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„Als Tänzer das, was Mary Wigman als Tänzerin bedeutet“ „’Eine Arbeitsgemeinschaft soll das sein? Das ist ein Sauladen!’ Damit ging ich und erschien nicht wieder. Die Kölner Expressionistische Bühne starb sang- und klanglos dahin.“ [1] So geschehen am 25. März 1920 in Bonn nach der Aufführung von Rabindranath Tagores Chitra als Gastspiel der Jung-Künstlerischen Arbeitsgemeinschaft (J.K.A.). Wolfgang Martin Schede erinnert sich weiter: „Wir hatten kein Geld, wir hatten kaum etwas zu essen; wir malten unsere Dekorationen auf Restrollen von Rotationspapier und waren besessen von unserer Mission, wie das bei jungen Kerlen üblich ist, die glauben, Traditionen seien nur da, um über Bord geworfen zu werden, aber mit ihrer Arbeit begänne eine neue Ära. Wir hatten sogar eine kleine Zeitschrift [2], in der wir unser Programm ankündigten: ‚Wir wollen das neue Theater, das ekstatische Theater, das Theater des Menschen’. Drunter taten wir’s nicht. Dabei hatten wir ganz außer acht gelassen, dass die reifste Zeit des Expressionismus schon vorbei war. Da man uns aber jahrelang [im Ersten Weltkrieg] die Möglichkeit zur Information und zur Konfrontation mit Publikum und Presse genommen hatte, wollten wir mit Toller, Barlach und Kokoschka diese verlorene Zeit aufholen.“ Als erstes Stück stand Tollers Wandlung auf dem Spielplan, mit auf Glasscheiben aufgemalten und auf Bühne und Darsteller projizierten Dekorationen und einer Lichtkugel, die eine Darstellerin über ihrem Kopf hielt. „Die Wandlung bringt es auf drei ausverkaufte Häuser und eine Forderung der Stadt auf Vergnügungssteuer, die sogleich zu entrichten ist. Was tun? In einer solchen Situation geht man an die höchste Stelle das war der Kölner Oberbürgermeister, ein gewisser Dr. Adenauer. Er empfängt mich, hört sich meine Klagen an und blickt aus kühlen, etwas mongolisch wirkenden Augen. Als ich mit meinem Bericht zu Ende bin, fragt er: ‚Was haben Sie weiter auf Ihrem Programm?’ ‚Barlach und Kokoschka, Herr Oberbürgermeister.’ Er nickt und bittet seinen Kulturreferenten zur Besprechung. ‚Wir müssen den jungen Leuten doch helfen’, sagt er. ‚Subventionieren können wir sie nicht, aber wir wollen ihnen nicht die letzten Groschen aus der Tasche ziehen. Die Vergnügungssteuer ist da fehl am Platz.’ Die Forderung wird gestrichen, und wir bereiten Kokoschka und darauf die Chitra vonTagore vor.“ [3] Zwischen den Darstellern gab es persönliche Differenzen und Liebeskummer, und sie spielten zum Teil zu unprofessionell. „Als Chitra und der Prinz Ardjuna ihre Verse herunterleierten und Chitra den Satz sprach: ‚Doch siehe, wer bewegt die Türe?’, öffnete sich eine Saaltüre, und prompt aufs Stichwort stolperte eine verspätete Dame ins Publikum. Es gab Gelächter, in dem die nächsten, wichtigsten Sätze untergingen das Stück war geschmissen. Uns fehlte die Routine, eine solche Panne zu überspielen.“ Wolfgang Martin Schede ging daraufhin mit Lyrik von Trakl, Werfel, Heym und Toller auf Vortragsreisen und begann mehr und mehr, sich für die wortlose Bühnenkunst, für den Tanz, zu interessieren. „Die Schule Herion […] ist mehr als eine ‚Schule’, sie ist ein Bekenntnis, sie ist das Bekenntnis der unbedingten Vorherrschaft der kindlichen Psyche, des unbedingten Anerkennens kindlichen Trieblebens. […] Vereinigung von tiefstem Wissen um das Wesen des Kindes mit tiefstem Fühlen und Miterleben, scheint den Gedanken dieser unschulmeisterlichen Schule (in einer Stadt, in der Steiner Eurythmie lehrt!!) geweckt zu haben“, schrieb Schede schon 1920 anlässlich eines Gastspiels in den Blättern der J.K.A.. Schede, 1898 in Stuttgart geboren, der seine Jugend- und Studienjahre in Bonn [4], Straßburg und schließlich wieder in Bonn und Köln verbracht hatte, erinnert sich in seinen Memoiren (S. 98ff.) an ein sehr persönliches Erlebnis mit einer Mitarbeiterin der Schule Herion in Stuttgart, „nackt bis auf einen flammenfarbenen Lendenschurz“ „sie geht wie auf Wolken“. Er durfte ihrem Tanz zusehen, er durfte ihr vortanzen, und sie fand ihn begabt und wollte ihm helfen, in Bonn eine Schule aufzubauen, doch es kam nicht dazu und blieb bei einer unerfüllten Liebe und Verehrung seinerseits. Nach erfolgreichen Soloabenden mit vor allem kultischen und religiösen Tänzen (Titel wie: Festlicher Tanz, Feierlicher Tanz, Pathetischer Tanz, Ägyptischer Tanz, Groteske, Sklaventanz, Arabeske, Königstanz, Veni creator spiritus) gründete Schede 1923 in Bonn sein „Institut für ästhetische Körpererziehung“ (Untertitel: „im Sinne der Schule Herion“, Stuttgart) und 1924 in Köln seine „W.M.Schede-Schule für Bewegungskunst“. Auf einem Prospekt heißt es: „Sie baut auf den Errungenschaften der Methoden Dalcroce [sic] und Duncan auf, will aber das Psychische des Tanzes, das Erlebnis des Körpers, in den Vordergrund stellen, und diese zum Wegbereiter für eine Erhellung und Befreiung der ganzen kindlichen Psyche machen.“ Beispielsweise gab Schede im renommierten Kölnischen Kunstverein am 24. November 1924 einen Tanzabend, um die Schule zu propagieren. [1] Wolfgang Martin Schede: Weg nach Rosea. Ein Lebensbericht [unveröffentlichte Autobiographie, 1971, Typoskript im Deutschen Tanzarchiv Köln]. Hier S. 86, zweites Zitat S. 81. [2] Heute eine Rarität: die Blätter der J.K.A., unter anderem mit Illustrationen und Aufsätzen von W.M.Schede. [3] Außerdem: „Ich sehe mich nach neuen Stücken um. Zwei stehen zur Diskussion: zunächst Tanja des Pragers Ernst Weiss. Ich schreibe ihm, er antwortet, er sei unter der Bedingung einverstanden, dass wir für die Titelrolle Rahel Sanzara engagierten; er habe die Rolle mit ihr studiert, und sie sei die einzig mögliche Interpretin dafür. Ich schrieb ihm zurück, wir seien arm wie die Kirchenmäuse und könnten Frau Sanzara nicht einmal die Reisekosten ersetzen, geschweige, ihr ein Honorar zahlen. Damit war die Frage erledigt, zumal die Sanzara zu Hartung nach Darmstadt ging. Das zweite Stück, mit dem aggressiven Titel Das verwerfliche Schwein, stammte von Alfred Döblin, dessen Roman Die drei Sprünge des Wang Lun damals Aufsehen erregte. Döblin war einverstanden, aber zur Aufführung kam das Stück bei uns nicht. Eine Krise hatte schon lange heimlich geschwelt, und bei den Proben zu Tagores Chitra kam es zum Krach.“ (S. 85). [4] Wo er in einer von Jaques-Dalcroze einstudierten Schulaufführung teilnahm. |
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