TANZWISSENSCHAFT 5

Frank-Manuel Peter:
Buchrezensionen / Book reviews

In barocker Hülle und Fülle

Schon der Einband mit dem attraktiven, mit Ausnahme der Lichter und Schatten halbseitig spiegelbildlichen Stich von Galli-Bibiena mit seinen 14, etwas verloren vor barocker Gartenarchitektur tanzenden Personen läßt vor Neid erblassen. Und erst der Inhalt: Einen wissenschaftlichen Kongreß ausschließlich zu Tanz und Bewegung in der barocken Oper hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Allerdings ist der in Salzburg so berühmte Heinrich Franz Biber, der das alles ermöglicht und die Zuschüsse zu Kongreß und Publikation bewirkt hat, in Deutschland ein außerhalb der Fachwelt quasi Unbekannter. Dafür gab es 1994 zumindest in Salzburg denn auch zur 350. Wiederkehr des Geburtstages dieses "wohl bedeutendsten im Vorfeld Mozarts wirkenden Salzburger Komponisten" - zwar keine "Biber-Kugeln", aber eine "Biber-Festwoche".

Der Kongreßbericht versammelt fast so viele Symposiumsreferenten wie Bibienas Stich Tänzer. In der Fülle der noch tanzwissenschaftlich aufzuarbeitenden Themen zum barocken Tanz wirken sie nicht weniger verloren als diese. Unter ihnen fällt Carol Marsh mit ihrem Beitrag über "Le Mariage de la Grosse Cathos", eine "komische" Maskerade von 1688 aus Versailles, besonders auf. Endlich hat die Forschung hier einmal ein Beispiel für die lexikalisch neben Feuillet auf den berühmten Chorégraphie-Seiten der Encylopédie von Diderot/ D'Alembert ausgeführten Tanznotation von Jean Favier aufgefunden. Monika Woitas untersucht den Wandel ästhetischer Positionen im Zeichen der Aufklärung vor allem an den Traktaten von Behr und Bonin (aber auch Taubert, Pasch, Gottsched und Weaver). Claudia Jeschke ist mit einem Aufsatz über die Körperkonzepte des Barock vertreten. Weitere Beiträge stammen von Regina Beck-Fris, Magnus Blomkvist, Jean-Noel de Laurenti, Sarah McCleave, Dorothea Schröder, Sabine Henze-Döhring und Daniel Brandenburg.

Der Druck des Bandes inclusive der Abbildungen ist auffallend gut, doch fehlt ein Register. Die Aufführungen historischer Tänze anläßlich der Festwoche fand die Kritik damals nicht ganz so gelungen wie das Symposium. An den Werken der barocken Oper hat halt doch schon - wenn nicht der Biber, so aber der Zahn der Zeit genagt.

Tanz und Bewegung in der barocken Oper. Hrsg. von Sibylle Dahms u. Stephanie Schroedter.(Kongreßbericht - Salzburg 1994). Innsbruck, Wien: StudienVerlag, 1996. 179 Ss., Broschur. ISBN 3-7065-1154-1. DM 40,80 / OES 298,00 / SFR 38,00

Wenn auch weniger eindrucksvoll hergestellt, so doch mindestens ebenso interessant vom Inhalt ist der Konferenzbericht zu Tanz und Musik im ausgehenden 17. und im 18. Jahrhundert, der als 45. Heft in der durch Eitelfriedrich Thom unter Mitarbeit von Frieder Zschoch herausgegebenen Reihe "Studien zur Aufführungspraxis und Interpretation der Musik des 18. Jahrhunderts" erschienen ist.

Die Beiträge von 16 Autoren umkreisen Themen wie Tanzmeister, Polen, norwegische Bauerntänze, Courante-Sarabande, Allemande,Gavotte, Menuett, Tanztempi, J.S. Bach oder "Das Ballett an der Hamburger Gänsemarkt-Oper 1678-1749".

Tanz und Musik im ausgehenden 17. und im 18. Jahrhundert. Konferenzbericht der XIX. Wissenschaftlichen Arbeitstagung Michaelstein, 13. bis 16. Juni 1991. Michaelstein/ Blankenburg 1993. ISBN 3-89512-093-6. 158 Ss. DM 24,-

Das Institut für Aufführungspraxis der Musik des 18. Jahrhunderts auf Kloster Michaelstein gibt aber außer den Konferenzberichten auch verschiedene andere interessante Publikationsreihen heraus, darunter die Reihe "Dokumentation/ Reprint". Als Band 26 ist hier der Eintrag "Chorégraphie" aus der Encyclopédie von Diderot und D'Alembert von 1753 erschienen. Der Reprint ist löblich, weil die Tafeln zwar von den Antiquaren, die dieses Werk gerne zerschnitten und die Kupferstiche einzeln gewinnbringend verkauft haben, weit verbreitet wurden und zumindest in den Tanzarchiven vorliegen, die Textseiten aber schwer zu beschaffen sind. Leider fehlt hier jeder begleitende Kommentar, den man von einer wissenschaftlich betreuten Ausgabe eigentlich verlangen darf. Als Dokumentation/ Reprint Nr. 28 wurde der Eintrag "Tantzen" aus Zedlers Universallexikon aller Wissenschaften und Künste von 1744 vorgelegt. Wieder fehlt jeder inhaltlicher Kommentar, und dieses Heft ist als Reprint auch nicht ganz so verdienstvoll wie Band 26, denn Zedlers Lexikon liegt ja komplett als Reprint vor und kann in vielen öffentlichen Bibliotheken leicht kopiert werden. Dafür ist der zweiteilige Band 29 mit der Veröffentlichung von Ernest August Jaymes "Recüeil de Contre Dances" von 1717 eine besondere Rarität. Leider umfaßt der Kommentar nur eine halbe Seite, und der Druck ist trotz guten Papiers so schlecht, daß viele Noten als schwarze Kleckse kaum oder nicht mehr zu lesen sind. Technisch besser ist Band 32 gelungen, der auch ein richtiges Nachwort (von Ernst Kiehl) enthält: das Wernigeröder Tanzbüchlein von 1786. Unklar ist allerdings, warum der Untertitel von einem "Reprint der Ausgabe von 1786" spricht, also von einem Neudruck, wenn es sich bei der Vorlage um eine Handschrift, ein Manuskript handelt. Auch die Einbandillustration wirkt ein wenig oberflächlich hinzugefügt. Leider ist die Reihe mit diesem Band eingestellt worden.

Artikel "Chorégraphie" aus: Encyclopédie, ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, 1753. Hrsg. von Eitelfriedrich Thom. Michaelstein/ Blankenburg 1991. o.ISBN. DM 2,-

Artikel "Tantzen" aus Zedlers Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste, 1744. Hrsg. von Eitelfriedrich Thom. Michaelstein/ Blankenburg 1991. o.ISBN DM 3,-

Ernest August Jayme, Recüeil de Contre Dances. Hrsg. von Eitelfriedrich Thom. Michaelstein/ Blankenburg 1991. 2 Bde. o.ISBN. DM 16,-

Wernigeröder Tanzbüchlein. Hrsg. v. Eitelfriedrich Thom. Mit einem Nachwort von Ernst Kiehl. Michaelstein/ Blankenburg 1993. o.ISBN. 156 Ss. DM 20,-

Tu felix Austria!

Jetzt wissen wir doch endlich, wann Giselle gestorben ist: im Januar 1935 nämlich, nachzulesen in den Briefen des Herausgebers der Zeitschrift "Der Tanz", Joseph Lewitan, an Friderica Derra de Moroda, auszugsweise abgedruckt in einer ihr gewidmeten Publikation. Mit Giselle ist allerdings Lewitans "zeppelinförmiger" Dackel gemeint, der in den Ballettstunden bei Lewitans Gattin Eugenie Eduardowa im Berlin der Zwanziger Jahre immer aus friedlichstem Schlummer erwachte, wenn das Abschlußkommando jeder Stunde "Port de bras, Reverence!" ertönte - worauf er erwartungsfroh zur Tür des Ballettsaals trabte. Die wirkliche Giselle dagegen ist unsterblich, hier stimmt Lewitan wie fast immer mit Derra de Moroda überein, wenn auch nicht im Vergleich in seiner Einschätzung der Ballets Jooss: "...irgendwie ist die Sache wenig tänzerisch und primitiv. Der Grüne Tisch ist ein politisches Konjunkturballett und dürfte die Stunde nicht überleben, wie etwa Genf und die Diplomatenverhandlungen sich überlebt hätten. Da ist doch die Lebensfähigkeit einer Giselle eine andere!" - Derra de Moroda war ausnahmsweise anderer Meinung und hat sich in England für die Lebensfähigkeit von Jooss selbst sehr eingesetzt, - und der Grüne Tisch hat bisher viele Jahrzehnte auf den Bühnen der Welt glänzend überstanden.

"Warum ist Friderica Derra de Moroda in der einschlägigen Tanzliteratur, d.h. in tanzhistorischen Arbeiten, Lexika und Enzyklopädien, lediglich äußerst knapp, wenn überhaupt präsent?", fragt Sibylle Dahms gleich zu Beginn ihrer Einleitung des Buches. In Reclams Ballettlexikon zumindest hat Derra de Moroda mit 36 Zeilen einen längeren Eintrag als ihre englischen Kollegen G.B.L. Wilson oder J.S.R. Richardson oder der gar nicht aufgeführte Cyril W. Beaumont, und selbst ihr Lehrer Enrico Cecchetti hat nur 10 Zeilen mehr (was aus der langen Liste seiner berühmten Schüler leicht verständlich wird). Zweifellos ist es eine Selbstverständlichkeit, daß das von Derra de Moroda in Jahrzehnten aufgebaute Tanzarchiv, das sie der Öffentlichkeit stiftete, ihren Namen trägt. Auch das Erscheinen einer Festschrift zu ihrem 100. Geburtstag ist eine angemessene Würdigung. Ob allerdings Derra de Morodas Wirken als Tänzerin zwangsläufig eine längere tanzgeschichtliche Würdigung bedingen müßte, wagt man nun nach Kenntnis all der neckischen Music-Hall- oder Volkstanz-Fotografien erst recht zu bezweifeln. Immerhin ist es gut und richtig, daß man sich jetzt relativ ausführlich selbst ein Bild machen kann, auch von Derra de Morodas Tätigkeit als Leiterin eines deutschen "Kraft-durch-Freude-Balletts", einem "ehrenvollen" Auftrag, auf den Derra de Moroda nach Zeugenaussagen noch lange nach dem Krieg stolz war, dem sich andere wie Helge Peters-Pawlinin aber - weit ehrenhafter - zu entziehen gewußt hatten.

Friderica Derra de Morodas Verdienste sind groß und vor allem im Aufbau des Tanzarchivs, aber auch in ihren Beiträgen zur Tanzforschung zu sehen. In der Publikation geben einzelne Aufsätze, beispielsweise von Gunhild Oberzaucher-Schüller, eindrucksvoll von der umfangreichen Sammlung Auskunft. Zu bemängeln gibt es lediglich, daß unverständlicherweise kein Register erstellt wurde und lieber Seiten am Schluß leer gelassen wurden; auch eine chronologische Übersicht wäre bei biographischer Absicht wünschenswert gewesen. Daß man in Österreich auch heute noch nicht auf Fotos von den üblichen Ehrungen im Kreis lokal prominenter, aber für den Tanz unwichtiger Würdenträger verzichten kann, ist schade.

Sibylle Dahms und Stephanie Schroedter (Hrsg.): Der Tanz - ein Leben. In Memoriam Friderica Derra de Moroda. Festschrift. Salzburg: Selke Verlag 1997. 221 Ss. ISBN 3-901353-14-3 (ÖS 275,-)


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