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Der Aufwand des Telefonierens ist dann höher, als erwartet. Das Telefonbuch kann leider nicht auf dem allerneuesten Stand sein, und oft verraten die lästigen Anrufbeantworter nicht einmal, daß den Anschluß schon seit Monaten ein ganz anderer innehat. Findet man dann endlich den Vorbesitzer, so sorgen Namensgleichheiten für die Vernichtung von einem weiteren großen Teil der übriggebliebenen Aufnahmen. Und die Erfahrungen mit denen, die sich als die einst Porträtierten zu erkennen geben, sind oft ebenfalls enttäuschend: "Was soll ich mit Fotos, die mich daran erinnern, wie alt ich jetzt schon bin?" - "15 Mark für 40 Negative? Nein, besten Dank, die können Sie getrost wegschmeißen!" - "Das ist mein geschiedener Mann, auf dessen Fotos würde ich höchstens noch mit Dartpfeilen werfen." - Und schickt man sie bei Interesse oder bei eindeutiger Identität gar ungefragt zu, vergessen so manche Empfänger leider die Kostenerstattung. - Der Professor hat sogar seine Gattin mitgebracht, um die Aufnahmen anzusehen; er selbst, sein Vater, seine Tochter und andere Verwandte (und manchmal sind es mehrere hundert Aufnahmen von einer Familie, über Jahrzehnte aufgenommen, Generationen dokumentierend): "Ach wissen Sie, wir heben nichts auf, und von den besten haben wir ja damals gute Abzüge gekauft, was sollen wir also damit?", entscheidet die blonde, sonnengebräunte Gattin für ihn. "Das Großfoto auch wegwerfen?", frage ich nachdenklich. "Ja, alles weg! Wir haben nach Opas Tod schon so vieles wegwerfen müssen und hängen das ja doch nie auf." Mir fällt ungewollt die bekannte Loriot'sche Umdichtung der Adventsverse ein ("war ihr bei des Heimes Pflege / schon seit langer Zeit im Wege"). Man merkt es dem Professor an, daß er die Vernichtung seines großen, meisterlichen Porträts eigentlich nicht selbst verursachen wollte. Draußen vor der Tür, beim Warten auf den Fahrstuhl, wird noch flüsternd darüber diskutiert; geschenkt hätte man es vielleicht doch mitgenommen. Die nächste Generation jedenfalls wurde hier nicht in die Entscheidung einbezogen, ob sie dieses besondere Andenken an den Vater oder gar die eigenen Fotos haben möchte. Das Regal ist längst wieder abgebaut, doch er steht immer noch da, der Baron von Eelking, der Präsident des Deutschen Instituts für Herrenmode, der trotz (oder wegen?) der Kultur offenbar keine vierte Generation hinterlassen hat und dessen seltener Familienname in den gesamtdeutschen Telefonbüchern auf immer verschwunden scheint. Vielleicht findet sich doch noch im Bereich der Modearchive eine der Vergänglichkeit trotzende Lösung für ihn. Eine Schachtel ähnlicher Fälle blieb erhalten. Mehrere Säcke voll anderer, oft beeindruckender Versuche, die Zeit festzuhalten, sind jedoch bereits unwiederbringlich dem Müll übergeben, und die verauslagten Kosten waren leider auch nicht zu erzielen. All der Aufwand also umsonst? Keineswegs! Letztlich eine von ursprünglich mehr als zwanzig Schachteln war erfolgreich. Einige Dutzend Familien haben sich gefreut, sahen sich nach so langer Zeit gern erinnert, kamen ins Erzählen, staunten über die einstige jugendliche Schönheit ihrer Eltern, schrieben Dankesbriefe, hielten gerührt ein überraschend aufgetauchtes Stück ihrer eigenen Vergangenheit in den Händen, freuten sich über die Fülle der Aufnahmen, von denen sie damals nur einige wenige hatten bestellen können und waren sich einig, daß nie wieder jemand so gute Fotos von ihnen gemacht hatte. Der Fotograf, ein Schülerschüler des berühmten Dresdener Porträtfotografen Hugo Erfurth, besaß unzweifelhaft die erforderliche "Kultur in der dritten Generation"; - und manche seiner Kunden, die diese sehen und verstehen konnten, offenbar auch. Frank-Manuel Peter (Erstveröffentlicht 1998 bei morgenwelt.de) PS: Es handelte sich um das Fotoatelier von Hans Rama (1906-1967) und Maria Rama (1911-1997) am Berliner Kurfürstendamm. Die Fotos des Barons Eelking befinden sich heute in der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin. Die Schauspielerfotos gelangten in das Deutsche Theatermuseum München. Eine umfangreiche Fotodokumentation von Günter Grass und seiner Familie wird in der Berliner Akademie der Künste archiviert. Die Berlinische Galerie übernahm die experimentellen Fotos, Aktfotos, Berlinfotos und Dokumente zum Atelier. Alle Tanzfotos erwarb das Deutsche Tanzarchiv Köln. Die Nutzungsrechte an RAMA-Fotos sind entsprechend der Negative nach inhaltlichen Gesichtspunkten unter den beteiligten Institutionen aufgeteilt und ggf. dort zu erfragen. << zurück << |
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