TANZWISSENSCHAFT 3

Frank-Manuel Peter:
Buchrezensionen / Book reviews

"Ich habe lange
mit Gott in St. Moritz gelebt"

Letztmalig ist er 1919 aufgetreten, und wohl kaum jemand ist am Leben, der ihn noch auf der Bühne gesehen hat. Dennoch ist Nijinskys Ruhm als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Ballettgeschichte so verbreitet und seine eher kurze Tänzer- und Choreographenlaufbahn so von Legenden umwuchert, daß die Herausgabe seiner Tagebuchaufzeichnungen auch heute noch kein verlegerisches Risiko darstellt. Zumal dann, wenn sie erstmalig vollständig in der unredigierten Originalfassung erscheinen, wie das 1995 in französisch bei Actes Sud und jetzt auf deutsch im Berlin Verlag geschehen ist.

Wissenschaftler sind immer an der unbearbeiteten, ursprünglichen Originalversion von Aufzeichnungen interessiert, insofern war diese Ausgabe ohne die zeitbedingten Kürzungen seiner Frau Romola von 1936 lange überfällig. Wo sich die verwendeten drei Schreibhefte heute im Original befinden, erfährt man seltsamerweise jedoch nicht aus dem Buch: ein editionsmäßig grober Fehler. Ob allerdings dem nicht wissenschaftlich interessierten Lesepublikum mit dieser Neuausgabe viel gedient ist, wird sicherlich unterschiedlich beurteilt werden. "Diese Tagebücher sind ein einzigartiges Dokument einer beginnenden Schizophrenie" heißt es im Klappentext, und schon da müßte jedem eigentlich klar werden, daß die Lektüre anstrengend werden könnte. Leser von Memoiren wollen viel über die Zeit und ihre Berühmtheiten erfahren, hier aber liegen persönliche Tagebuchaufzeichnungen eines kurzen Lebensabschnittes vor. Zwar heißt es ferner: "Alle ihm wichtigen Menschen kommen vor", aber das sind vor allem Familien-Debakeleien; zudem verzichtet der Berlin Verlag unverständlicherweise auf ein Register. Natürlich tauchen auch Diaghilew, Strawinsky, Karsawina und andere Prominente seiner Umgebung - rückblickend - in dieser Niederschrift auf, und Nijinsky gibt sehr persönliche Einschätzungen und Erinnerungen preis. Überraschen wird manchen Leser, wie freimütig Nijinsky 1919 seine Aufzeichnungen ausdrücklich der Öffentlichkeit zugedacht hat, trotz aller Intimitäten über Stuhlgang oder Sexualität (er äußert sich mehrfach eingehend über seine Auto- und Heterosexualität und über die Jahre mit Diaghilew). Die Gedanken über das Theater sind allerdings rar und größtenteils schon bekannt gewesen.

Die deutsche Ausgabe erscheint bar aller Kommentare, mit ganz wenigen Anmerkungen zu Personen und einer angehängten knappen Chronologie, sogar ohne Vor- oder Nachwort, ganz offensichtlich "nur übersetzt" und nicht von einem Fachmann "herausgegeben". Die französische Ausgabe ein Jahr zuvor hatte immerhin ein 11 Seiten umfassendes Vorwort vom französischen Übersetzer Christian Dumais-Lvowski aufzuweisen mit vielen interessanten Informationen, auch über die Geschicke der Tagebuchhefte, sowie einen Anhang mit vier Briefen aus einem vierten "cahier". Dafür ist die deutsche Ausgabe - trotz Verzicht auf einen Abbildungsteil - eine ästhetische Produktion: Hardcover mit gut in der Hand liegendem gerundetem Rücken, ansprechend gestaltetem Schutzumschlag und einem Lesezeichen-Bändchen. Warum man solch ein Buch aber - für Jahrhunderte haltbar - auf säurefreies Papier druckt, wenn man es dann trotz festem Einband nicht fadenheftet, sondern nur eine kurzlebige Klebebindung herstellt, bleibt ein verlegerisches Rätsel.

Waslaw Nijinsky: Ich bin ein Philosoph,
der fühlt. Die Tagebuchaufzeichnungen
in der Originalfassung.
Aus dem Russischen von Alfred Frank. Berlin: Berlin Verlag 1996. 284 Ss. ISBN 3-8270-0190-0 DM 39,80

Weniger berühmt und legendär, aber nicht minder interessant als andere Diaghilew-Choreographen wie Nijinsky und Fokine (und vielleicht als dessen künstlerischer Erbe zu bezeichnen) ist Leonide Massine(1896-1979). Im Vergleich mit ihnen wurde Massines Werk bisher jedoch wissenschaftlich viel zu wenig untersucht und gewürdigt. Monika Woitas hat diesen tanzwissenschaftlichen Mißstand jetzt mit einer ausführlichen Studie behoben und Massines umfangreiches und stilistisch vielfältiges OEuvre auf der Basis ihrer schon 1988 fertiggestellten Dissertation eingehend untersucht. In Ermangelung zeitgenössischer Notationen der Massine-Ballette konzentriert sich ihre Forschung auf die "vergleichende Auswertung der zahlreichen verbalen und ikonographischen Quellen - ergänzt durch eine entsprechende Musikanalyse". Einen Hauptteil machen Massines Ballette für Diaghilew aus, die Monika Woitas nach Stil und Charakter zu Werkgruppen zusammengefaßt hat. Der andere Hauptteil des Buches ist einer eingehenden Analyse von "Parade" gewidmet, jenem Ballett-Experiment, welches Massines Ruf als Avantgarde-Choreograph begründete und Diaghilews Vorstellungen vom Gesamtkunstwerk (Cocteau, Satie, Picasso - Massine) in idealer Weise repräsentiert (Vorwort).

In diesem Sinn läßt die Publikation nur wenig zu wünschen übrig. Das Register hätte aber außer den Personen gut auch die Werke ausweisen können; man muß viel herumblättern, wenn man beispielsweise herausfinden will, ob nicht auch der "Dreispitz" (de Falla, Picasso), "Salade" (Milhaud, Braque) oder "Mercure" (Satie, Picasso) oder, als Vergleich mit anderen Choreographen, der "Train bleu" (Cocteau, Milhaud, H. Laurens, Coco Chanel, Picasso - B. Nijinska) der Diaghilew'schen Idee vom Gesamtkunstwerk entsprochen hätten und eingehendere Untersuchungen wert gewesen wären. Am Literaturverzeichnis kann man ablesen, daß die relativ lange Zeitspanne von der Fertigstellung der Dissertation bis zum Erscheinen des Buches nicht oder kaum für die Einarbeitung neuerer Forschungen genutzt wurde, was doch schade ist, denn so schnell wird kein zweites deutsches Buch über Massine erscheinen. Es fehlen insbesondere die Aufsätze zu den spanischen Arbeiten Massines, von Dawn Lille Horwitz "The Hispanic Influence on Leonide Massine" (1991), von Joan Acocella "Diaghilev sits out World War I in Spain: Iberian Idyll" (1989), Jane Kings Bericht über die Ausstellung und Conference zur Beziehung der Ballets Russes zu Spanien (38th annual International Festival of Music and Dance in Granada 1989), ferner Lynn Garafolas "The making of ballet modernism" (1989) oder Janet Sinclairs "Choreartium born again" (1991). Auch, daß der "systematisch-chronologische Werkkatalog mit detaillierten Angaben" nur in Vorbereitung ist (bei der Verfasserin?) und nicht im Anhang des Buches, wo ihn ein knappes Titelverzeichnis unzureichend vertritt, ist jammerschade. In diesem Zusammenhang wäre es interessant gewesen, einen weiterführenden Hinweis auf das "Bureau de Musique Mario Bois" und sein Verzeichnis "The ballets choreographed by Leonide Massine: catalogue established Paris, Janvier 1990 by Mario Bois as the exclusive representative of the Massine estate, Weseke (R.D.A.)" zu erhalten. In einer Werkuntersuchung ist die Fortsetzung der Zurückhaltung Massines über seine letzten, eher privaten Jahre verständlich, aber die auf S. 38 in einer Fußnote diesbezüglich - im Präsenz - erwähnte letzte Frau und Witwe, Hannelore Massine, ist inzwischen ebenfalls verstorben, und gerade für die Forschung wäre doch wichtig zu erfahren, ob tatsächlich alle Dokumente nach Massines Tod von ihr veräußert wurden, oder ob es da doch noch familiären Besitz zu erforschen gibt: auch Lorca Massine wird - im Gegensatz zu Tatjana Massine - in der Danksagung nicht genannt. (Die ebenfalls gerade - posthum - erschienene Massine-Biographie von Vicente García-Márquez [London 1996] dankt immerhin auch Lorca, Peter und Theodor Massine.) Wenn man von diesen Kleinigkeiten absieht, ist die Arbeit von Monika Woitas aber ein gelungener Baustein innerhalb der Tanzgeschichtsforschung des 20. Jahrhunderts.

Monika Woitas: Leonide Massine - Choreograph zwischen
Tradition und Avantgarde.
Tübingen: Max Niemexer Verlag 1996. 238 Ss. ISBN 3-484-66018-x (Theatron: Studien zur Geschichte und Theorie der dramatischen Künste, Bd. 18). DM 86,00

Längst überfällig war auch eine Untersuchung über die Arbeiten Marc Chagalls für die Bühne. Immerhin war Chagall Schüler von Léon Bakst und kam durch in ihn früh in Kontakt mit den Ballets Russes, mit der Zeitschrift "Welt der Kunst" und natürlich mit Diaghilew. Zeit seines Lebens war Chagall von der Welt des Theaters, des Balletts und der Oper begeistert, und sicherlich mehr als 500 seiner Skizzen und Entwürfe für die Bühne sind erhalten geblieben. Kenntnisreich und mit 110 Farbabbildungen werden als Hauptwerke Chagalls Arbeiten für das Jüdische Kammertheater in Moskau, seine Entwürfe für "Aleko", "Feuervogel", "Daphnis und Chloe" und "Die Zauberflöte" vorgestellt.

Beate Reifenscheid: Chagall und die Bühne. Bielefeld: Kerber Verlag 1996. 224 Ss. mit 118 Abbildungen, davon 110 in Farbe. ISBN 3-924639-45-0. DM 98,00

Ein kleinformatiges Bändchen ist zu Kindheit und Jugend der Sophie Taeuber Arp erschienen und will einen Eindruck vermitteln, aus welchem Umfeld heraus Sophie Taeuber in die Welt der Avantgardekunst der 20er Jahre hineinkommen ist. Ihre spätere Mitwirkung etwa im Cabaret Voltaire, bei den Veranstaltungen der Zürcher Dadaisten und damit auch im Kreis des modernen Tanzes um Laban, Wigman, Perrottet und Wulff läßt sich hier allerdings noch nicht erahnen.

H.R.Fricker: Sophie Taeuber Arp,
Kindheit und Jugend in Trogen.

Zürich: edition fink 1995, ISBN 3-906086-13-5, sFr. 20,- (72 Ss. mit 13 Einlageblättern im Bildteil, 59 Abb. und dem Nachdruck eines Textes von Sophie Taeuber Arp; Broschur).

Ein vielversprechender junger Tänzer an der Berliner Staatsoper 1928 und anschließend Ballettmeister in Hagen, Duisburg, Breslau, Augsburg und Düsseldorf, der Mitte der 30er Jahre Deutschland verließ, war Aurel von Milloss. Nach der Ballettmeistertätigkeit am Ungarischen National-Theater 1936-38 folgten als wichtigste Stationen - in der Funktion des Ballettdirektors - die Oper in Rom 1938-45, die Mailänder Scala 1946-50, das Kölner Opernhaus 1960-63, die Wiener Staatsoper 1963-66, erneut die Oper in Rom 1966-69 und wieder Wien 1971-74. Ein grundlegendes Werk über Leben und Wirken von Milloss war lange Zeit Desiderat und ist nun nach jahrelanger akribischer Forschung und vielen Gesprächen und Interviews von Patrizia Veroli überzeugend vorgelegt worden. Leider liegt die Arbeit bisher nur in italienischer Sprache vor; ihre hochrangige Qualität würde, könnte man einen Übersetzungskostenzuschuß erlangen, unbedingt eine deutsche Ausgabe des Buches rechtfertigen.

Patrizia Veroli: Milloss. Un maestro della coreografia tra espressionismo e classicità. Con uno scritto di Roman Vlad. Lucca: Libreria Musicale Italiana Editrice 1996. ISBN 88-7096-174-5. Lit. 55.000, 659. Ss.

Der Tanz in der Bildenden Kunst, genauer: in der Moderne "von Matisse bis Schlemmer" ist das Thema einer bemerkenswerten Ausstellung, die - hauptsächlich dank generöser Förderung durch die Deutsche Telekom - zur Zeit in der Kunsthalle Emden und anschließend im Haus der Kunst München zu sehen ist. Der gleichzeitig hierzu erschienene Katalog vereint 11 Aufsätze zu Tanz und Bildender Kunst, zu Matisse, Kirchner, Nolde, den Futuristen, Sonia Delaunay, Tanz in der Skulptur, Schlemmer, zur Geschichte des modernen Tanzes in Deutschland (Hedwig Müller), zum Verhältnis von Literatur und Tanz in der Moderne (Gabriele Brandstetter) sowie den nicht untertitelten Essay "Der Körper und das Unsichtbare" von Laurence Louppe. Für den typischen Ausstellungsbesucher gedacht, darf man vom Katalog wohl keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse erwarten; wissenschaftlich gesehen bleiben die Texte in der Regel im Konventionellen, Bekannten, Vorhersehbaren. Auch die gute Druckqualität macht den Band ein wenig zu einem Bilderbuch - und idealen Geschenk. Zu bemängeln gibt es nur, daß zuviel buchgestalterischer Freiraum den Abdruck der Künstlernamen fast im Falz - also nur mit Mühe auffindbar - gestattete. Und daß im Katalogteil die angekündigte Unterscheidung in "E" (= Emden), "M" (= München) und "n.a." (= nicht ausgestellt) vergessen wurde. Ebenso vermißt man schmerzlich einen Bildnachweis für die abgebildeten, aber nicht ausgestellten Werke wie z.B. Photos: Diese kommen in der Ausstellung in Emden zu kurz und sind auch im Katalog auf Marginalien beschränkt. Offensichtlich in weiser Erkenntnis, daß die Werke der Bildenden Kunst dem Vergleich mit der Darstellenden Kunst bzw. mit Werken, die dem eigentlichen Tanz näher stehen (wie künstlerische Photographien von Tanz), trotz aller Dynamik leider nicht standhalten können.

Tanz in der Moderne:
Von Matisse bis Schlemmer.

Hrsg. von Karin Adelsbach und Andrea Firmenich. Köln: Wienand 1996. 308 Ss. mit 138 farbigen und 104 s/w Abb. Zugleich Katalog der Kunsthalle Emden und vom Haus der Kunst, München. Buchhandelsausgabe: ISBN 3-87909-511-6, DM 98,-

Außerdem erreichten uns:

Wilhelm Reese: Die Kunst der Seele. Tanz als Ausdruck der Emotionen.
Frankfurt am Main: Haag und Herchen 1994. ISBN 3-86137-140-5

Das neue Lexikon der Musik.
Hrsg.v.Marc Honegger und Günther Massenkeil. Stuttgart: J.B. Metzler 1996. Neuausgabe auf der Grundlage von "Das große Lexikon der Musik". Über 10.000 Artikel auf 3400 Seiten mit 700 Abb., davon 200 in Farbe. 4 Bände (Leinen) in Kassette. ISBN 3-476-01338-3. Subskriptionspreis bis 30.4.1997 DM 348,-, danach DM 398,-.


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