Ansprache Gert Weigelt

anläßlich der Eröffnung der Ausstellung "In Bausch & Bildern - Gert Weigelt fotografiert das Tanztheater Wuppertal" am Donnerstag, den 27, November 1997 im Deutschen Tanzarchiv Köln/ SK Stiftung Kultur

Es gibt eine Szene aus einem der letzten Stücke von Pina Bausch, wo die Tänzerin Julie Shanahan an die Rampe tritt und das Publikum über die pikante Tatsache aufklärt, daß eigentlich ein jeder doch völlig nackt unter seiner Kleidung sei. Der schlüpfrige Gedanke steckt die Zuschauer sofort an und ein verlegendes Lachen macht sich breit.

In der Vorbereitungsphase zu dieser Ausstellung gab es leichte lrritationen über das Bildmotiv des offiziellen Plakates. In dem einen oder anderen Kopf klapperten die Scheren und man sprach von "sado-maso" und "frauenfeindlich".

Ich hoffe Sie spüren das Gemeinsame der beiden amüsanten Geschichten. "Honi soit qui mal y pense" sagt man im europäischen Ausland dazu. Jetzt, da die neuen Arbeiten von Pina Bausch kritiklos umjubeit werden und Ihre Rosen so gut wie keine Stacheln mehr haben, - bzw. diese kaum noch bemerkt werden - amüsiert es mich, daß jedenfalls ein Foto noch provozieren kann.

Es geht hier um FOTOGRAFIE und natürlich um das Werk der Pina Bausch. Aber verwechseln Sie bitte die beiden Gattungen nicht miteinander.

Erinnern wir uns vielmehr an René Magritte, der ein Bild malte auf dem eine ganz naturalistische Pfeife zu sehen ist. Bestandteil des Bildes ist der Text: "Ce n'est pas une pipe" - Dies ist keine Pfeife!. Wo Magritte recht hat, hat er recht. Die Pfeife ist eben keine Pfeife sondern das Abbild einer Pfeife.

Was ich damit - provokativ - sagen will: bitte ersparen Sie mir, unter jedes Foto schreiben zu müssen: "Ce n'est pas Pina Bausch".

Es handelt sich also auch hier um Abbilder, die eine eigene Existenz entfalten. Was Sie hier sehen ist eine (ist meine) Möglichkeit des Medientransfers von der Darstellenden Kunst hin zu Bildenden Kunst. Ich bin jetzt einfach mal so frech und zähle die Fotografie zu den Bildenden Künsten.

Jedenfalls müssen wir uns da schon auf eigenständige Kriterien einlassen. Die Theaterfotografie ist so gut wie nicht existent bei den Gralshütern der reinen (Fotografie-) Lehre und zugegebenermaßen hat sie auch nicht den spröden Charme von Industrieanlagen zu bieten, die man gleich nebenan bewundern darf.

Lassen Sie mich einen, vielleicht gar nicht so abwegigen Gedanken spinnen: Seit Anbeginn ihrer Existenz, hat die Fotografie die Aufgabe des globalen (Bild-) Chronisten übernommen. Die Welt ist bis in den letzten Winkel durchfotografiert worden. Die Fotografen haben sie sich Untertan gemacht; haben den runden Globus in zweidimensionale Bilder gepreßt. Die erfolgreichen unter ihnen: Höpker, Cartier-Bresson, Salgado, Marc Riboud und wie sie alle heißen mögen, reisten, sahen und fotografierten. Wir sprechen gerne vom Theater als den "Brettern die die Welt bedeuten". Die Bühne ist also nichts weiter als der Mikrokosmos der richtigen, der großen Welt.

Die Fotografen, die diese "monde en miniature" bereisen, tun also im Grunde nichts anderes als ihre Kollegen, die auf der großen Welt unterwegs sind. Auch sie sehen, wählen und: drücken auf den Auslöser. Es ist - hier wie dort - der erkennende Blick, der die erste Voraussetzung für ein gutes Foto ist. Egal ob dieser Blick auf eine Szenerie in den Goldminen Südafrikas fällt, eine Situation auf den Champs Elysées erfaßt, oder auf einer Bühne in Dinkelsbühl fündig wird.

Ein gutes Foto ist ein gutes Foto ist ein gutes Foto! Niemand weiß natürlich so genau was ein "gutes Foto" ist - es sei denn, es ist mit August Sander signiert. - Pardon - Letzlich muß das schon jeder für sich selbst entscheiden. Was hier zu sehen ist , ist ein Angebot die Welt der Pina Bausch durch mein Fotografenauge zu sehen. Aber suchen Sie nicht nach Ihrem speziellen Bühnenerlebnis von einst. Das werden sie in den wenigsten Fällen bestätigt bekommen. Lassen sie sich stattdessen auf diese Ausschnitte, diese Perspektiven, diese Konstellationen ein.

Lange Zeit dachte ich selbst immer, daß meine Bühnenfotografie meiner anderen, der inszenierten Studiofotografie, unterlegen sei. Inzwischen habe ich meine Meinung revidiert. Sowohl das eine wie auch das andere gehört zu mir. Ob es sich nun um den erkennenden Blick auf einen "Partikel" Bühnenwelt handelt, oder um die Vision im Kopf, die dann eine Fotoinszenierung in Gang setzt. Das Ergebnis ist in beiden Fällen durch meine Ästhetik geprägt und daher gleichermaßen Teil von mir.

Lassen Sie mich zum Schluß meinen herzlichen Dank aussprechen: In erster Linie an Thomas Thorausch, der mir als Kurator zur Seite stand und mir durch seine Gesichtspunkte und Auffassungen zu einem frischen Blick auf meine eigene Arbeit verhalf.

Ohne die engagierte Hilfe des Tanzarchiv-Stabes wäre ich ziemlich aufgeschmissen gewesen. Dank an alle Mitarbeiter.

Dank auch an meinen Freund Hans-Jörg Przygoda, der als Architekt Teil hatte an der Klärung von ästhetischen und handwerklichen Problemstellungen.

Gedankt sei natürlich den Trägern: dem Deutschen Tanzarchiv Köln und der SK Stiftung Kultur und Herrn Rieger der uns mit seinem Fotofachlabor "taimlab" unter die Arme griff und dessen Team vorzügliche Arbeit leistete.

Und, last but not least, Wolfgang Winkel, der ein wunderbares A O Plakat der "DEMOISELLES DE WUPPERTAL" gestaltet hat, worauf wir aber leider noch ein paar Tage warten müssen, da während der Produktion unerwartete technische Probleme auftraten. Bald wird es jedoch in der Buchhandlung gegenüber erhältlich sein.

Herzlichen Dank


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