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TANZWISSENSCHAFT 2
Frank-Manuel Peter:
War Harald Kreutzberg ein "alter Nazi"?
Anläßlich der neuen Publikation "Tanz unterm Hakenkreuz"
von Lilian Karina und Marion Kant
Abstracts:
Eine neue Buchpublikation über Tanzpolitik im Dritten Reich
enthält eine Vielzahl bisher unbekannter Dokumente, weist
in der wissenschaftlichen Behandlung des Themas jedoch erhebliche
Mängel aus.
A new book about dance politics in the Third Reich makes accessible
about one hundred unknown documents but reveals as suffering from
important faults in scientific treatment of the topic.
Text:
Es geschah im März 1996. Eine befreundete Hamburger Tänzerin,
die in ihrer Wohnung u.a. ein Plakat der Kölner Photoausstellung
über Harald Kreutzberg aufgehängt hatte, bekam Besuch.
"Was, mit diesem alten Nazi dekorierst Du Deine Wände?"
war der erstaunte Kommentar zum Plakat. Der Besucher hatte gerade
einen "Kulturweltspiegel"-Beitrag im seriösen Ersten
Fernsehprogramm (ARD) über Tanz im Dritten Reich gesehen.
Verfaßt war der Bericht von Tilman Jens (1). Der Beitrag
war sehr erhellend, erfuhr man doch endlich erstmals, daß
alle Tanzgrößen der Zwanziger Jahre, namentlich Laban,
Wigman, Palucca und Kreutzberg, spätestens in den Dreißigern
zu überzeugten Nazis wurden und dies nach 1945 gut zu verstecken
wußten. So hieß es im Fernsehen zu Kreutzberg (ohne
weitere Informationen): "Mit Bravour vermochte der Bewegungskünstler
Harald Kreutzberg sich nach dem Krieg seiner einstigen Identität
zu entledigen: als Goebbels' tanzender Botschafter 1937 auf der
Weltausstellung etwa."
Anlaß des Fernsehberichtes war eine erst zehn Wochen später
endlich auch im Handel erhältliche Buchneuerscheinung von
Lilian Karina und Marion Kant: "Tanz unterm Hakenkreuz. Eine
Dokumentation". Auf dem Einband ist unter dem ersten Teil
des Buchtitels ein Photo von Alexander von Swaine in einem Tanz
mit dem - für das Buch vielversprechenden - Titel "de
profundis" abgebildet.(2) Daß von Swaine nicht als
typischer "Tänzer unterm Hakenkreuz" ausgewählt
wurde, sondern an ihn erinnert werden soll als an einen der "ermordeten,
vertriebenen, vergessenen Tanzkünstler wie Viktor Gsovsky,
Sascha Leontiew, Josef Lewitan" (Text auf dem hinteren Einbanddeckel),
erfährt man erst mitten im Buch anläßlich von
Dokumenten über seine Verfolgung als Homosexueller.
Die beiden Autorinnen bringen gute Voraussetzungen für eine
solche Dokumentation mit: Lilian Karina, eine bei Eugenie Eduardowa
und Viktor Gsovsky ausgebildete Ballett-Tänzerin, verließ
1936 selbst Deutschland und kann aus erster Hand von ihren Erfahrungen
und denen der befreundeten Kollegen berichten; in Schweden, wo
sie die Problematik von Immigration und Arbeitserlaubnis am eigenen
Leib erfuhr, konnte sie sich schließlich als Pädagogin
niederlassen und publizierte auch über modernen Tanz. Marion
Kant ist die wohl profilierteste Tanzwissenschaftlerin der jüngeren
Generation in der DDR gewesen.(3)
Ausgangspunkt der Veröffentlichung war ein noch zu DDR-Zeiten
erfolgter Hinweis einer anderen Autorin des gleichen Verlags auf
umfangreiche Dokumentenbestände zum Tanz im Dritten Reich
im Potsdamer Staatsarchiv. "Nach schier endlosen Telefonaten,
Briefen, Gesuchen, Anträgen" konnte Lilian Karina endlich
im Oktober 1987 von Berlin nach Potsdam fahren. "Das Material
- dicke Archivmappen, ungeordnete staubige Pakete, mit Bindfäden
verschnürt - war seit Jahrzehnten nicht angerührt worden,
schien seit der Nazizeit von niemandem gelesen worden zu sein.
Ich merkte, wie alle diese Briefe mit ihren Randbemerkungen, Gesuche,
Klagen, Anklagen, Denunziationen, Rezensionen, Zeitungsartikel,
Notizen etc. immer mehr zur eigentlichen Inspiration für
mich wurden [...]. Und dies geschah durch die geradezu von mir
erzwungene Erlaubnis, all die Dokumente fünfzig Jahre später
lesen zu dürfen."
Diese Dokumente (Auswahl und Redaktion: Marion Kant), ergänzt
mit solchen aus anderen Archiven wie dem Berlin Document Centre,
machen den Hauptteil des Buches aus. Unschätzbares Quellenmaterial
zur Tanzpolitik im Dritten Reich wird damit erstmals veröffentlicht.
Außerdem enthält das Buch auf den ersten ca. 70 Seiten
die Erinnerungen, Erfahrungen und Erläuterungen von Lilian
Karina, bereits im Vorwort ausgewiesen als "weder eine wissenschaftliche
Analyse, noch ein biographischer Bericht", und ebenfalls
von ihr einen Text (gut 20 Seiten) über "Labans Weg
von der Staatsoper zum Propagandaministerium". Marion Kant
half ihr dabei und veröffentlichte außerdem einen eigenen
"Essay" von ca. 100 Seiten zur Tanzpolitik des Reichsministeriums
für Volksaufklärung und Propaganda.
Es besteht gar kein Zweifel, daß dies schon allein wegen
der zumeist unbekannten Dokumente die bisher wichtigste deutsche
Publikation zum Tanz im Dritten Reich ist. Auch einige Hinweise
aus persönlichen Gesprächen Karinas mit Beteiligten
wurden erstmals publiziert. Der Weg, den der Tanz und insbesondere
seine beiden kontrahierenden Hauptvertreter Laban und Wigman mit
großem Anpassungsvermögen und eigenem Engagement direkt
in den von der nationalsozialistischen Verwaltung vorgegebenen
neuen "deutschen" Rahmen genommen haben, um von den
politischen Veränderungen zu profitieren, ihre Positionen
zu halten oder zu stärken, ist überzeugender bisher
wohl nicht darstellbar gewesen. Auch auf einige Voraussetzungen
dieser Entwicklung, wie auf die schon 1912 von Max Merz bezüglich
der Ausbildung in der Duncan-Schule geäußerten "rassischen"
Überlegungen und auf Rudolf Steiners größeren
Einfluß wird hier meines Wissens erstmals hingewiesen. Das
Buch kann insofern nur dringend zur Anschaffung und Lektüre
empfohlen werden. Dennoch bin ich mit dem durch den Titel suggerierten,
aber nicht erfüllten Anspruch einer umfassenden Darstellungsweise
und insbesondere mit der wissenschaftlichen Betreuung des Buches
und Themas (Marion Kant) in vielen Fällen keinesfalls zufrieden.
Dies soll hier bevorzugt - anstelle einer weiteren Inhaltswiedergabe
- dargestellt werden.
Die Skepsis beginnt schon mit der Behandlung der bisherigen Forschung
zum Thema, die bei unbedarften Journalisten - mit großer
Breitenwirkung - zu völlig unrecherchierten Falschmeldungen
führt: Der Schlußsatz des o.g. Fernsehinterviews mit
Lilian Karina lautet: "Der Tänzerin, der 85jährigen
Emigrantin, gelang das, was die Zunft der deutschen Historiker
lange versäumte: ein verdrängtes Kapitel deutscher Kulturgeschichte
zu porträtieren, den Tanz unterm Hakenkreuz." Kant konstatiert
eine "Legendenbildung", nach welcher "es im Dritten
Reich kaum Tanz gegeben [hat], vielleicht etwas Ballett"
(S. 109), ohne Beispiele dafür zu bringen. "Eine Geschichte
des Tanzes im Dritten Reich wurde bisher nicht geschrieben. Es
existieren etliche Aufsätze zu einigen Phänomenen des
Nationalsozialismus in diesem Bereich; es gibt Untersuchungen
zu Person und Werk weniger Choreographen und Tänzer."
(S. 111) - Dies ist für einen wissenschaftlich ernstzunehmenden
Beitrag eine unwürdige Verallgemeinerung. Hauptfehler des
Buches ist der Verzicht auf ein Literaturverzeichnis. Durch das
ganze Buch hindurch hat man den - nicht überprüfbaren
- Eindruck, daß hier nur so getan wird, als sei alles gelesen
worden, denn immer wieder fällt die Unkenntnis von Literatur
und Dokumenten auf. Beispiel: Kennt Kant nun die Dissertation
von Suzan Moss: Spinning through the Weltanschauung. The effects
of the Nazi regime on the german modern dance. (New York, New
York Univ. 1988) - oder nicht? Immerhin rund 375 Seiten zum Thema.
Und Horst Koegler, dessen Publikation von 1974 "In the shadow
of the swastika: dance in Germany, 1927-1936" doch immerhin
den Titel des Buches quasi vorwegnahm, und der ja auch mit "Tanz
in die Dreißiger Jahre" und "Tanz in den Abgrund"
etc. bereits Anfang der 70er Jahre um Dokumentation jener Epoche
bemüht war? Er kommt nur beiläufig bezüglich eines
vermißten Beitrags in seinem Ballettlexikon vor.(4) - Karina
geht zwar zunächst richtig vor: "Seit langem schon hatte
ich Literatur - Bücher, Artikel, Rezensionen - über
diese Zeit gesammelt", und stellt dabei fest: "Immer
wieder bemerkte ich, in welch hohem Maße die Geschehnisse
der Zeit nach 1933 falsch geschildert wurden, wie verschönt
und vor allem weggelassen wurde. [...] Oft schienen sich die Autoren
aber auch darüber hinaus den Wünschen, die die politische
Ideologie der Herrschenden sichern halfen, anzupassen und zu fügen.
In Lexika wurden Fakten ausgelassen, die die Tanzkunst wesentlich
beeinflußt hatten, aber bedeutet hätten, daß
man den Ursachen und Verhaltensweisen hätte nachfragen müssen;
oft wurden einfach Personen und ihre Schicksale nicht mehr erwähnt.
Gründe für Entwicklungen wurden verdunkelt oder verfälscht
[...]. Letztenendes muß ich behaupten, daß die Geschichtsschreibung,
hier die Tanzgeschichtsschreibung, in allzu vielen Fällen
von der Ideologie des Nazismus nicht endgültig befreit wurde."
So weit, so interessant. Doch dann belegt Karina keine einzige
dieser Aussagen und wird dadurch so unseriös wie jene, von
denen sie dies eben behauptet hat.
Immer wieder sind die ohnehin sehr spärlichen Literaturhinweise
(in Anmerkungen) unsauber, kaum nachvollziehbar. Was will man
dem Leser sagen, wenn am Ende der Literaturangabe anstelle der
Seitenzahl eines zitierten Aufsatzes angegeben ist: "(Ms.
im Tanzarchiv Leipzig)"? Soll das heißen, daß
die Lektüre des Manuskriptes im Vergleich zum gedruckten
Text empfohlen wird, weil der zitierte Autor hier noch drastischer
formuliert hat als im Druck, - oder daß sein Manuskript
harmloser ist als der womöglich von einer Redaktion bearbeitete
Abdruck? Wenn es nur heißen soll, daß der gleiche
Text auch im Manuskript identisch noch einmal existiert, ist dieser
Hinweis überflüssig, stattdessen wären in jedem
Fall die Seitenzahlen der Veröffentlichung erforderlich,
um den Aufsatz per Fernleihe bestellen zu können. - Was ist
(S.115) unter "Vgl. Fritz Böhme, Aus der Vergangenheit
der Tanzfachpresse in Deutschland, 1941" zu verstehen? Eine
Monographie ja wohl nicht (auch hier würde der Erscheinungsort
fehlen), also ein Aufsatz - aber wo mag er erschienen sein, wie
soll man ihn "vergleichen"? - Auf S. 53 heißt
es für den verzweifelten Leser gar: "Vgl. auch Labans
Briefe an seine Mutter", ohne daß man erfahren würde,
wo dieselben aufbewahrt oder abgedruckt sind. - Und wie kann der
Leser einen Vortrag "vergleichen" bzw. nachlesen, wenn
er keinen Hinweis auf einen Abdruck, ein Manuskript oder einen
Tonbandmitschnitt erhält (S. 140, Anm. 52)? - Auf S. 139,
Anm. 48 heißt es "Vgl. den 'Stammbaum' von Susan Au,
USA, [...]"; darüber, wo in den USA dieser Stammbaum
des modernen Tanzes veröffentlicht ist, erfährt man
kein Wort!
Wenn (S. 87) ein Brief von Jooss an Laban eine Auflistung von
drei Personen enthält: "Schulz, Dbg und ich", dann
ist es nicht der kleine Lesefehler in der Abschrift, einen Trennstrich
zu einem Komma mißdeutend, der hier pedantisch angemerkt
werden soll, sondern die dadurch aufgezeigte und durch den Eintrag
im Personenregister ("Schulz 87") bestätigte Problematik:
Hier publizieren zwei Autorinnen über Jooss, die sich noch
so wenig mit ihm auseinandergesetzt haben, daß sie seinen
Münsteraner und Essener Mentor, den Operndirektor und Gründer
der Folkwangschulen, Rudolf Schulz-Dornburg, noch nicht einmal
vom Namen her kennen.
Unseriosität tritt bei Verallgemeinerungen auf. Zu einem
Buch anläßlich der Deutschen Tanzfestspiele 1934 heißt
es auf S. 149: "In diesem Sammelband erschienen Beiträge
von [...= 13 Namen; FMP]; alle bekannten sich mehr oder weniger
deutlich zum Deutschen bzw. zu einem deutschen Aspekt im Tanz."
Unter diesen Autoren sind auch Yvonne Georgi und Harald Kreutzberg
genannt. Die 1,5 Seiten von Georgi heißen "Anmerkungen
zum Theatertanz"; nicht einmal das Wort "deutsch",
geschweige denn irgendwelche Deutschtümelei kommt in ihrem
Vergleich zwischen Bühnentanz und "freiem" Tanz
vor. Und Kreutzberg veröffentlicht hier seinen "kleinen
Lebenslauf" mit den Geschichten um seine Kinderzeit und den
ersten Laienkurs bei Wigman etc.; "Deutsches" kommt
erst ganz am Schluß, nach Auflistung seiner Auslandstourneen
vor: "Aber einen Teil jeder Spielzeit habe ich in jedem Jahr
in Deutschland verbracht: so war ich Ballettmeister in Braunschweig,
Düsseldorf, Hannover und Leipzig und gab in vielen deutschen
Städten außerdem eine große Anzahl eigener Tanzabende.
Auch in diesem Winter habe ich wieder eine Tournee durch Deutschland
gemacht, und ich freue mich nun sehr, daß die Deutschen
Tanzfestspiele 1934 ins Leben gerufen worden sind. Es ist schön,
in der Welt weit herumzukommen, aber es ist noch schöner,
immer wieder heimkehren zu können. Ich habe das so oft und
dankbar erlebt - und ich möchte auch in Zukunft immer nur
weggehen, um wiederzukommen." Kann man daraus wirklich mehr
machen als ein "Norden, Süden, Osten, Westen - zu Hause
ist es doch am besten"? Wenn die Aufgabe lautete, für
das Büchlein etwas zum Thema "deutsch und Tanz"
zum besten zu geben, hat Kreutzberg die Verpflichtung geschickt
gelöst, ohne mehr als eine unverfängliche Heimatverbundenheit
auszudrücken.
Ein großes Manko des Buches ist im Teil von Lilian Karina
seine (beabsichtigte) Unvollständigkeit, seine Zufälligkeit,
sein persönlicher Bezug zu einzelnen Fallbeispielen und die
trotzdem allem anhaftende Oberflächlichkeit. Das wäre
ein schöner Aufsatz mit persönlichen, kurzen Beispielen
geworden - für ein im Untertitel als Dokumentation bezeichnetes
Buch jedoch zum Thema "Tanz unterm Hakenkreuz" ist das
leider nicht ausreichend.
Zum Beispiel bei Aurel von Milloss. Karina war in Ungarn "beinahe
drei Jahre lang seine Tanzpartnerin und Mitarbeiterin". Sie
schreibt: "Seine Geschichte beweist, wie die Nazis unliebsame
Personen 'entfernten'. Laban war in dieser Zeit noch die führende
Tanzpersönlichkeit und im Auftrag des Reichsministeriums
für Volksaufklärung und Propaganda tätig."
(S. 70). Ganz deutlich stellt sie damit einen Zusammenhang zwischen
Laban und der "Entfernung" von Milloss als "unliebsamer
Person" her. Milloss wird in diesem Buch eindeutig die Rolle
des Opfers zugewiesen, Laban dagegen indirekt zum Täter oder
Mithelfer ernannt. Es erfolgt jedoch keinerlei Beweisführung.
Das einzige Dokument hierzu, ein Brief von Milloss, äußert
nur "[...] daß meine Feinde mit einem derartigen verleumderischen
Material gegen mein politisches und sittliches Benehmen loslegen
[...]". Karina weiter: "Der Vorwurf lautete meines Wissens:
Homosexualität."
Es wäre ausgesprochen unwahrscheinlich, wenn ausgerechnet
Laban mit diesen Intrigen in Zusammenhang gestanden hätte,
denn Milloss hatte gerade Labans "Gaukelei" mit Erfolg
in Düsseldorf aufgeführt (5) und konnte von Laban somit
als einer der besten Vertreter seiner eigenen Vorstellungen von
Theatertanz gewertet werden. "Rudolf von Laban, der bei dieser
Premiere anwesend war, wurde vom Publikum stürmisch gefeiert."(6)
Bisher ist nicht ersichtlich, wieso ein mit den von Laban gelenkten
neuen Bestrebungen linientreu Übereinstimmender von offizieller
Seite aus "entfernt" werden sollte. Es sieht vielmehr
danach aus, daß sich die von Milloss erwähnten "Feinde",
vielleicht Konkurrenten und Neider, vielleicht aus sehr privaten
Interessen handelnd, durch Denunziationen Vorteile zu verschaffen
suchten oder aus Mißgunst tätig wurden, um ihn - lokal
von diesem Theater - zu vertreiben. Milloss ist problematischen
Situationen am Theater (wie viele andere Tanzschaffende auch)
noch mehrmals in seinem Leben begegnet, u.a. in Köln und
Wien. Im Dritten Reich war die Bedrohung durch solche Intrigen,
Bespitzelungen und Denunziationen - wie in allen totalitären
Staatsformen - natürlich ungleich gefährlicher (7).
Deshalb verwundert es zunächst nicht, daß die Autorin
ihren einstigen Tanzpartner als Verfolgten sofort auf der Seite
der Opfer einordnet. Ihr fällt dabei jedoch nicht auf, daß
nach den Grundsätzen ihres Buches Milloss genauso als Mitläufer
und Schuldiger zu behandeln wäre, wie all die anderen (z.B.
Kreutzberg). Milloss hat Deutschland nicht 1933 verlassen, gar
fast freiwillig, wie der vielgelobte Jooss (der zwar in engster
Umgebung, nicht aber in eigener Person betroffen gewesen wäre).
Milloss blieb, und er ging erst im Dezember 1935 aufgrund einer
Intrige und Denunziation. Er wäre weiter dageblieben, er
hätte weiter mitgemacht, er ist ja sogar zurückgekehrt,
1938 nach München(8), und hat drei Jahre danach mit dem Ballett
des römischen Teatro Reale in Breslau, Dresden und Berlin
gastiert, er hat sich nicht geniert, "von Goebbels und Göring
ehrenvoll empfangen" zu werden (Karina S. 71). Ist er damit
nicht mindestens ebenso "schuldig" wie der kritisierte
Kreutzberg: Milloss als "Mussolinis tanzender Botschafter"?
Zu dieser Flucht im Dezember 1935 schreibt Karina: "All dies
und noch mehr wurde an den Theatern, an den Tanzschulen eifrig
besprochen und weitererzählt. Von Ahnungslosigkeit konnte
keine Rede sein" (ebd.) - trifft dies nicht direkt auch auf
Milloss zu? In der zu der Ahnungslosigkeit gehörenden Anmerkung
heißt es bei Karina: "In den zahlreichen Reportagen,
Interviews und Rezensionen, die Patrizia Veroli aus Rom mir zukommen
ließ, wurde Milloss' Tätigkeit als Gründer und
Leiter der Düsseldorfer Tanzbühne und seine Flucht von
1935 nicht erwähnt." Sie gibt keinerlei Hinweis auf
die befragten Personen (Zeitzeugen?), die sich nicht über
die Flucht geäußert hätten. Aber seine Tätigkeit
als Ballettmeister in Düsseldorf kann man beispielsweise
im Ballettlexikon von Koegler/Günther nachschlagen. Oder
in den Bühnenjahrbüchern sich darüber informieren,
daß die Sparte Ballett neben Oper/Operette und Schauspiel
zum Zeitpunkt der Tätigkeit von Milloss, offenbar auf seine
Anregung, als "Tanzbühne" bezeichnet wurde und
damit eine gewisse Selbständigkeit hatte. Oder in den Archiven
die Rezensionen seiner dortigen Arbeit studieren und Fotos ansehen.
Oder wirkliche Zeugen befragen. Ich rief nach der Lektüre
von Karinas Einordnung ein Mitglied der von Milloss am Düsseldorfer
Theater geleiteten "Tanzbühne" an, Martha Hensel,
um zu erfragen, woran sie sich mehr als 60 Jahre danach erinnert.
Sofort erinnerte sie sich ausführlich an die "so nette"
Tanzmeisterin Ruth Loeser (Loeszer), eine namhafte Labanschülerin,
die von den Nazis 1933 "als Jüdin leider entlassen"
wurde. Auch an das Intermezzo mit Kreutzberg in der nächsten
Spielzeit erinnerte sie sich in vielen Details und Rollenzusammenhängen.
Und an die folgenden Spielzeiten mit Milloss hat sie die allerbesten
Erinnerungen: "Das war meine schönste Zeit!" An
eine Entlassung und Flucht von Milloss kann sie sich dagegen nicht
im geringsten erinnern, das habe sie wohl "nicht mitgekriegt";
sie meint, er sei ganz normal weggegangen. Auf den Aspekt der
Homosexualität angesprochen, erwidert sie: "War er denn
nicht mit [der Solotänzerin] Alida Mennen liiert? Das nahmen
wir aber alle an. Er hat sie mitgebracht, und er kam auch immer
mit ihr zusammen ins Theater."(9)
Wenn Karina für die anderen Tänzer an Theatern und Tanzschulen
konstatiert, daß eine Ahnungslosigkeit ausgeschlossen ist,
dann muß das auch für Milloss gelten. Warum wird Düsseldorf
nur mit dem Jahr des Milloss-Fortgangs 1935 betrachtet? 1933 wurde
als Vor(vor)gängerin von Milloss am Düsseldorfer Theater
die erwähnte Ruth Loeser als Jüdin entlassen; sie kommt
in Karinas/Kants Buch gar nicht vor. Wenn niemand ahnungslos war,
weil man an Theatern und Tanzschulen solche Fälle "eifrig
besprochen und weitererzählt" hat, dann muß auch
Milloss gewußt haben, daß er zu denen zählt,
die eine Chance erhalten, weil jemand anderer zuvor "entfernt"
wurde. Dann muß er die Methoden der Nazis gekannt und -
akzeptiert haben; hätte er nicht aber nach der einhelligen
Auffassung von Karina und Kant protestieren, die Mitarbeit verweigern,
das Land freiwillig verlassen müssen? Das Beispiel Milloss
soll hier nur aufzeigen, wie schwierig Schuldzuweisungen sind,
wie vorsichtig man sich vor Schwarzweißmalerei hüten
muß.
Übrigens wird Milloss im vorliegenden Buch permanent als
Laban-Schüler bezeichnet. Ich möchte dies hier relativieren.
Das Buch von Patrizia Veroli ist zwar entgegen der Meinung der
Autorinnen ("Vgl. ..., Lucca 1995") im Mai 1996 immer
noch nicht erschienen, aber Patrizia Veroli bestätigte mir
vorab per Fax, daß sie einen direkten Unterricht bei Laban
nicht beweisen könnte: "I have found no document about
it."(10) Milloss ging in die Berliner Laban-Schule von Hertha
Feist. Diese erzählte mir, daß Milloss mit Laban allenfalls
bei den jährlichen Prüfungen und Kurzaufenthalten in
Berührung gekommen ist, den eigentlichen Laban-Unterricht
aber von ihr erhielt. Er konnte den Unterricht nicht finanzieren
und wurde wegen seiner großen Begabung von ihr zunächst
ohne Bezahlung unterrichtet aufgrund seines Ehrenwortes, dies
bei eigenen Einnahmen nachzuholen. Daß er einen so schlechten
Charakter hatte und nicht Wort hielt, hat sie ihm nie vergessen.
Noch mehr aber kränkte es sie, daß er seine Lehrerin
und Tanzpartnerin später - nach ihrer Kenntnis - niemals
erwähnt hat und sich immer mit dem berühmteren Laban
an ihrer Stelle schmückte.
Immer wieder stolpert man über einseitige Interpretationen,
die als Tatsachen dargestellt werden und Hintergrundwissen vermissen
lassen. Auf S. 86 heißt es über Laban: "Kaum sechs
Monate nach der Machtübernahme beantragte er die 'Arisierung'
der Ballettschule." Aus dem im Faksimile abgedruckten Dokument
ist aber eine derartige "Beantragung" durch Laban oder
seine Initiative in dem Vorgang überhaupt nicht ersichtlich.
Das Schriftstück enthält eine Mitteilung über einen
Sachverhalt: Laban teilt mit zweimaligem "ergebenst"
der General-Intendanz der Staatlichen Theater in Berlin mit: "Die
B.D. [Ballett-Direktion; FMP] hat alle nicht arischen Schüler
und Schülerinnen mit Ablauf der Spielzeit aus dem Kinderkursus
entfernt. Ablauf d. 7. Juli 33. Anbei die neue Schülerliste."
Es ist ebensogut möglich, wenn nicht wahrscheinlicher, daß
die B.D. auf dem Dienstwege aufgefordert wurde, dies zu tun, und
hierdurch mitteilt, das es nun geschehen ist. An allen Theatern
Deutschlands wurden 1933 zur Durchführung des Gesetzes zur
Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7.4.1933 Fragebögen
verteilt, mußten Listen aufgestellt werden, sind einzelne
Fälle von der Theaterverwaltung den Nazi-Dienststellen wie
NSDAP Gauleitung, "Gaukulturämtern" usw. vorzulegen
gewesen. Die Preußischen Staatstheater, und vielleicht nicht
nur diese, haben dies womöglich bis in die Ausbildungsklassen
durchgeführt, denn diese Ausbildung erfolgte ja mit staatlicher
Finanzierung (und nützte denjenigen Kindern, die per Gesetz
später nicht mehr den Tänzerberuf ausüben durften,
wenig). Nach meinem Empfinden überschätzt Karina den
Einfluß der Theaterpraktiker auf die Politik und Verwaltung
erheblich. Solche Entlassungen wurden von der inzwischen nationalsozialistischen
Verwaltung als Träger der Theater angeordnet und durchgesetzt.
Im Fall der Entlassung von Ruth Loeser und zehn anderen Düsseldorfer
Künstlern (11) hat einfach der Hauptausschuß der Düsseldorfer
Stadtverwaltung in der Sitzung vom 30. Mai 1933 den Haushaltsplan
für die vereinigten städtischen Theater abgelehnt bzw.
nur mit der Maßgabe genehmigt, daß keine Mittel für
die Besoldung der aufgelisteten 11 Künstler bereitgestellt
werden.(12) Vielleicht war die weitere Finanzierung der Staatsopern-Ballettschule
auch an Bedingungen geknüpft worden? Der von Karina zum Beweis
von Labans antisemitischer Gesinnung im Interview und Buch angeführte
Vergleich, daß erst 1938 "nicht-arische" Kinder
vom Schulunterricht ausgeschlossen wurden, ist unsachlich, weil
er eine Situation am Theater mit der Situation der allgemeinbildenden
Schulen gleichsetzt. Sollte bisher in der Literatur dargestellt
worden sein, daß Laban nichts von der Entlassung jüdischer
Mitbürger bzw. Künstler gewußt habe (bei Karina/
Kant wird dies nicht näher ausgeführt), so wäre
dies durch das o.g. neu aufgefundene Dokument zweifelsfrei widerlegt;
ein Beweis für Labans Eigeninitiative ist das Schriftstück
jedoch keineswegs.
Auch die Machtstrukturen innerhalb der Theaterhierarchie werden
von Karina unterschätzt, obwohl Labans zweimaliges "ergebenst"
einen deutlichen Hinweis gibt. Da mir keine geeigneten Beispiele
aus Labans Zeit vorliegen, will ich die Machtverhältnisse
zwischen Intendanz und Ballettleitung am Beispiel derselben Staatsoper,
jedoch 20 Jahre später verdeutlichen: Intendant Max Burghardt
schreibt am 5.10.1954 in einem Brief: "Mit dem Ballett habe
ich Ärger. Es protestiert gegen Lilo Gruber als Ballettmeisterin.
Sie hätte keine ausreichende Qualifikation für die Staatsoper.
Die jetzige Ballettmeisterin ist Frau Spies. Eine Schwester des
bekannten Komponisten Spies. Sie ist eine ausgezeichnete Choreographin,
aber meinen Zielen und Absichten entspricht Lilo Gruber besser.
Gruber hatte das Pech, mit einer schlechten oder, besser, mißratenen
Aufführung von Beethovens 'Die Geschöpfe des Prometheus'
in Berlin aufgetreten zu sein. Ballettleute sind sehr kritisch.
Besonders untereinander. - Nun mußte ich eine Versammlung
im Ballettsaal durchführen, um mit dem Corps zu sprechen.
Es sind alles tüchtige und nette Kinder, aber in diesem Falle
verwirrt oder gar aufgehetzt, weil Lilo Gruber Genossin ist. Ich
hatte mir Walter Kanakowski mitgenommen, weil er Lilo und ihre
Arbeit von Leipzig her gut kennt. Die meisten Tänzer rückten
dann nicht mit der Sprache heraus. Du weißt, wie das ist.
Die lautesten Schreier schweigen, wenn es um die Wurst geht. Ich
setzte den Mitgliedern auseinander, warum ich Lilo Gruber will
und was wir zusammen vorhaben. - Eines wurde Kanakowski und mir
wieder klar: Die Oper muß von den Westkünstlern unabhängig
werden."(13) Die "Westkünstlerin" Daisy Spies
wurde also aus der Ballettleitung "entfernt" (im Theaterbereich
ist dies auch in den Dreißiger Jahren ohne großes
Aufsehen dadurch möglich gewesen, daß man den Vertrag
am Ende einer Spielzeit nicht mehr für die nächste verlängert),
um durch eine Genossin ersetzt zu werden. Protest des Ensembles,
der "netten, verwirrten Kinder", war gegenüber
der Intendanz sinnlos, zumal, wenn man seine eigene Stelle behalten
wollte; in den Dreißiger Jahren wird auch dies nicht anders
gewesen sein.(14)
Große Verständnisschwierigkeiten bereiten uns heute
"Zweigleisigkeiten" von Personen, wenn sie aufgrund
einzelner Aspekte einer bestimmten Seite zugeordnet werden. Albrecht
Knust, "der Schüler Labans und maßgeblich an der
Ausarbeitung der Kinetographie/ Labanotation beteiligt war",
wird in der Reihe derjenigen aufgelistet, deren Loyalität
sich der "Kampfbund für Deutsche Kultur" versichert
hatte (S. 132). Nach allem, was das Buch vorbringt, wird der Leser
nicht mehr als die beiden Hinweise "Labanschüler"
und "Kampfbund" benötigen, um Knust zukünftig
"braunem" Gedankengut zuzuordnen. Vorsicht! Kurt Peters
hat mir erzählt, daß Knust in seiner Münchner
Wohnung Verfolgte versteckt hielt. Er schreibt am 19.5.1944 an
Kurt Peters über die Tanzbühne und Meisterstätten:
"Ich wurde dann [im Herbst 1936; FMP], nur weil ich ein Laban-Mann
war, innerhalb von 5 Tagen auf die Straße gesetzt, mein
Archiv übernahm Herr Böhme (15), und Herr Fischer-Klamt,
der mich gerade scharf befehdet hatte, wurde in den Lehrkörper
der Meisterstätten eingefügt."(16) Hierzu muß
man erstens wissen, daß Knusts Archiv vor allem aus Tanznotationen
in der Kinetographie Laban bestand, und daß zweitens der
für Rassenkunde zuständige Fischer-Klamt eine eigene
Tanzschrift - gegen Laban - propagierte. Im gleichen Brief schildert
Knust einen aus heutiger Sicht ebenfalls nicht auf den ersten
Blick verständlichen Fall: "Sonners Schrift [...] habe
ich leider nicht gelesen. [...] Hat er gegen den sogen. modernen
Tanz oder gegen Frau Wigman persönlich Stellung genommen?
Der ironische Witz der Geschichte ist, daß Herr Sonner mit
jener Susanne Ivers verheiratet ist, die ich im Vorwort meines
Buches als erste Fachkinetographin erwähne, und daß
in seinem Hause viele Kollegen aus dem engeren Labankreise verkehren,
von welchen Zusammenkünften mir berichtet wurde, daß
Sonner sich sogar für eine Rehabilitierung Labans in Deutschland
einsetze."
Gerade die Vorgänge und Begriffe, die wir heute nicht mehr
sofort verstehen (und ausländische Tanzforscher vermutlich
noch schwerer), hätten im Buch ausführlicher erklärt
werden sollen. Was verstanden die Labanesen unter der "neuen
Festkultur", die bis in die Frage der Kleidung reichte? (17)
Die Parallelität und Konkurrenz zwischen Gymnastik und Tanz
ist ebenfalls noch nicht ausreichend ergründet. Knust schreibt
1944: "Wir waren, zu jeder Zusammenarbeit bereit, in den
20er Jahren dem neugegründeten Gymnastikbund beigetreten
und hatten uns einige Jahre später wegen der ausgesprochen
tanzfeindlichen Gesinnung wieder von den Gymnastikern getrennt.
Daraufhin waren wir auf Betreiben Labans, der immer für einen
großzügigen Zusammenschluß der Tänzer sprach,
dem Deutschen Chorsängerverband und Tänzerbund beigetreten.
Im Jahre 33 wurde dieser Verband in die Reichstheaterkammer überführt,
und die neuen Leiter wußten nichts mit uns anzufangen. Um
in diesem entscheidenden Stadium der Umbildung und Neubildung
nun nicht abseits zu stehen, hörten wir auf die Lockungen
des Reichsverbandes Deutscher Turn-, Sport- und Gymnastiklehrer,
der gerade den Gymnastikbund aufgesogen hatte. Hier mußten
wir nun erleben, daß die Organisation, der wir uns anvertraut
hatten, von eben jenen Gymnastikern beherrscht wurde, die ihre
alte, uns nicht recht verständliche Feindseligkeit dadurch
zum Ausdruck brachten, daß wir einfach nicht eingeschaltet
wurden, ja, daß sie sich auf diese Weise auch für 'Tanz'
und 'Chorspiel' als zuständig ausgaben. Als wir merkten,
daß wir in dieser Gesellschaft verraten und verkauft waren,
sahen wir uns nach anderem Anschluß um, und wir erreichten
dann, daß die Reichstheaterkammer die Fachschaft 'Tanz'
gründete, in der die freien Tänzer, die Lehrer für
Tanz und später auch die Gesellschaftstanzlehrer angeschlossen
wurden. Im Rahmen der Fachschaft wurde dann der Reichsbund für
Gemeinschaftstanz gegründet, der auf dem Wege über die
in der Theaterkammer organisierten Chorleiter und Tanzkreisleiter
bezw. Lehrer für Laientanz alle deutschen Laientänzer
umfassen sollte. Als erste große Aufgabe wurde uns ein Weihespiel
gestellt, das auf der Dietrich-Eckart-Bühne bei Gelegenheit
der Olympiade aufgeführt werden sollte. Jenes Weihespiel
wurde ein Jahr lang in den verschiedenen Städten vorbereitet
und in einer Gemeinschaftstanzwoche in Berlin dann zusammengebaut.
Es ging alles wundervoll, der Leiter der Reichstheaterkammer war
begeistert (damals Schlösser), die Tausende von Zuschauern
einer öffentlichen Probe waren auch offensichtlich ergriffen.
Nur schien leider Dr. Goebbels nicht sonderlich interessiert,
er sah nicht wie die anderen Generalproben die ganze Sache von
der Führerloge aus an, sondern erschien nur einen Augenblick
am Rand des Zuschauerraumes. Zunächst hieß es, das
Spiel solle aufgeführt werden, dann, es müsse geändert
werden, und schließlich wurde es abgeblasen. Wer das Spiel
zu Fall gebracht hat, ist nur zu vermuten. Vielleicht war damals
schon der Entschluß gefaßt, Laban im Herbst auszuschalten.
Eins ist gewiß: Die Gymnastiker waren bei dem anderen Festspiel
in der Arena des Olympiastadions beteiligt und fürchteten
einen Erfolg des Laientanzes. Einige Jahre später hat sich
ein führender Gymnastiker einer Kollegin gegenüber ziemlich
offen geäussert: Ja, sie hätten damals gegen uns gearbeitet,
sie hätten den ganzen Stand der Laientanzlehrer zugrunde
richten wollen, und zwar, weil wir sonst angeblich die ganze Gymnastik
zugrunde gerichtet hätten. Mir bleibt heute noch die Luft
weg, wenn ich an diese gemeine Unterstellung denke. Der ganze
Gedankengang erscheint zunächst als Irrsinn, denn Gymnastik
und Tanz haben verschiedene Aufgaben, die einander ergänzen,
die aber nie in Widerstreit miteinander treten können. Dieser
Unsinn erhält erst dadurch seine Bedeutung, daß die
bisher tanzfeindlichen Gymnastiker sich jetzt für berufen
hielten, den neuen deutschen Tanz zu erschaffen. Sie nahmen, was
an sich lobenswert war, den Volkstanz in ihr Programm auf und
verhinderten zunächst einmal, daß die Leute, die sich
bisher um den neuen deutschen Tanz bemüht hatten, an dem
neuen großen Geschäft, das sich aus dem aufblühenden
K.d.F.-Betrieb ergab, beteiligt wurden. Und dann gründete
zum Beispiel Frau Elly Bode die 'Ausbildungsstätte für
deutschen Tanz'. Als ich im Jahre 39 nach München kam, habe
ich bei Gelegenheit des Tages der deutschen Kunst eine Vorführung
dieser Ausbildungsstätte gesehen. Es war ein choreographisch
dürftiger Reigen, ausgeführt mit einer erschütternden
tänzerischen Schwunglosigkeit. Daß man uns, die wir
uns seit Jahrzehnten auf solche Aufgaben vorbereitet hatten, ausschaltete,
hat mir nicht so weh getan wie dieser Anblick, die Feststellung,
daß sich jetzt der untänzerische Ungeist breitmacht
mit seinem Turnen zu Musikbegleitung, welches vorgibt, Tanz zu
sein."(18)
Auch die Arbeit des Lektorats (Mechthild Frick) bietet Anlaß
zu Kritik, sofern man sich von ihr mehr erhofft, als nur bei den
wenigen zitierten Büchern darauf zu achten, daß ggf.
der hauseigene Verlag namentlich genannt wird. Das Lektorat wäre
gefordert gewesen, wenn Karina auf S. 30f. unvermittelt zum Dadaismus
schreibt: "Valeska Gert und Anita Berber kennzeichneten für
mich Gegenpole dessen, was ich als Dadaismus bezeichne. Valeska
Gert vertrat in ihren Tanzsatiren die revolutionierende soziale
Kritik, die die Künstler des DADA auszeichnete, während
Anita Berber, Fotomodell, Filmschauspielerin, ursprünglich
Tänzerin, von der radikalen Kunstszene dank ihrer Mitwirkung
in den für die damalige Zeit äußerst gewagten
Aufklärungsfilmen akzeptiert und gefeiert wurde. Anita Berber
personifizierte in ihrer Kunst und in ihrem Leben den bis zum
Sadomasochismus reichenden Protest gegen die Gesellschaft, den
die Dadaisten satirisch vertraten." Was denn nun, sind beide
Gegenpole zum Dadaismus oder Gegenpole innerhalb des Dadaismus?
Das hätte der Lektorin doch als Unklarheit auffallen müssen!
Immerhin hat die Gert auch spontan auf zumindest einer Berliner
Dadaveranstaltung getanzt. Und was ist mit dem direkten Bezug
von Laban, Wigman, Perrottet und Wulff zu den (Züricher)
Dadaisten? Man kann doch nicht ernsthaft den Bereich "Dada
und Tanz" in o.g. drei Sätzen abhandeln?
Leider sind auch die spärlichen Abbildungen in schlechter
Qualität zu kritisieren. Auf Seite 103 ist die Person neben
dem Herrn mit der Hakenkreuzbinde nun wirklich nicht Laban. Auf
S. 143 wird der abgebildete Brief (leider quasi die einzige der
erwähnten Denunziationen, in denen sich die Ausdruckstänzer
"überboten" - S. 142 -, und gerade die wären
aufschlußreich gewesen) mit dem deutlich sichtbaren Datum
vom 12. Dez. 34 ohne Erklärung als "15. Januar 1937"
ausgewiesen. Auf S. 171 und 265 werden fotokopierte Briefe trotz
freien Raumes auf der Seite in der Abbildung so verkürzt
(bzw. Anfang und Schluß montiert), daß es nur beim
Lesen der Handschrift auffällt.
Auch das Personenregister ist unsauber: Alexander von Swaine wird
man auf S. 38 vergeblich suchen, ebenso den [Inspizienten am Städtischen
Opernhaus Berlin, Erich] Streubel auf S. 257 (auf S. 349 ins Alphabet
eingereiht zwischen Stepanek und Stöckemann) oder Herrn Köcher
auf S. 304 oder Kreutzberg auf S. 231 (wo es allerdings um "Kreuzzüge"
geht). Viele Vornamen von Verwaltungsbeamten sind heute nur mit
allzu großer Mühe recherchierbar, aber hätte man
nicht den preußischen Ministerialrat [Leo] Kestenberg noch
ermitteln können, nach dem eine Schulreform benannt wurde,
den Dirigenten [Hans] Schmidt-Isserstedt (ohne "ä"),
die Tänzerin [Friedel] Carter-Fähnle, den Oberschulrat
[Franz] Hilker als Vorsitzenden des Dt. Gymnastikbundes und Autor
von Gymnastikbüchern? Daß man den seltenen Vornamen
A[mint] des Autors Freising nur vom Anfangsbuchstaben her kennt,
ist leicht verzeihlich, aber warum ordnet man diesen im Alphabet
nicht unter "F", sondern unter "Z" bei Herrn
Zorn ein?
Manch belangloser Nachname wie beim "Ref. Frenzel" (S.
306) würde erst durch - hier leider fehlende - Zusätze
für den Leser interessant; bei einer Dokumentation zum genannten
Thema hätte ich mir eher folgende Informationen - womöglich
noch ausführlicher - erhofft: "Herbert A. Frenzel, Schriftleiter
(Chef vom Dienst: Kulturpolitik) beim 'Angriff', Regierungsrat
im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda,
nach dem Krieg Schriftleiter der Gesellschaft für Theatergeschichte
in Berlin, heute bekannt vor allem durch seine 'Daten Deutscher
Dichtung', die er gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth veröffentlichte
(sie promovierte 1940 über 'Die Gestalt des Juden auf der
neueren deutschen Bühne'; die Arbeit erschien im gleichen
Jahr im Deutschen Volksverlag München unter dem Titel 'Judengestalten
auf der deutschen Bühne: ein notwendiger Querschnitt durch
700 Jahre Rollengeschichte', die Titelrückseite vermerkt:
'In die NS-Bibliographie aufgenommen'; tätig als wissenschaftliche
Angestellte des Amtes für Kunstpflege in der Reichsleitung
Rosenberg, zuständig für 'Theater, Literatur und die
Judenfrage')."
Die Pressenotiz über die Nichtteilnahme der Tanzgruppe der
Preußischen Staatstheater an dem von Laban geleiteten Schulungslager
in Rangsdorf 1935 und die Kommentare bezüglich der Autorisierung
durch dortige Nennung der Generalintendanz würden für
den Leser viel verständlicher, wenn man erfahren würde,
daß jener "Kapp", der die Notiz genehmigte, der
Staatsoperndramaturg und prominente Buchautor Dr. Julius Kapp
war, der laut Bühnenjahrbuch zugleich "Vertreter des
Generalintendanten in allen Opernangelegenheiten" war - und
somit ausreichend autorisiert. Doch die Behandlung jenes Tänzerlagers
im Buch ist ohnehin äußerst problematisch und legt
erneut die für eine Dokumentation völlig unzureichenden
Recherchen der beiden Autorinnen offen. Zur Datierung schreibt
Karina auf S. 87: "im Juni 1935", Kant dagegen auf S.
156: "im Juli 1935". In Wirklichkeit fand das Tänzerlager
im August 1935 statt, und zwar im ganzen Monat volle vier Wochen
lang. Höchst unseriös aber ist dann das, was Frau Karina
darüber ausführt: "Das Schulungslager für
Tänzer in Rangsdorf im Juni 1935 [...] war der Versuch, die
Tänzerschaft auch mental von der Ideologie des Nationalsozialismus
zu überzeugen [...]. Laban vermittelte den Tänzern in
diesem Kurs die nationalsozialistischen Bestimmungen für
Tanzkünstler, wie das Propagandaministerium sie sah."
Mit solchen - bisher vollkommen unbewiesenen - Behauptungen führt
Karina ihre eigenen, ehrenwerten Ziele ("Ich möchte
verhindern, daß Mißverständnisse, Verfälschungen,
Legendenbildungen über genaue Beschreibung und die Analyse
von Dokumenten dominieren", S. 18) ad absurdum.
Die Autoren können keinerlei Belege für eine weltanschauliche
Schulung im Rangsdorfer Sommerkurs anführen, die einzige
Grundlage ihrer Argumentation ist neben dem erwähnten Zeitungsausschnitt
zur Staatsoper (19) eine "Lagerordnung", in welcher
eine halbe Seite lang die Essens-, Ruhe- und Bürozeiten festgelegt
sind und Laban darauf bekanntgibt: "Der Schulungskurs in
Rangsdorf ist die erste offizielle Veranstaltung, die allen Tänzern
und Tanzpädagogen zugänglich gemacht wird und zwar durch
großzügige Unterstützung der zuständigen
Behörde. Alle Teilnehmer übernehmen dadurch eine große
Verantwortung dem nationalsozialistischen Staat gegenüber.
Von dem guten Gelingen und reibungslosen Ablauf des Kurses hängt
für viele unserer Kollegen ihre Zukunft und auch die Zukunft
des deutschen Tanzes ab. Es muß daher jedem zur Pflicht
gemacht werden, von sich aus für eine strenge Disziplin -
wie sie in unserem nationalsozialistischen Staat selbstverständlich
ist - aller Teilnehmer mitzusorgen." (S. 241) Läßt
man die "strenge Disziplin" und die Verantwortung gegenüber
dem Staat außer acht, so würde man Labans Lager heute
als "Sommerakademie des Tanzes" oder ähnlich bezeichnen,
für die sich Laban die nötigen Gelder vom Staat unter
Ausnutzung des Modewortes "Schulungslager" besorgt hatte.
In der Tat gab es in Deutschland im Sommer und Herbst 1935 eine
Fülle von Schulungslagern, die jedoch bereits in der Presse
deutlich als weltanschauliche Schulungen ausgewiesen waren.(20)
Die von Karina und Kant im ganzen Buch konsequent aus den eigenen
Recherchen ausgesparte Presse spricht aber beim Rangsdorfer Lager
keineswegs von irgendwelchen weltanschaulichen Schulungen. So
zitiert die Presse eine Lehrkraft: "Stellen Sie sich vor,
Sie sind auf Ihrem Wege einem Engel begegnet, Sie grüssen
ihn, Sie beugen sich gern". Davon, daß dies mit der
zum "deutschen Gruß" erhobenen Hand zu geschehen
hätte, ist nichts gesagt, "denn die fünfzehn jungen
Tänzerinnen folgen ihrer Lehrerin, sie begegnen dem Engel.
Wie sie ihn grüssen! Wie sie sich selbst vergessen! Jene
Grosse dort mit dem ekstatischen Gesicht grüsst ihn geistig,
fromm und keusch. [...]" "Seit dem 1. August sind hier
fünfzig der Auserwählten des Tänzernachwuchses
[...] für einen Monat zu einem Lager gemeinsamer tänzerischer
Arbeit vereinigt. Sie üben und lernen täglich sechs
Stunden mit sechs verschiedenen Lehrern im klassischen Ballett
und klassischen Volkstanz, die individuelle Entwicklung im modernen
deutschen Tanz und schließlich zwei Stunden die Arbeit in
der Gruppe." Theaterpraxis bietet die Teilnahme an der Aufführung
des "Vogelhändlers" im Freilichttheater Friedrichshagen.
Die Deutsche Allgemeine Zeitung überschreibt ihren Bericht
mit "Kleine Tänzerakademie". Auch aus den Reden,
die von Keudell und Laban an die Presse richten, teilen deren
Vertreter offenbar nichts Weltanschauliches mit: "In herzhaftem
Bayerisch begrüßt Rudolf von Laban die Gäste der
Deutschen Tanzbühne. Er freut sich dankbar der Förderung
tänzerischer Arbeit durch den Staat [...]" Das klingt
allenfalls nach "tänzerischer" Weltanschauung.
"Schlank und federnd steht die Lehrerin vor ihnen. 'Position
5, rechter Fuss vor, Wechsel links, zweimal 2. Position'"
- wenn das der "Versuch, die Tänzerschaft auch mental
von der Ideologie des Nationalsozialismus zu überzeugen"
(Karina) gewesen ist, dann braucht man über eine "Gleichschaltung"
nicht mehr zu diskutieren.(21)
Karina schreibt: "Aber fünfzig Jahre später kann
ich nicht umhin, die Frage nach denen zu stellen, die sich nicht
anpaßten, nicht anpassen konnten. Was geschah mit den Opfern?
[...] Darüber wird in der Geschichte des Tanzes nichts gesagt.
All jene haben den traditionellen Rahmen der Geschichtsschreibung
verlassen [...] So [...] wie die Nationalsozialisten diese Leben
ausmerzen wollten, konnte durch Schweigen und Vergessen vollendet
werden, was sie begannen. Was wissen wir über jene, die einfach
nur verschwanden, die in aller Stille verhaftet wurden, die in
Auschwitz oder anderen Konzentrationslagern umkamen [...]?"
(S. 17f.). Karina kann diese Frage leider nur stellen, ohne sie
auch beantworten zu können. Ihr (und Alfred Oberzaucher)
ist zu verdanken, daß jetzt wenigstens die Tatsache des
Todes von Sascha Leontjew 1942 im KZ Mauthausen bekannt wird.
Völlig rätselhaft bleibt indes, warum solcher Fragestellung
seitens der Autorin nicht weiter nachgegangen wird und namentlich
Tatjana Barbakoff (ermordet in Auschwitz), Oda Schottmüller
(ermordet im Zuchthaus Berlin-Plötzensee) und René
Blum (ermordet in Auschwitz) in diesem Buch nicht einmal erwähnt
werden. Entgegen der Auffassung von Karina kann man in anderer
"Geschichtsschreibung" sehr viel über diese drei
nachlesen (22); wieder trifft das, was die Autorin pauschal und
ohne Nachweis der Tanzwissenschaft vorwirft und sogar mit ideologischen
Motiven verknüpft, mindestens ebenso stark auf sie selbst
zu, die damit in ihrer eigenen Terminologie das Werk der Nazis
durch Schweigen und Vergessen fortsetzt.
Wenn man (den Ausdruckstanzförderer) Fritz Böhme auf
19 Seiten nennt oder zitiert, ist unverständlich, warum man
den viel nationalsozialistischeren (Ballettförderer) Rudolf
Sonner überhaupt nicht erwähnt. Jemanden, der im Gegensatz
zu Böhme unmißverständlich antisemitische, rassistische
Hetze betrieben hat ("Den jüdischen Zersetzungstendenzen
lag der neue Ausdruckstanz näher, daher wurde er auch von
der judenhörigen Presse propagiert." "Wenn wir
heute über Wertfestsetzung in der Kunst sprechen, dann können
wir nicht mehr an der Tatsache des rassischen Schönheitsideals
vorbeigehen. Rudolf v. Laban hat einmal die Tänzer eingeteilt
in Hoch-, Mittel- und Tieftänzer. Hier sind die Ansatzpunkte
zu einer rassekundlich ausgerichteten Bewegungslehre. [...]"
Den Ausdruckstanz "besonders zu pflegen und zu fördern,
bloß weil das verjudete Amerika ihn als New german dance
bezeichnete, ist für uns kein stichhaltiger Grund.").
Man erhält leider manchmal den Eindruck, daß die Darstellung
und Diskussion in diesem Buch etwas einseitig und damit unsachlich
geführt wurde. Sehr lobenswert ist die Untersuchung des Weges
von Laban und Wigman ins Dritte Reich. Mit der Darlegung aller
Anbiederungen der Tanzgrößen an den Nationalsozialismus
und dem Nachspüren der Vereinbarkeit von persönlicher
und nationalsozialistischer Weltanschauung ist es jedoch nicht
getan. Es fehlt u.a. die Darstellung der Bedrohung, welche ebenfalls
für diese Anbiederung (namentlich in Böhmes Brief von
1933 an Goebbels zu finden) mitverantwortlich sein kann. Aller
Expressionismus und das gesamte Theater der Weimarer Republik
waren hochgradig gefährdet, damit auch der ohnehin nicht
dem nationalsozialistischen Wunsch von Körperschönheit
etc. entsprechende moderne Tanz. "Die Bühne der Zukunft
scheint gesichert zu sein, wenn man einfach die letzten 14 Jahre
aus der deutschen Theatervergangenheit streicht" schreibt
Wolfgang Nufer in der "Völkischen Kultur", der
"Monatsschrift für die gesamte geistige Bewegung des
neuen Deutschlands" im August 1933, S. 132. Wenn man unter
der Überschrift "Die Situation in der Tanzforschung"
das Fehlen einer Geschichte des Tanzes in den Dreißiger
Jahren beklagt, dann muß man eigentlich fairerweise hinzufügen,
daß eine - derselben logischerweise vorausgehende - Geschichte
des Tanzes in den Zwanziger Jahren auch noch nicht geschrieben
wurde. Und man müßte unter dieser Überschrift
eigentlich auch erklären, warum es um die Tanzforschung -
speziell in Deutschland - noch so dürftig bestellt ist. Daß
das Deutsche Tanzarchiv in Berlin im Krieg verbrannte, seine neuaufgebauten,
ins Sudetenland verlagerten Bestände dort beschlagnahmt und
verkauft wurden. Daß die von Frau Karina in Stockholm offenbar
genutzten Bestände aus dem Nachlaß von Jooss der dritte
große Verlust für die deutsche Tanzforschung sind,
weil sie jahrelang nicht einsehbar waren und heute deutsche Studenten
kaum die Reise nach Stockholm finanzieren können, um dort
beispielsweise die Briefwechsel zum zweiten deutschen Tänzerkongreß
Essen 1928 lesen zu dürfen. Und daß es eine wissenschaftliche
Auffassung gibt, die - im Gegensatz zu den Verfassern - zuerst
die Einzelstudien und dann darauf basierend die Gesamtdarstellung
für den richtigeren Weg hält. So kann man eine Dissertation
über Böhme nur dringend anregen, wenn man die Entwicklung
verstehen und nicht oberflächlich bleiben will; Böhme
schrieb seit spätestens 1919 über den Tanz und hat allein
zwischen 1933 und 1945 nicht nur die im Buch erwähnten zwei
oder drei, sondern etwa 1700 Artikel veröffentlicht, - und
seine Rezensionen des Bühnentanzes dieser Zeit sind offenbar
keineswegs typisch nationalsozialistisch.
Während Laban trotz der o.g. Fehleinschätzungen vermutlich
sehr gut erfaßt ist, kommen mir bereits bei der Beurteilung
der Wigman einige Zweifel (und alle anderen sind viel zu oberflächlich
untersucht worden). Auf S. 147 schreibt Kant: "Die Festspiele
[1934; FMP] präsentierten alle 'bedeutenden Vertreter des
deutschen künstlerischen Tanzes', Mary Wigman, Dorothee Günther,
Gret Palucca, Harald Kreutzberg, Yvonne Georgi, Jens Keith, Valeria
Kratina, Laban selbst natürlich ebenfalls. Sie alle blieben
in Deutschland. Über die schon Emigrierten, wie Kurt Jooss
oder Jean Weidt, sprachen jene nicht mehr." Abgesehen davon,
daß wir heute schlecht beurteilen können, worüber
Wigman 1934 gesprochen hat (ihre Tagebücher sind hier offensichtlich
nicht herangezogen worden), - warum sollte gerade Wigman wohl
über Kurt Jooss oder Jean Weidt "nicht mehr" sprechen?
Wahrscheinlich hat Wigman schon vor deren Emigration nicht über
Jooss und Weidt "gesprochen"! Zum Verständnis von
Mary Wigmans Handeln ist eine genaue Untersuchung ihrer Persönlichkeit
und Selbsteinschätzung Voraussetzung. Ihr Buch "Deutsche
Tanzkunst" erwähnt weder Laban als Lehrer und Kollegen,
noch erfolgreiche Schüler von ihr, noch gar irgendwelche
ihr ganz fern stehende Tänzer. Den etwa 65 Seiten Text stehen
unter dem Titel "Bildnerische Dokumente zur deutschen Tanzkunst"
60 Seiten Abbildungen gegenüber, welche die Deutsche Tanzkunst
in drei Gruppen einteilen: "1. Mary Wigman im Einzeltanz,
2. Mary Wigman und ihre Tanzgruppe, 3. Junge Tänzer, die
aus der Wigman-Schule hervorgegangen sind." Es wird deutlich,
daß Mary Wigman unter "deutscher Tanzkunst" nur
sich selbst und Statisterie aus unbedeutenden eigenen Schülern
verstand. Insofern war in ihrer Auffassung vom "deutschen
Tanz" weder Platz für Emigranten noch für andere
Dagebliebene neben ihr. Die Texte jenes Buches sind übrigens
nicht erst 1935 erschienen, sondern schon 1933 in der "Völkischen
Kultur", wo sich auch seit dem ersten Heft Reklameanzeigen
ihrer Schule finden.
Insbesondere aber Harald Kreutzberg ist nicht so leicht darzustellen,
wie das hier versucht wird. Auf S. 203 schreibt Kant in der "Nachbemerkung":
"Harald Kreutzberg, der tanzende Botschafter der Nationalsozialisten,
hatte nie etwas mit Politik zu tun, sondern tanzte nur. Er hatte
nicht einmal bemerkt, daß es einen Krieg in Europa gab.
Von Kriegsverbrechen hörte er später erstaunt und wußte
nichts von ihnen. Noch etwas später erhielt er das Bundesverdienstkreuz.
Nach seiner Vergangenheit im Dritten Reich wurde er nie befragt."
Dies führt dann zu dem o.g. Aufmacher des Filmberichts von
Tilman Jens und dieser in seiner unseriösen Versimplifizierung
dann mit Breitenwirkung zur Verurteilung Kreutzbergs als "alter
Nazi". Kant hat keine der o.g. Äußerungen belegt,
geschweige denn näher dargestellt. Es klingt ausgesprochen
unwahrscheinlich, daß Kreutzberg "nicht einmal bemerkt"
haben sollte, "daß es einen Krieg in Europa gab":
Immerhin hat er oft genug seine Einberufung, Tätigkeit beim
Militär als Fahrer, seinen Aufenthalt im amerikanischen Kriegsgefangenenlager
in Italien erwähnt. Es ist richtig, daß Kreutzberg
nicht wie Jooss Deutschland den Rücken gekehrt hat. Jooss
hatte eine Truppe mit mehreren jüdischen Mitgliedern und
einen als Juden angeprangerten Komponisten namens Cohen, Kreutzberg
trat nur im Ausnahmefall mit Gruppe auf und sein Komponist Wilckens
war nicht gefährdet. Kreutzberg verlegte seinen Wohnsitz
Anfang der Dreißiger Jahre von Deutschland ins Nachbarland
Österreich, und zwar ins friedliche Tirolerdorf bzw. -städtchen
Seefeld. Zuvor als deutscher (sächsischer) Staatsbürger
geführt, wurde er jetzt Österreicher, was ihm wegen
seiner Geburt in Böhmen nicht schwerfiel. Von 1933-1944 absolvierte
er auf Reisen 795 Gastspiele. Direktes politisches Geschehen,
Entlassungen oder gar Verhaftungen von Bekannten und Freunden,
in Deutschland wohl auch eher mündlich im engsten Kreis weitererzählt,
wird er in Seefeld und auf seinen Tourneen kaum mehr als aus der
Zeitung miterlebt haben. Daß er über den Emigranten
Jooss im Dritten Reich nicht mehr gesprochen hat, wie Kant S.
147 mutmaßt, wäre im offiziellen Rahmen naheliegend
und ist im privaten Bereich nicht nachzuweisen. Kreutzberg versuchte
sich nach der Olympiade (zu der es eigentlich internationale Tanzfestspiele
als Fortsetzung der zweimaligen deutschen Tanzfestspiele geben
sollte und für die er, Wigman und Palucca schon im Sommer
1935 in der Presse mit ihren Rollen genannt wurden) den "ehrenvollen
Aufträgen" zu entziehen, in Gruppenspektakeln nicht
mehr mitwirken zu müssen.(23) Jedenfalls sind bis heute keinerlei
schriftliche Äußerungen Kreutzbergs aufgefunden worden,
die ihn in eine geistige Nähe zum Nationalsozialismus setzen
würden. Warum er das Dritte Reich insgesamt nicht negativ
genug sah, um 1937 die Teilnahme an der Pariser Weltausstellung
zu verweigern, wo er und auch die Tanzgruppe des Deutschen Opernhauses
und Dorothee Günther laut Kant (S. 186) "im Kulturprogramm
demonstrierten, wie sehr sie dem nationalsozialistischen Regime
verpflichtet waren", wird in diesem Buch nicht erklärt.
Überhaupt fehlt in diesem Buch die Verbindung zum täglichen
Leben, und der beklagte eingeengte Blick auf die Tanzkunst wird
nur um das Gesichtsfeld der Tanzpolitik und -verwaltung erweitert,
nicht aber in Bezug zum sonstigen Alltag gesehen. Völlig
unerklärlich bleibt nach der Lektüre, warum so viele
Millionen Menschen und mit ihnen das Gros der Tänzerschaft
in Deutschland geblieben sind. Immerhin war nur ein kleiner Teil
der Bevölkerung Parteigenossen. Die verlockenden Versprechungen
der NSDAP von einem besseren Dasein schienen sich für einen
großen Teil der Bevölkerung zu erfüllen, es gab
wieder Arbeit, die KdF-Reisen versprachen den sozial Schwächeren
Urlaub und Erholung usw. Die eigentliche Propagandamaschinerie
des Dritten Reichs lief bereits auf vollen Touren und zeichnete
permanent und lautstark ein positives Bild. Wenn man nicht erklären
kann, warum direkt Betroffene wie jüdische Künstler,
die im Kulturbund weiterarbeiteten, oder in ihren Werken für
"entartet" erklärte und ihres Arbeitsplatzes verlustig
gewordene Künstler wie beispielsweise Oskar Schlemmer Deutschland
nicht verließen - kann man dann von denjenigen, die nicht
direkt betroffen waren, erwarten, daß sie ihre Arbeit aufgaben
und Deutschland den Rücken kehrten? 1933 waren im Deutschen
Reich 5457 Tänzer und Tanzlehrer als professionelle Tanzschaffende
registriert: 5122 im Hauptberuf (davon 3742 weiblich) und 335
im Nebenberuf (56 weiblich). Und 50,9 Prozent all dieser professionellen
Tanzschaffenden waren damals arbeitslos.(24) Wer gibt in unsicheren
Zeiten schon gerne freiwillig und aus Protest gegen politische
Entwicklungen Arbeitsplatz, Wohnung, Mobiliar und persönlichen
Besitz, Heimat, Freundeskreis und Muttersprache auf? Auch ist
der eigentliche "Tanz unterm Hakenkreuz" im Buch übrigens
keineswegs dokumentiert; wie und was getanzt wurde, kommt viel
zu kurz und wäre doch wichtig gewesen, weswegen ein Titel
wie "Tanzpolitik im Dritten Reich" treffender wäre.
Auch die Beschränkung auf die aufgefundenen Dokumente ohne
Berücksichtigung der vielen gedruckten Dokumente in den Zeitschriften,
der Kritik oder Berichterstattung in den Tageszeitungen macht
das Buch unvollständig. Das Gesagte soll natürlich über
die im Buch gut dargestellte Nähe Labanscher und Wigmanscher
"Tanzideologie" zum nationalsozialistischen Gedankengut
nicht hinwegtäuschen und die von beiden recht bewußt
betriebene weitere Annäherung zur Erreichung persönlicher
Ziele nicht entschuldigen.
Immerhin, dem Buch läßt sich auch entnehmen: Laban,
Wigman, Palucca und Kreutzberg haben sich in ihrem Karrierebewußtsein
nicht soweit auf den Nationalsozialismus eingelassen, daß
sie der Partei beigetreten wären. Was man beispielsweise
von Ruth Berghaus, der späteren Vorzeige-Regisseurin der
DDR (Palucca-Schülerin), nicht behaupten kann: NSDAP-Mitgliedsnummer
9.990.705, eingetreten am 20.4.1944 (Geburtstag des "Führers");
später u.a. SED-Parteisekretärin beim Berliner Ensemble
1964-67. Muß man da nicht eher als bei Kreutzberg sagen:
"Mit Bravour vermochte sie sich ihrer einstigen Identität
nach dem Krieg zu entledigen"? Außerdem beweist das
Buch von Karina und Kant ausführlich, daß der Nationalsozialismus
einen unpolitischen Tanz wollte, Weltanschauung und Handlungsballette
waren nicht erwünscht. Trotz ansonsten vieler direkter Parallelen
zwischen dem Dritten Reich und der DDR ist hier ein deutlicher
Unterschied festzustellen: In der DDR wurde auch das noch erreicht:
eine Politisierung nicht nur der Verwaltung im Tanzbereich, sondern
des Tanzes selbst. Aber das ist ein anderes, wenn auch genauso
düsteres Kapitel deutscher Theatergeschichte; man kann sich
also auf eine verbesserte zweite Auflage des Buches - und auf
eine Fortsetzung als "Tanz unter Hammer und Zirkel"
freuen.
Anmerkungen:
(1) Ich widme diesen Text dem Andenken an den Tanzfilmemacher
und Dokumentar Ulrich Tegeder, der in Köln am 13.4.1996 überraschend
verstarb und sich kurz zuvor noch beim Sender wegen der mangelnden
Seriosität jenes Filmbeitrags beschwert hatte. - Tilman Jens,
Sohn des Präsidenten der Akademie der Künste, Walter
Jens, wurde dadurch bekannt, daß er als Journalist nach
dem Tod des Schriftstellers Uwe Johnson dessen Haus aufbrach,
um darin als erster filmen zu können.
(2) Henschel Verlag, Berlin (Preis des Buches: 39,90 DM). - Das
Photo wurde durch "Anschneiden" unerlaubt verfremdet
und zudem ohne Erlaubnis der Urheberrechtsinhaber abgedruckt.
Der Verlag ist bereits im Oktober 1992 anläßlich einer
früheren Buchpublikation von Lilian Karina (mit Lena Sundberg)
auf die Urheberrechtsnachfolger des Photographen schriftlich hingewiesen
worden. Ansonsten nimmt es der Verlag mit Rechten aber sehr genau,
wie die Rückseite des Titelblattes beweist: "Die Verwertung
der Texte, auch auszugsweise, ist ohne Zustimmung des Verlags
urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt auch für Vervielfältigungen,
Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Verarbeitung
mit elektronischen Systemen."
(3) Promotion 1985 über "Romantisches Ballett. Eine
Auskunft zur Frauenfrage".
(4) S. 62: "Obgleich Lewitan in höchstem Maße
bekannten Tanzkritikern wie Horst Koegler als Inspiration und
Informationsquelle diente [nicht belegt, wie; FMP], erwähnte
dieser Lewitan in seinem Ballettlexikon nur als Gatten der Eduardowa."
Immerhin geht aber die Tatsache, daß Frau Karina in der
New York Public Library Dance Collection die von ihr dann ausgewerteten
Dokumente über Lewitan finden konnte, auf Vermittlung Horst
Koeglers zurück. Außerdem hat Koegler Lewitan in seinem
Aufsatz mit Dokumentation "Tanz in die dreißiger Jahre"
1972 breiten Raum gewidmet. Berücksichtigt man noch den Titel
von Koeglers Publikation "In the shadow of the swastika:
dance in Germany" (1974) im Vergleich mit dem Buchtitel "Tanz
unterm Hakenkreuz", ist man beim Lesen des o.g. Satzes von
Karina in Versuchung, zu parodieren: "Obgleich Koegler in
höchstem Maße den Autorinnen als Inspiration und Informationsquelle
diente, erwähnten diese Koegler in ihrem Buch nur als Verfasser
des Ballettlexikons."
(5) "Das Programm [27.10.1935; FMP] umfaßt zwei Uraufführungen
und eine Erstaufführung. [...] Die Uraufführungen waren
zwei Laban-Ballette. Einmal die Tanzballade 'Gaukelei', die Laban
ursprünglich ohne Musik nach gesprochenen Texten choreographiert
hatte. Milloss ließ von Winfried Zillig, der auch selbst
dirigierte, eine Musik dazu komponieren. 'Rosario la tirana',
Iberisches Ballett in einem Akt nach der Handlung und Musik des
Spaniers Juan Manén. Die im Programm vermerkte choreographische
Komposition besorgte ebenfalls Aurel von Milloss nach der Tanzbeschreibung
Rudolf von Labans." Heinrich Riemenschneider: Theatergeschichte
der Stadt Düsseldorf. Düsseldorf 1987, Bd. 2, S. 229
(6) ebd.
(7) Trotzdem gibt es einige Beispiele von Situationen, in denen
Ballettmeister während des Dritten Reichs aufgrund von vergleichbaren
Intrigen ihre Stellung verließen, jedoch anschließend
weiterhin in Deutschland tätig waren. Zu Ellen von Cleve-Petz'
und anschließend Helge Peters-Pawlinins Verlassen der Dresdener
Staatsoper vgl. FMP: Helge Peters-Pawlinin: Tänzer, Choreograph,
Kostümbildner. In: Tanzdrama. Magazin. H. 9, 4. Quartal 1989,
S. 12f.
(8) "Und später, 1938, während seines plötzlichen
und nicht leicht nachzuvollziehenden Aufenthaltes in München,
probte er mit Lilian Karina neue Duette zu Werken von - kaum zu
glauben - Kurt Weill und Erich Korngold, die beide bereits in
die Staaten geflohen waren. Drei Jahre später überzeugte
er den zögernden Mussolini, "Petruschka" in Wien
und Berlin aufführen zu lassen, während einer Tournee
mit der Königlichen Oper Rom." Patrizia Veroli: Der
besessene Tänzer Aurel von Milloss, von 1928-1938. In: Tanzdrama,
Magazin. H. 30, Oktober 1995, S. 19-25, hier 21.
(9) Telefonat vom 1.6.1996; Martha Hensel ist vielleicht als einzige
aus der Tanzgruppe am Düsseldorfer Theater unter Milloss
noch am Leben (mitwirkend waren u.a. Erika Hanka, Marcel Fenchel-Luipart
und Bernhard Wosien). - Auch Riemenschneider sind trotz profunder
Kenntnisse (u.a. Direktor des Düsseldorfer Theatermuseums,
wo er 1983 die Ausstellung "Verfemte Kultur" zeigte)
die Gründe für Milloss' Verlassen Düsseldorfs nicht
bekanntgeworden (ebd. S.229f.).
(10) Fax vom 2.6.1996. Milloss wurde aber offenbar von Laban beraten:
"Milloss told me that at the beginning of 1928, he started
to attend the Laban Central Choreographic Institute, too: it was
there that Laban started to assist to his improvisations, and
spent some time with him, giving him suggestions and finally proposing
to Herwarth Walden to come to his rehearsals (still in the Hertha
Feist School)." (ebd.)
(11) darunter Jascha Horenstein, Leopold Lindtberg, Wolfgang Langhoff
(12) Riemenschneider a.a.O., S. 206
(13) Max Burghardt: Ich war nicht nur Schauspieler. Erinnerungen
eines Theatermannes. Berlin und Weimar 1983, S. 343
(14) Lilo Gruber, Ballett-Direktorin und Chefchoreographin der
Staatsoper von 1955 bis zu ihrer Pensionierung 1971, hatte 1953
auf einen Artikel von Daisy Spies reagiert (in der "Weltbühne",
zitiert nach "Zur Diskussion: Realismus im Tanz. Hrsg. von
der Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten, Hauptabteilung
Künstlerischer Nachwuchs und Lehranstalten. Dresden o.J.,
S. 38): "Frau Daisy Spies zeigt die Schwierigkeiten, die
uns Tanzschaffenden hinlänglich bekannt sind, schon zum Teil
auf. Wesentlicher ist uns aber, welche anderen Voraussetzungen
noch vorhanden sein müssen, um zum sozialistischen Inhalt
und zur nationalen Form kommen zu können. Es muß deshalb
die Aufgabe der Tanzschulen und der Ballettmeister sein, nicht
nur klassischen und modernen Tanz, sondern, neben diesem notwendigen
technischen Rüstzeug, ein gründliches Studium des Marxismus-Leninismus
und der Lehren Stalins zu vermitteln. Außerdem müssen
sie es verstehen, die Scheu vor dem deutschen Volkstanz überwinden
zu helfen, der auch meiner Meinung nach eine wesentliche Hilfe
ist, das Ballett seiner Stagnation zu entreißen und es zu
befruchten. Ich erlebe es immer wieder in der Praxis, daß
die Mehrzahl unserer Bühnentänzer den deutschen Volkstanz
nur mangelhaft ausführen kann. Die Tänzer sind international
ausgebildet und verbildet, so daß sie für den eigenen
nationalen Tanz wenig Einfühlungsvermögen aufzubringen
vermögen." --- Sozialistischer Inhalt vereint mit nationaler
Form - oder erst das Nationale, dann das Sozialistische?
(15) Böhme hat die Entlassung von Knust und "Übernahme"
des Archivs aller Wahrscheinlichkeit nach nicht angestrebt, denn
er wird erst Ende Februar 1937 auch mit dem Archiv betraut, vermutlich
nach Feststellung, daß man ohne das Archiv doch nicht auskommt.
Er erhält zunächst nur sehr kurz befristete Verträge
für Archivarbeiten. Vgl. Teilnachlaß Fritz Böhme
im Deutschen Tanzarchiv Köln, insbesondere Vertrag vom 22.2.1937.
(16) Brief im Deutschen Tanzarchiv Köln, Slg. Knust
(17) "Eine Frage, die uns seit 30 Jahren beschäftigt,
ist die nach einer schönen, die Bewegung nicht hemmenden
Festkleidung. Der Jackettanzug und der Smoking sind farblos, den
Körper entstellend, hinderlich und heiß. (Die Frauen
tun sich etwas leichter, oder könnten es, sofern sie nicht
irgendeinem herrschenden Modespleen huldigen). Es müßte
doch möglich sein, ein Festgewand für Frauen und eins
für Männer zu finden und einzubürgern, welches
die Bewegungsfreude nicht erstickt. Und zwar wäre es wünschenswert,
daß dieses Gewand nicht nur für die allen zugänglichen
allgemeinen Tänze brauchbar sei, sondern auch für jene
festlichen Reigen, die eine besonders geschulte und begeisterte
Schar (am besten mitten im Saal, nicht auf der Bühne) als
Bestandteil der Feier zelebrieren." Brief von Knust an Kurt
Peters vom 27.5.1943, Deutsches Tanzarchiv Köln, Sammlung
Knust
(18) Albrecht Knust an Kurt Peters, 19.5.1944, Deutsches Tanzarchiv
Köln, Sammlung Knust
(19) Karina macht in konsequenter Fortführung ihrer - als
solche aber nicht gekennzeichneten - Interpretation aus einer
Ablehnung der tänzerischen Weiterbildung durch die Tanzgruppe
der Staatsoper eine (mutige) öffentliche Verweigerung nationalsozialistischer
Einflußnahme durch Laban: "Die Tänzer der Staatsoper
fühlten sich unter der Ägide des Generals Hermann Göring
aber sicherer. [...] Die Tänzer der Staatsoper aber wagten
es sogar, die Teilnahme am Rangsdorfer Kurs zu verweigern. Doch
nicht nur das, sie gaben dies auch noch in einer Zeitungsnotiz
bekannt." (S. 88)
(20) So etwa die diversen Schulungslager des Zentralinstituts
für Erziehung und Unterricht, beispielsweise das Nationalpolitische
Lager für junge Lehrer; oder der weltanschauliche Schulungskurs
des Buchhändlernachwuchses.
(21) Dr. G-e im Berliner Tageblatt Nr. 384, Abend-Ausg. v. 15.8.1935.
Vgl. ferner "Rudolf von Laban über Friedrichshagen"
im BT Nr. 374, Abend-Ausg. v. 9.8.1935; F[ritz] B[öhme] in
der DA Z Nr. 379, Abend-Ausg. v. 15.8.1935; B[eda] P[rilipp] im
Berliner Lokal-Anzeiger Nr. 210 v. 1.9.1935; Der Tanz, Jg. 8-1935,
H. 6, S. 16 und H. 9, S. 14f.
2) s.u.a. Günter Goebbels: Tatjana Barbakoff: 1899 Libau
- 1944 Auschwitz. Katalog der Ausstellung im Stadtmuseum Düsseldorf,
17. Oktober bis 24. November 1991, Düsseldorf 1991; Norbert
Molkenbur/ Klaus Hörhold: Oda Schottmüller. Tänzerin,
Bildhauerin, Antifaschistin. Eine Dokumentation. Berlin 1983;
Horst Koegler in Reclams Ballettlexikon; René Blum, 1878-1942,
Textes de M.T.Bernard, Jean Cocteau, Colette u.a., Paris 1950;
Léon Blum: L'histoire jugera. Montréal 1943 und
L'oeuvre, vols. IV und V, Paris 1954
(23) Vgl. seine Briefe an Hanns Niedecken-Gebhardt in dessen Nachlaß
in der Theaterwiss. Slg. der Universität zu Köln
(24) Horst Koegler, in: Tanz in den Abgrund. Chronik deutscher
Tanzereignisse 1936-44. Jb. Ballett 1973, S. 58
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