Bücher, Bilder und Filme aus Polen
13. Mai - 3. Juni 2000

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Malgorzata Grudzinska
Direktorin des Polnischen Instituts Düsseldorf

Wo die Bücher vom Himmel fallen …

...ist ein wunderschöner Titel für die 5. Internationalen Kölner Kinder- und Jugendbuchwochen, und ich freue mich von Herzen darüber, dass diese anerkannte Veranstaltungsreihe im Jahr 2000 der Jugendliteratur Polens gewidmet ist.
Polen ist in diesem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse, und in Nordrhein-Westfalen werden von April bis Dezember unter dem Titel „Polen erlesen“ in 40 Städten und Gemeinden mehr als 350 Autorenlesungen, Musik-, Theater- und Filmveranstaltungen mit Künstlern und Schriftstellern aus Polen organisiert. In diesem anspruchsvollen Gemeinschaftsprojekt des Kultusministeriums des Landes NRW und des Kulturministeriums der Republik Polen kommt der polnischen Kinder- und Jugendliteratur ein besonderes Schwergewicht zu, denn - ganz anders als in den östlichen Ländern Europas und von wenigen Ausnahmen abgesehen - sind die vielfältigen Werke der polnischen Jugendbuchautoren in Deutschland leider noch nahezu unbekannt. Dem Engagement der Verlage Arena, Patmos und bohem press ist es vor allem zu verdanken, dass sich viele Kinder und Jugendliche im deutschsprachigen Teil Europas schon seit einigen Jahren mit ihren polnischen Altersgenossen die Begeisterung für „Ferdinand Fabelhaft“ von Ludwik Jerzy Kern und “Die Mondgeister“ von Agnieszka Taborska teilen und sich wie sie an den wundervollen Illustrationen von Józef Wilkoƒ erfreuen können.
Namen wie Wanda Chotomska, Marta Fox, Jacek Inglot, Maria Ewa Letki, Jerzy Niemczuk, Anna Onichimowska, Dorota
Terakowska, Tomasz Trojanowski und Ewa Zienkiewicz kennen die jungen deutschen Leser dagegen bis heute nicht, und ihre hervorragenden Werke sind ihnen aufgrund der Sprachbarriere bis dato leider verschlossen geblieben.
Tam gdzie spadajà Anioly, Dorota Terakowskas in Polen jedem Jugendlichen bekannte fantastische Erzählung, wird wie viele andere während der Kölner Kinder- und Jugendbuchwochen erstmals den deutschen Schülerinnen und Schülern erschlossen:
Tam gdzie spadajà Anioly - Wo die Engel vom Himmel fallen.
Ich möchte mich bei den beteiligten Veranstaltern in Köln ganz herzlich dafür bedanken, dass sie in diesem Jahr den Himmel der polnischen Kinder- und Jugendbücher für die deutschen Kinder und Jugendlichen öffnen!




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Marie Hüllenkremer
Kulturdezernentin der Stadt Köln

Hans-Georg Bögner
Geschäftsführer der SK Stiftung Kultur

Dr. Horst Neißer
Direktor der StadtBibliothek Köln

Joachim Zöller
Leiter der Abteilung Medien des Erzbistums Köln
Katholische Öffentliche Büchereien


Wo die Bücher vom himmel fallen …

Dieser poetische Titel für die 5. Internationalen Kinder- und Jugendbuchwochen ist Ausdruck unserer Bewunderung für die reiche und vielfältige Kinder- und Jugendliteratur unseres diesjährigen Gastlandes Polen.
Im Rahmen des Gemeinschaftsprojektes „Polen erlesen“ der Republik Polen und des Landes NRW haben die Veranstalter der Internationalen Kinder- und Jugendbuchwochen in Köln und das Polnische Institut Düsseldorf 13 Kinder- und Jugendbuchautorinnen und -autoren aus Polen eingeladen.
Die Kinder- und Jugendliteratur Polens hat eine lange Tradition und weist ein weites Spektrum von Formen und Inhalten auf. Bezüge zur märchenhaft volkstümlichen polnischen Literatur sind ebenso präsent wie die fantastische, groteske aber auch die realistische Kinder- und Jugendliteratur. Ein wahrer Bücherhimmel, auf dessen Entdeckung wir uns sehr freuen!
Ohne die hervorragende Zusammenarbeit mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Villa Decius in Krakau, die uns mit Rat und Tat bei der Auswahl der Autoren zur Seite gestanden haben, hätten wir die Autoren, die bisher kaum bzw. noch gar nicht ins Deutsche übersetzt sind, nicht entdecken können. An dieser Stelle sei vor allem Dr. Albrecht Lempp und Ela Kalinowska gedankt.Ein besonderer Dank gebührt Josef Herten vom Polnischen Institut Düsseldorf für seine hervorragende und unermüdliche organisatorische Unterstützung.
Um ein solch engagiertes Projekt wie die Buchwochen zu verwirklichen, bedarf esvieler kompetenter Partner vor Ort. Hier sei für das persönliche Engagement von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, von Lehrerinnen und Lehrern sowie ihren Schulleiterinnen
und Schulleitern, die Tag für Tag die Brücke zu Kindern und Jugendlichen bauen, ganz herzlich gedankt.
Wir freuen uns sehr, dass wir den weltweit bekannten Bilderbuchkünstler Józef Wilkoƒ in einer großen Retrospektive in Köln zeigen können, die in der StadtBibliothek präsentiert wird. In diesem Zusammenhang möchten wir dem Schweizer Verlagshaus bohem press, das uns diese Ausstellung zur Verfügung stellt, ganz herzlich danken. Eine weitere Ausstellung im DomForum zeigt Arbeiten der Illustratorin Maria Ekier.
Neben den Lesungen und Gesprächen mit den Autorinnen und Autoren gibt es in bewährter Tradition die begleitende Filmreihe des JFC Medienzentrum Köln, die das ganze Projekt abrundet, sowie ein Rahmenprogramm mit Vorträgen.
Dank für die finanzielle Unterstützung gebührt in diesem Jahr der Republik Polen und wie in den Jahren zuvor dem Ministerium
für Arbeit, Soziales, Stadtentwicklung, Kultur und Sport des Landes NRW, dem die Leseförderung und damit die Förderung der
kulturellen Kompetenz von Kindern und Jugendlichen sehr am Herzen liegt.
Schließlich möchten wir ganz besonders Frau Cordula Heemann vom Best Western Hotel Regent und natürlich dem Hotel Regent selbst danken, das die Internationalen Kinder- und Jugendbuchwochen nun schon zum fünften Mal in einzigartiger und großzügiger Weise unterstützt.

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Joanna Papuzinska
Übersetzung: Leif Murawski “Quo Vadis” des polnischen Nobelpreisträgers Henryk Sienkiewicz an.


Polnische Kinder- und Jugendliteratur der neunziger Jahre

Anfang der neunziger Jahre, als ich für deutsche Leser eine Informationsschrift über polnische Literatur vorbereitete, war die Situation auf unserem Kinderbuchmarkt nicht sehr erfreulich. Die staatlichen Verlage, die sich auf diesen Bereich spezialisiert hatten, waren schon seit längerer Zeit in sehr schlechter Verfassung und machten unter dem Einfluss der Veränderungen des Marktes sehr schnell bankrott. Ebenso schnell entstanden neue private Verlage, die aber fast ausschließlich sogenannte Lizenzbücher herausgaben, das heißt importierte Lexika, Klassiker und Bilderbücher für die Kleinsten. Die Öffentlichkeit kaufte gerne diese neue Art von Büchern, und es schien, dass sowohl die Leserschaft, als auch die Verlage die polnische Literatur vergessen hätten und für polnische Autoren kein Platz mehr auf dem Markt sei. In diesen zehn Jahren hat sich die Situation allerdings wieder normalisiert. Unsere Partner begannen sich ein wenig über die bunten Disneyausgaben zu langweilen, und das Interesse für polnische Literatur stieg wieder erheblich. Nicht nur die Mehrzahl der besten Kinderbücher, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in Polen entstanden sind, wurden neuaufgelegt, sondern auch das Angebot an Neuheiten vergrößerte sich, sowohl bekannter Autoren, wie auch von Debütanten, die einen neuen, oft überraschend von der Tradition abweichenden Schreibstil einführen. Ich kann schlecht im Namen aller meiner Schriftstellerkollegen sprechen. Doch kann ich mit Freude sagen, dass alle meine Bücher wieder neu auf den Markt kamen, gekauft und gelesen werden. Was kann sich eine Schriftstellerin mehr wünschen?

In der polnischen Kinderliteratur ist die Poesie sehr stark vertreten. Sie ist in der Welt nicht so bekannt, wie die Poesie unserer Nobelpreisträger Szymborska oder Mlosz. Das hat hauptsächlich den Grund, dass die Übersetzung dieser Poesie in eine andere Sprache beinahe unmöglich ist. Und das liegt daran, dass wir es hier mit einem Zirkus der Wörter
zu tun haben, richtiger linguistischer Jonglage. Sie knüpft an Strukturen der Kinderfolklore an, wie Abzählverse, Zungenbrecher, Spiele mit Sprache und Semantik, wie sie häufig in Kinderspielen vorkommen. Diese Poesie zieht aus Wörtern neuen Sinn, und noch häufiger Unsinn. Diese Art Poesie, eingeleitet von Julian Tuwim und Jan Brzechwa, zur Meisterschaft gebracht von Wanda Chotomska, hat auch solche Vertreter wie Wiktor Woroszylski, Jerzy Ficowski, Danuta Wawilow, Dorota Gellner.
All dieser unser Reichtum ist eigentlich absolut unübersetzbar. Nicht viel leichter zu übersetzen ist die lyrische Poesie für Kinder, Gedichte solcher bekannter Autorinnen wie Kazimiera Illakowiczówna, Anna Kamienska, Joanna Kulmowa, Jadwiga Jalowiec oder die junge, vielversprechende Dichterin Zofia Beszczynka sind eigentlich gänzlich nur in der polnischen Sprache zugänglich.

In der Prosa für kleinere Kinder fand in den letzten zehn bis zwanzig Jahren eine entscheidende Veränderung statt. Im Zusammenhang mit dem Fortgang der Autorinnen der älteren Generation, solcher wie Hanna Ozogowska oder Mira Jaworczakowa fand ein Ende des didaktischen Schreibens statt, das, wenn auch in milder oder scherzhafter Form Fehler der Kinder, ihre Streiche und Unartigkeiten aufzeigt. In den Werken von Joanna Olech, Anna Onichimowska, Ewa Zienkiewicz, Artur Liskowacki, Jerzy Niemczuk ist zu beobachten, wie sich die Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen geändert haben. Letztere haben aufgehört, die Rolle der Unfehlbaren zu spielen, es wird meistens aus der Sicht des Kindes erzählt, das häufig seine Eltern mit einer nachsichtigen Distanz betrachtet.

Ein anderes charakteristisches Merkmal dieser Art von Literatur ist die Verwischung der Gattungsgrenzen, insbesondere derer, die einstmals die Welt der Märchen von einer realistischen Beschreibung des Lebens getrennt haben. Der moderne kindliche Held überschreitet mit Leichtigkeit Grenzen und begibt sich auf eine Reise ins Märchenland. Andererseits erinnert die Märchenwelt häufig an unsere eigene, wie zum Beispiel in der Literatur von Anna Lewkowska oder Dorota Terakowska. In der Märchenwelt spiegeln sich verschiedene Eigenschaften unseres Lebens wider.

Die fantastische Literatur hat, wie wohl überall in der Welt, ihre treuen Fans unter den Autoren wie unter den Lesern. Letztere greifen, ehrlich gesagt, lieber nach angelsächsischer Literatur, aber auch polnische Werke finden
Interesse. In der Vergangenheit war das literarische Märchen eine Maske für Gesellschaftskritik und politische Satire (Wiktor Woroszylski, Anna Kamienska), gelegentlich näherte es sich der philosophischen Erzählung (Ludwik Jerzy Kern, Zbigniew Zakiewicz), oder befasste sich mit psychologischen Problemen (Marta Tomaszewska). Die populärsten Autoren des vergangenen Jahrzehnts sind Andrzej Sapkowski (der Zyklus über Wiedêmin, eine Art Sarmatensage) sowie Dorota Terakowska, deren fantastische Romane universale Probleme des Seins betreffen, der Transzendenz, des Kampfes zwischen Gut und Böse. Dies ist bereits eine Grenzliteratur, die sowohl von Jugendlichen, als auch von Erwachsenen gelesen wird.
Der Sittenroman, dieses Genre „für Mädchen und andere“, ist, wie es häufig in Zeiten großer Veränderungen vorkommt, außerordentlich differenziert. Einzelne Werke treten miteinander in einen polemischen Diskurs. Die
unweigerliche Führung nimmt hier die Posener Schriftstellerin Malgorzata Musierowicz ein. Ihr zwölfbändiger Romanzyklus beschreibt das Haus der Familie Borejko voller Wärme, Optimismus und Liebe. In den Romanen von Krystyna Siesicka, Ewa Nowacka, Krystyna Boglar, Marta Fox, Kinga Dunin, Ewa Przybylska, Maryla Hempowicz, Anna Onichimowska kollidieren miteinander verschiedene Vorstellungen von Welt und Lebensstil. Eher liberale Ansichten, die für ein freies Leben einstehen, tiefgründige Analysen der aktuellen Sittennormen stehen neben düsteren Visionen (wie in dem Roman von Tomasz Tryzna Panna Nikt „Fräulein Niemand“), und solchen, die grotesk formuliert sind (Edmund Niziurski Pieç melonów na reke „Fünf Riesen auf die Hand“, die Geschichte von Teenagern, die in der Grauzone des Business Karriere machen wollen). Im Gegensatz zur Literatur für Erwachsene gibt es in der neuesten Jugendliteratur verhältnismäßig wenig Politik. Es finden sich keine Werke, die mit der Geschichte abrechnen, sie hinterfragen oder ihre „weißen Flecken“ ausfüllen. Vielleicht ist es dafür noch zu früh. Vielleicht spüren die Schriftsteller aber auch, dass sich die junge Generation nicht allzu sehr für die Vergangenheit interessiert und lieber nach vorne sieht, als nach hinten.


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