TANZWISSENSCHAFT 8

Frank-Manuel Peter:
Buchrezension / Book review

Abstracts
A thousand pages of letters from the dancer Edith von Schrenck (1891-1971) to the poet Waldemar Bonsels, renowned as the author of "Biene Maja" (Bee Maya), recently have been made available for research and, at long last, allow an insight into the life and work of this assuredly famous modern dancer in the Germany of the 1920s.

Rund 1000 Blatt Briefe der Tänzerin Edith von Schrenck (1891-1971) an den als Autor der "Biene Maja" bekannten Dichter Waldemar Bonsels wurden kürzlich der Forschung zugänglich und geben endlich Einblick in Leben und Werk der in den 20er Jahren in Deutschland durchaus namhaften modernen Tänzerin. 

Waldemar Bonsels und die Tänzerin Edith von Schrenck

"Eine Künstlerin höchsten Ranges, die zu den Auserwählten des modernen Tanzes zählt, künstlerisch vornehm, von eigenartiger Ausdruckskraft und einer vollendeten Technik", hat John Schikowski einst im "Vorwärts" Edith von Schrenck beschrieben. "Es gibt in Deutschland nur ganz wenig Tänzerinnen, die den höchsten Anspruch des in Dingen des Stils und der Bedeutung geschulten Beschauers zu befriedigen vermögen, an erster Stelle steht heute zweifellos Edith von Schrenck", befand Waldemar Bonsels, der Autor der "Biene Maja". Heute ist der Name der so Hervorgehobenen allenfalls den über den künstlerischen Tanz der 20er Jahre Forschenden bekannt, und auch für diese waren bisher viel zu wenige Informationen zugänglich, als daß über Edith von Schrenck in den letzten Jahrzehnten auch nur ein Aufsatz erschienen wäre.

 Dieser Mißstand ist nun erfolgreich beendet. Etwa tausend Blatt Briefe und einige Postkarten von Edith von Schrenck sind aus dem Nachlaß von Waldemar Bonsels (bzw. dem seiner letzten Frau) der Monacensia-Abteilung der Münchner Stadtbibliothek übergeben worden, und Lini Hübsch-Pfleger hat sich für ihre Publikation der Mühe der Auswertung und weiterer Recherchen unterzogen. Edith von Schrenck (geb. 10.7.1891 in St. Petersburg, gest. 30.7.1971 in München) wurde nach ihrer Ausbildung zur Pianistin durch eine Schüleraufführung von Jaques-Dalcroze zu einem zweijährigen Studium in Hellerau angeregt und unterrichtete anschließend nach seiner Methode in St. Petersburg. Während der russischen Revolution emigrierte sie nach Deutschland, um nach etwa einem Jahr eigener Studien in den Münchener Kammerspielen als Tänzerin zu debütieren. Bereits am Anfang ihrer Karriere und Gastspieltätigkeit begegnete sie im Mai 1919 in Frankfurt am Main Waldemar Bonsels, und eine lebenslange enge Bindung nahm ihren Anfang.

Lini Hübsch-Pfleger, promovierte Musikwissenschaftlerin und immerhin Jahrgang 1911, hat sich der verdienstvollen Aufgabe gewidmet, für das Buch alles zum Thema "Waldemar Bonsels und die Tänzerin Edith von Schrenck" zusammenzutragen und ihre Ergebnisse mit etlichen Dokumenten auf 165 Seiten vorzustellen. Wenn auch der neugierige, an die üblichen Biographien gewöhnte Leser allzu intime Einblicke in die Liebesbeziehung der beiden Künstler (beide hatten einen gemeinsamen Sohn, der im Zweiten Weltkrieg fiel) vermissen wird, so ist doch dieser das klar definierte Thema beinahe erschöpfenden Publikation nur wenig hinzuzufügen. Eine Kleinigkeit vielleicht: Sind in den Dokumenten zwar Tag und Monat genannt, fehlen jedoch die Jahreszahlen, so können diese zumindest bei Vorhandensein des Wochentages gut eingegrenzt werden: Der Programmzettel vom Montag, den 29.10. wird von 1928 (oder 1934) sein, der vom Sonntag, den 15.10. muß aus den Jahren 1922 oder 1933 stammen, und für den Zettel vom Sonntag, den 19.10. bieten sich die Jahre 1924 und 1930 an. Im Computerzeitalter sind solche Kalenderüberblicke in Taschenrechnern, Videogeräten usw. leichter recherchierbar als in früheren, gedruckten "immerwährenden Kalendern".

Dann wäre da noch der "dänische Sänger und Komponist Bergh", von welchem die Verfasserin keinen Vornamen angibt, aber zu berichten weiß, daß Edith von Schrenck einen Titel "Erde" von ihm vertanzte und gemeinsam mit ihm Anfang der 30er Jahre ein Opern- und Tanzstudio gründen wollte. Vermutlich handelt es sich hier um zwei verschiedene Personen (evtl. Vater und Sohn?). Der dänische Komponist Rudolph Bergh, 1859 in Kopenhagen geboren, seit 1903 in Berlin lebend, verstarb bereits 1924. Neben einem Schauspieler Georg Bergh nennen die Bühnenjahrbücher für 1932/33 aber auch einen Erwin Bergh als Gesangsberater der Deutschen Musikbühne (Wanderoper) in Berlin. Vielleicht ist es dieser, den Edith von Schrenck persönlich kannte.

Und noch eine - tanzgeschichtlich wesentlich bedeutsamere - Kleinigkeit: Das Register gibt hinter Delsarte den Zusatz "(Delsarte-Issatschenko)", was darauf hinweist, daß die Verfasserin die Zusammenführung dieser beiden Namen nicht verstanden hat. Der Doppelname taucht nur in einem Prospektblatt der Berliner Tanzschule von Edith von Schrenck (um 1930) auf: "Meine Erziehung des Berufsschülers zum Tanz stützt sich zunächst auf die beiden grundlegenden Richtungen von Delsarte und Dalcroze. Beide Systeme haben zur Basis den Rhythmus, erstere den rein körperlichen, jedem Menschen innewohnenden, das zweite den Rhythmus in der Musik. Um das System von Delsarte-Issatschenko kurz zu charakterisieren ist vor allem die alte, und doch heute vergessene Erkenntnis zu nennen (Delsarte war Franzose und lebte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts): Der menschliche Körper trägt dieselben Bewegungsgesetze in sich wie alle lebendigen Gebilde der Natur." (S. 19f.) Schon dieses Zitat macht deutlich, daß Edith von Schrenck einerseits von Delsarte als Person spricht, andererseits vom System Delsarte-Issatschenko, also offensichtlich von einer Weiterbearbeitung der Delsarte'schen Ideen. Wer war nun Issatschenko?

Auch die Antwort darauf findet sich eigentlich im Buch (S. 146), in einem kurzen Lebenslauf der Tänzerin vom März 1922. Dort heißt es: "[...] um mich dann in Petersburg als Pianistin ausbilden zu lassen. Doch, durch eine Schüleraufführung von Jaques-Dalcroze angeregt, ging ich nach Hellerau, wo ich in zwei Jahren den Kursus beendete und dann die Methode eine Zeitlang in Petersburg unterrichtete. Hier lernte ich eine Schauspielerin kennen, die durch die Unzulänglichkeit der heutigen Schauspielkunst auf den Gedanken gekommen war, den Körper ganz anders als bisher zu einem Ausdrucksmittel machen zu wollen. Mir, der gerade an dieser Seite der Hellerauer Methode am meisten lag, kam diese Begegnung sehr gelegen, und wir arbeiteten zusammen, jede das Problem von ihrer Seite anfassend." Jene Schauspielerin war Claudia Issatschenko, 1883 als Tochter des Barons von Ekhofen in Moskau geboren, die bei Stanislawski gelernt und gespielt hatte, 1907 nach Petersburg wechselte und mit Meyerhold arbeitete, um ab 1910 dort in eigener Schule moderne Bewegungslehren zu unterrichten. 1922 war sie in Deutschland eine Unbekannte und wurde von Edith von Schrenck im Lebenslauf namentlich nicht genannt; 1930 war sie nach Berlin gezogen, wo ihre späterhin berühmte Tochter Tatjana Gsovsky lebte und unterrichtete, und machte mit ihrem "Claudia-Issatschenko-Ballett" Tourneen, weswegen Edith von Schrenck den Delsarte-Anteil ihrer eigenen Berliner Schule als "System Delsarte-Issatschenko" auswies. Inwieweit nicht nur Claudia Issatschenko (mit Delsarte-Stanislawski-Meyerhold), sondern vielleicht auch Edith von Schrenck (mit Dalcroze) die Ausbildung und den künstlerischen Weg Tatjana Issatschenkos beeinflußt hat, wird die Tanzforschung gewiß in Kürze in der Dissertation von Michael Heuermann über Tatjana Gsovsky herausfinden.

Das Buch von Lini Hübsch-Pfleger ist als Band 9 der noch von Rose-Marie Bonsels (auch sie eine Tänzerin) begründeten Ambacher Schriften erschienen. Der hohe Verkaufspreis von 98,- DM läßt eine sehr kleine Auflage vermuten; Edith von Schrenck ist für heutige Buchkäufer eine Unbekannte, muß ersteinmal wiederentdeckt werden. Es gibt gar keinen Zweifel daran, daß ohne das persönliche Engagement der Autorin für diese Tänzerin keine derartige Publikation entstanden wäre, und man kann den Band nur dringlichst der Aufmerksamkeit der zuständigen Bibliotheken empfehlen, um für ihn die ihm zustehende weite Verbreitung zu erhoffen.

Lini Hübsch-Pfleger: Waldemar Bonsels und die Tänzerin Edith von Schrenck. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 1997 VI, 165 Seiten, Abbildungen, ISBN 3-447-03983-3, br., DM 98,00


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