Persönliches Grußwort von Marc Jonkers

anläßlich der Eröffnung der Ausstellung "In Bausch & Bildern - Gert Weigelt fotografiert das Tanztheater Wuppertal" am Donnerstag, den 27, November 1997 im Deutschen Tanzarchiv Köln/ SK Stiftung Kultur

Einer meiner Intendanten des Holland-Festivals sagte mir einmal: "Letztendlich bist Du so gut wie die Dokumentation deiner Arbeit."

Das Deutsche Tanzarchiv, unser Gastgeber heute, hat nicht nur in diesem Sinne seinen Wert für den Tanz als Kunstsparte bewiesen. Die Ausstellungsreihe Photographen sehen Tanz stellt unterschiedliche Künstler in ihren spezifischen, voyeuristischen Begabungen im Hinblick auf den Tanz vor. Diese Künstler verschaffen uns als Publikum ldentifikationsmöglichkeiten. Durch einzigartige, eigenartige und eigensinnige Bilder rufen sie in uns etwas wach, was sich in Verlangen und Sehnsucht umsetzen läßt:... meine Muskeln, mein Bein, mein Körper oder meine Schönheit, meine Perversität und letztendlich meine Ewigkeit. Heute heißt es offiziell: In Bausch & Bildern, mit dem Untertitel. Gert Weigelt fotografiert das Tanztheater Wuppertal.

Dieser Titel bringt mich in einen Konflikt, aber darüber später mehr.

Das Deutsche Tanzarchiv hat mich gebeten, zur Eröffnung einige Worte über die "handelnden Personen" zu sagen. Und darum tut es mir für den Veranstalter schrecklich leid, daß ich mich entschlossen habe, den Auftrag nur zur Hälfte zu erfüllen. Mit aller Sympathie, Bewunderung und Begeisterung, die ich für die Arbeit von Pina Bausch hege - für mich heißt es heute: Hauptsache Weigelt. Dieser Standpunkt hat mit dem soeben genannten, in mir wachgerufenen Konflikt zu tun: Fotografie einerseits als dokumentierendes Medium, andererseits als eigenständige Kunstform. Bei dieser Ausstellung geht es, meiner Meinung nach, nur nebenbei um die choreographischen Werke von Pina Bausch. Die ultimative Darstellung ihrer Arbeit findet auf der Bühne statt und nirgendwo anders. Dieser magische Lauf von Zeit und Raum ist jedesmal einmalig: ein Unikat. Es entspricht der momentanen Kraft einer Performance.

Für Gert Weigelt als Tanz-, Foto- und Videokünstler ist die Arbeit von Pina Bausch ein äußerst willkommener Anlaß, denn ein großer Teil der An- und Aufregungen ist schon mit diesen Choreographien verwoben, und deswegen muß er keine 'Extra-Sessions' im Fotostudio organisieren. Laut seinen Fotos regen die Tänzer-Darsteller ihn auf, lösen bei ihm eine bisher (wahrscheinlich für immer) noch ungeklärte chemische Wirkung aus, die er mit seinen Instrumenten, den Augen und der Kamera, für sich fesselt. Er reinterpretiert die ihm vorliegende theatrale Wirklichkeit und setzt sie um in eine neue künstlerische Realität, die mit der Ursprünglichen nur den Zeitpunkt gemeinsam hat.

Dieses nur als eine nette Dokumentation der choreographischen Arbeit zu deuten, wird diesem neuen künstlerischen Akt nicht gerecht. Gert Weigelts Arbeit bringt zudem meistens auch die Tanzfachleute in Beurteilungsschwierigkeiten, da gerade Tanz das Objekt ist. Da wird zunächst das facheigene Dokument gesehen (und festgestellt: Der Weigelt versteht etwas von Tanz) und meistens wenig der Wort der foto-eigenen Darstellung bemerkt. Auch Gerts eigene Äußerung, - er sehe sich als Umsetzer - , bewertet seine eigene Arbeit aus Bescheidenheit unter. Er läuft damit in die Falle seines eigenen Lebens, in dem er Tanz und Choreographie treu geblieben ist, aber in dem er das Objektiv gewechselt hat. Offensichtlich klar zu erkennen ist das in seinen Video-Werken. Da wird auch deutlich: Aus dem Tänzer ist ein Choreograph geworden. Er wählt seine Protagonisten aus, stattet seine Bühne mit phantastischen lngredienzien aus und organisiert die ihm zur Verfügung stehende Zeit. Wir haben also keinen Choreographen in ihm verloren, sondern einen choreographischen Fotografen und Videokünstler an ihm gewonnen, der das Publikum durch seine Vision und durch sein Medium Zeit und Raum zum Genießen läßt.

Gert Weigelt, ein Leben für die Durchsichtigkeit der Dinge - ein fotografischer Essayist.

Wichtig sind auch seine Musen: Sighilt Pahl, Nadja Saidikova, Pina Bausch, Susanne Linke, Gehard Bohner, Hans van Manen, Jiri Kyliàn und William Forsythe. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie werden wach geküßt von Gerd Weigelts Augen und führen dadurch ein neues Leben.

Ich wünsche Dir, Gert, noch ein langes Leben. Weiterso - und Ihnen allen viel Vergnügen mit dieser Ausstellung.


© SK Stiftung Kultur - Deutsches Tanzarchiv Köln