Porträts in großen Abzügen ausgestellt war. Hier sah man beispielsweise Gottfried Benn, Tilla Durieux, Maria Schell, Joana Maria Gorvin, Wolfgang Lukschy, Walter Höllerer, Hans Werner Henze, Tatjana Gsovsky, Catherine Gayer, Patricia Johnson, die Solisten der Philharmoniker und viele andere Prominente der Zeit in friedlicher Eintracht neben unzähligen Porträts von denen, die vielleicht als Ärzte, Wissenschaftler, Juristen - oder gar nicht öffentlich bekannt waren. Abbilder derjenigen, die hier an den Schaukästen stehengeblieben waren und sich gerne ebenso eindrucksvoll porträtieren lassen wollten. Und weil die mehr oder weniger berühmten Künstler sich damals oft nur wenige kleine Abzüge leisten konnten, wurden die "Privatpersonen" zur eigentlichen Klientel des Fotoateliers, nehmen ihre Fotos den weitaus umfangreichsten Teil des Nachlasses ein. Von ihnen soll hier die Rede sein. Was macht man mit Tausenden von Privatporträts, bei denen sich der Fotograf ebensoviel Mühe gegeben hat wie bei den Künstlern? Die man auch deshalb nicht wegwerfen kann, weil sie (privat) en bloc gekauft werden mußten, damit für die Erben des Fotoateliers zusammen mit den Ankäufen der öffentlichen Sammlungen auch tatsächlich die gutachterlich festgelegte Gesamtsumme erzielt werden konnte? Besteht eine Chance, durch Weiterleitung an die Porträtierten den verauslagten Betrag zurückzubekommen? Hat nicht die abgebildete Privatperson ein gewisses moralisches Recht, daß ihre Aufnahmen vernichtet werden? Oder eher das Recht, daß sie gefragt wird, bevor die Aufnahmen vernichtet werden? Nach einem arbeits- und staubreichen Tag steht statt der Umzugskartons ein hohes Regal im Wohnzimmer mit über zwanzig großen Schachteln alphabetisch geordneter Briefumschläge, und die aufgezogenen Großfotos lehnen abrufbereit daneben. Die Durchsicht kann beginnen, die örtlichen Telefonbücher liegen parat. Die erste Kategorie der Betroffenen wird ausgeschieden: Wer einen häufiger existierenden Namen trägt, hat schlechte Karten: hier lohnt der Rechercheaufwand im Verhältnis zum erzielbaren Erlös nicht. Dann fallen alle diejenigen als mögliche Käufer aus, die sich einst im fortgeschrittenen Alter fotografieren ließen und heute längst verstorben sind. Auch für die Generation, die nun heute hochbetagt ist, erscheint ein Interesse am eigenen Bild unwahrscheinlich. Und bei der damals jungen Generation besteht das Problem, daß sie sich nur selten mehr als ein paar Paßfotos oder bestenfalls zwei gute Porträts des berühmten und keineswegs preiswerten Fotoateliers leisten konnte - für deren zwei Negative leider ebenfalls keine Recherche lohnt. Die Müllsäcke füllen sich bedauerlicherweise schnell. Jetzt werden die Telefonbucheinträge - zeitgemäß auch auf CD-ROM im Computer möglich zu Hilfe genommen. Die Fülle derjenigen, die nicht mehr in dieser Stadt unter ihrem Namen nachweisbar sind, weil sie fortzogen, sich verheirateten, keinen Telefonbucheintrag wünschten oder frühzeitig verstorben sind, muß ebenfalls ausgeschieden werden. Fehlende Vornamen bei der Beschriftung der Umschläge oder Schreibfehler des Fotografen sorgen für eine weitere Dezimierung. Endlich ist ein Zwischenergebnis erzielt. Von den über zwanzig Schachteln sind nur noch drei übriggeblieben: zwei mit möglichen Interessenten und eine mit "Unerreichbaren", die jedoch fotografisch und menschlich zum Wegwerfen viel zu schade erschienen oder zumindest zu Lebzeiten durchaus bekannt waren: Robert T. Odemann, Ole Jensen, Bully Buhlan, der Verleger Lothar Blanvalet - hinterließen sie eigentlich eine Familie, die sich über die alten Fotos freuen würde? >> weiter >> |
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